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BankwesenEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Aufgaben; Frühes Bankwesen; Bankwesen in Europa; Bankwesen in Nordamerika; Bankwesen an anderen wichtigen Wirtschafts- und Finanzstandorten; Die Rolle der Zentralbanken; Internationales Bankwesen
Das Europäische System der Zentralbanken wird von der 1998 gegründeten, in Frankfurt/Main ansässigen Europäischen Zentralbank angeführt. Zu den großen nationalen Zentralbanken in der Europäischen Union gehören die Deutsche Bundesbank, die französische Banque de France sowie die italienische Banca Nazionale de Lavoro. Große Geschäftsbanken sind beispielsweise die Deutsche Bank AG, die Dresdner Bank AG und die französischen Banken BNP PARIBAS, Le Crédit Lyonnais und Société Générale. In seiner Struktur unterscheidet sich das Bankwesen in diesen Ländern Europas zum Teil stark von dem anderer Industrienationen. Dabei liegen die Hauptunterschiede in den Besitzverhältnissen sowie in Art und Umfang der Geschäftstätigkeit. Der wichtigste Unterschied liegt in der Rolle, die der Staat einnimmt, besonders in den romanischsprachigen Ländern. So gut wie alle Kreditinstitute in den USA, Kanada und Großbritannien sind in Privatbesitz. In Frankreich und Italien jedoch haben die Regierungen die großen Geschäftsbanken über weite Strecken ihrer Geschichte entweder ganz besessen oder waren Hauptanteilseigner. Die französische Bank Crédit Lyonnais geriet Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts in die Kritik, als die Regierung ihr half, ihre hohen Handelsverluste auszugleichen. Die europäischen Banken handeln in Bereichen, in denen die Banken anderer Länder nicht handeln dürfen, wie z. B. Ausgabe und Erwerb von Aktien. Die Geschäftsbanken Europas sind stark gewinnorientiert und begrenzen ihr Kreditwesen auf kurzfristige Ausleihen. Langfristige Kredite werden von Tochterunternehmen gewährt. Die großen europäischen Banken unterhalten ein umfangreiches Netz von Filialen in ihrem jeweiligen Heimatland. Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts setzte in allen mitteleuropäischen Ländern im Bankwesen eine Fusionswelle ein. Aufgrund ihrer Erfolge bei der Kontrolle der Inflation und der Stärkung der Wirtschaftskraft Deutschlands war die Deutsche Bundesbank, die 1957 gegründete Nachfolgerin der Bank deutscher Länder, zur einflussreichsten Zentralbank in der Europäischen Union geworden. Die Verfassung hatte ihr eine weitgehende Unabhängigkeit gegenüber der Regierung eingeräumt. Im Zusammenhang mit der Vollendung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion wurde sie, wie alle übrigen Notenbanken der EU-Mitgliedstaaten, in das Europäische System der Zentralbanken eingegliedert.
Die Schweiz ist als Zentrum weltweiter Bankgeschäfte berühmt. Aufgrund der politischen Neutralität, der wirtschaftlichen Stabilität und des Schweizer Bankgeheimnisses gilt das Land als einer der wichtigsten Bankenplätze der Welt. Das Bankgeheimnis geht auf ein Gesetz von 1934 zurück, demzufolge sich die Banken eines strafbaren Vergehens schuldig machten, wenn sie Einzelheiten über ihre Kunden ohne deren ausdrückliche Zustimmung an Dritte weitergaben. Spätere Gesetzesänderungen und internationale Vereinbarungen haben das schweizerische Bankgeheimnis kaum verändert. Nach wie vor gelten Nummernkontos bei Schweizer Banken als sicheres Versteck für die Gelder von Steuerflüchtlingen. Bankgeschäfte mit Privatkunden tragen entscheidend zum Bruttosozialprodukt des Landes bei. Die halbstaatliche Schweizerische Nationalbank, die Zentralbank der Schweiz, ist als Aktiengesellschaft im gemeinsamen Besitz der Kantone, anderer Banken und der Öffentlichkeit. Die Schweizer Geschäftsbanken werden durch zwei große Konzerne beherrscht: die UBS AG (Union Bank of Switzerland) und die Credit Suisse Group. Zahlreiche kleinere Banken und Niederlassungen ausländischer Banken arbeiten von der Schweiz aus. Außerdem gibt es 24 Kantonalbanken, die von ihren jeweiligen Kantonen mit Mitteln ausgestattet und kontrolliert werden. Im Jahr 1997 richteten die drei Schweizer Großbanken Credit Suisse Group, Schweizerischer Bankverein und Schweizerische Bankgesellschaft (die beiden letztgenannten schlossen sich 1998 zur UBS zusammen) auf internationalen Druck hin einen Fonds zur Entschädigung von Holocaust-Opfern ein. Den Schweizer Banken war vorgeworfen worden, Guthaben von mehreren hundert Millionen US-Dollar zu lagern, die aus jüdischen Vermögen stammen; diese Vermögen seien von deutschen Nationalsozialisten geraubt und in der Schweiz deponiert worden. Nach einem Bericht der US-Zentralbank und des US-Finanzministeriums beläuft sich der Wert des Goldes, das jüdischen Bürgern im Dritten Reich geraubt wurde (siehe Raubgold), auf rund 1,79 Milliarden Euro; 85 Prozent davon wurden bei Schweizer Banken eingelagert. Nach jahrelangen Verhandlungen mit der EU um das Bankgeheimnis erzielte die Schweiz 2003 einen Kompromiss: Unter Einhaltung des Bankgeheimnisses erhebt sie für EU-Steuerbürger eine Quellensteuer auf die erzielten Zinsen, die zu 75 Prozent an deren Heimatland abgeführt wird.
Das Bankwesen in den USA unterscheidet sich grundlegend von dem Frankreichs oder Großbritanniens. In den beiden letztgenannten Ländern beherrschen, anders als in den USA, vergleichsweise wenige Institute das Bankwesen. In den Vereinigten Staaten von Amerika wurden in der Vergangenheit Banken durch wirtschaftspolitische Vorgaben an der Expansion gehindert; es war ihnen untersagt, außerhalb eines bestimmten Bundesstaates, manchmal sogar außerhalb der Grenzen des Verwaltungsbezirks, tätig zu werden. Damit sollten die vielen kleinen Bankhäuser vor Konkurrenz geschützt werden. Infolgedessen entstand ein landesweites Netz von zeitweise fast 12 000 Geschäftsbanken. Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts hoben die meisten Bundesstaaten wie auch die Regierung in Washington die gesetzlichen Einschränkungen auf, insbesondere für Fusionen und Aufkäufe. Zahlreiche Banken übernahmen andere Banken inner- und außerhalb der Bundesstaaten, in denen sie ansässig waren, und vergrößerten sich dadurch erheblich. Damit einher ging ein prägnanter Konsolidierungsprozess: Die Zahl der Geschäftsbanken sank von über 11 000 im Jahr 1997 auf rund 8 000 im Jahr 2004. Dennoch ist in den USA der Konzentrationsgrad des Bankensektors noch immer weitaus geringer als in Großbritannien, Frankreich, Spanien oder gar der Schweiz. 2003 bestritten in den USA die fünf größten Banken, angeführt von der Bank of America, ein knappes Viertel der Bilanzsumme aller in den USA ansässigen Banken. In den anderen genannten Ländern lag der entsprechende Wert zwischen 41 Prozent (Großbritannien) und 80 Prozent (Schweiz). Das 1913 gegründete US-amerikanische Zentralbanksystem (Federal Reserve System) besteht aus dem siebenköpfigen Board of Governors mit Sitz in Washington und zwölf Reservebanken (Federal Reserve Banks) in den großen Städten der USA (unter anderem New York, Boston, Philadelphia, Chicago), die jeweils das Zentrum eines Zentralbankdistrikts (Federal Reserve District) bilden. Die „Fed” fungiert als Notenbank, als Bank der amerikanischen Regierung und führt die Aufsicht über das Bankengewerbe. Sparinstitute besitzen in den USA eine lange Tradition. Sie wurden gegründet, weil die Geschäftsbanken die Privatkunden traditionell stark vernachlässigten. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden erstmals bausparkassenähnliche Vereinigungen (Savings and Loan Associations, SLAs), die nach dem Muster der Genossenschaftsbewegung in Schottland und England aufgebaut waren. Diese Institute handeln hauptsächlich mit Hypothekendarlehen für den Bau und Kauf von Wohnungen. Ihr gesellschaftliches Ziel ist die Förderung von Wohneigentum. Amerikanische Sparkassen, die mit ähnlichen Zielsetzungen gegründet wurden, legen die Einlagen ihrer Kunden in Aktien und Schuldverschreibungen, insbesondere Staatsschuldverschreibungen, an. Außerdem bieten sie ebenfalls Hypothekenkredite an. Auch Kreditgenossenschaften (Credit Unions) legen Geld für ihre Mitglieder an. Die bundesstaatlichen Reglementierungen für Geschäftsbanken führten dazu, dass es seit Mitte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts nur zu wenigen Bankenzusammenbrüchen gekommen ist; in einigen Marktbereichen blieb der Wettbewerb trotz dieser Reglementierungen sehr ausgeprägt. Andererseits wurde auf lokaler Ebene die Monopolbildung gefördert.
Die Bank of Canada mit Sitz in Ottawa fungiert als nationale Zentralbank. Toronto ist das Finanzzentrum Kanadas, denn hier befinden sich die Zentralen der meisten in Kanada tätigen Banken. Der kanadische Bankensektor umfasst 21 inländische Banken sowie 45 Tochtergesellschaften und Filialen ausländischer Banken. Diese betreiben ein ausgedehntes Filialnetz mit rund 8 000 Einheiten. Die größten Geldhäuser sind, gemessen an der Bilanzsumme, die Royal Bank of Canada und die Toronto-Dominion Bank. Die sechs größten konzessionierten Banken in Kanada verwalten mehr als 90 Prozent des gesamten Bankenvermögens. Bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts waren die Geschäftsbereiche von Banken, Wertpapierhändlern und Versicherungen voneinander getrennt. Seitdem ist es auch in Kanada zu einer Konsolidierung des Finanzdienstleistungssektors gekommen. Im Zug dessen nahmen die Banken neben dem Einlagen- und dem Kreditgeschäft eine ganze Palette weiterer Finanzdienstleistungen in ihr Angebot. Umgekehrt bieten die so genannten Trust Companies (Kapitalanlagegesellschaften) nicht nur im Auftrag ihrer Kunden Kapital an, sondern verwalten auch Einlagen und vergeben Kredite. Sie können außerdem im Rahmen der Treuhandverwaltung das Vermögen ihrer Kunden betreuen und staatlich anerkannte Altersvorsorgeprogramme anbieten sowie in Hypotheken, Wertpapiere und andere Kreditinstrumente investieren. Schließlich sind traditionell auf die Vermögensverwaltung spezialisierte Institute heute zusätzlich am Geldmarkt, im Einlagen- und Kreditgeschäft aktiv, und Lebensversicherungsgesellschaften steht es frei, daneben auch Bankgeschäfte zu betreiben.
Als eines der reichsten Länder der Welt übt Japan über seine Banken starken Einfluss auf die Weltwirtschaft aus. Unter den weltweit 30 größten befinden sich vier japanische Banken, die größte von ihnen, die Mitsubishi Tokyo Financial Group, rangiert auf Platz drei der Welt. Die Bank von Japan mit Sitz in Tokyo kontrolliert als Zentralbank das nationale Bankwesen. Ihre von der Verfassung garantierte Selbständigkeit ist im Vergleich mit den Zentralbanken anderer Länder weniger weitreichend. Einige öffentliche Finanzinstitute betätigen sich in Geschäftsfeldern, in denen sie tendenziell mit den privaten Geschäftsbanken konkurrieren: Die japanische Entwicklungsbank (Japan Bank for International Cooperation, JBIC) vergibt Mittel zur Finanzierung von Auslandsinvestitionen und Außenhandelsgeschäften, eine Wohnungsbaugesellschaft, die Government Housing Loan Corporation (die allerdings nach den Plänen der japanischen Regierung privatisiert werden soll), unterstützt die Bereitstellung von Firmenwohnungen, und die Agriculture, Forestry and Fisheries Finance Corporation, eine staatliche Finanzierungsgesellschaft für Land- und Forstwirtschaft und Fischerei, vergibt Darlehen für die Anschaffung von Maschinen und Ausrüstungsgütern. Die Geschäftsbanken sind oft Teilbereiche der so genannten Keiretsu (siehe Zaibatsu), der großen japanischen Unternehmensgruppen, in denen sie traditionell die Rolle von Hausbanken spielen. Kleine Genossenschaften und Kreditvereine, die auf Bezirksebene gruppiert sind, haben sich auf Bankgeschäfte mit Landwirten und Kleinbetrieben spezialisiert. Japans Sparkassen wurden nach einer Reform 1989 in Geschäftsbanken umgewandelt. Die staatliche Postsparkasse (Japan Post) bietet hauptsächlich Anlagemöglichkeiten für private Sparer. Durch die Reform der Bankgesetze Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts konnten die Banken auch im internationalen Wertpapierhandel tätig werden, der bis dahin von sehr erfolgreich wirtschaftenden Finanzhäusern betrieben worden war. Umgekehrt wurde den Wertpapierinstituten die Möglichkeit gegeben, Bankgeschäfte anzubieten.
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