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Ästhetik

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Henri BergsonHenri Bergson
Artikelgliederung
1

Einleitung

Ästhetik, Philosophie der Kunst, (griechisch aistánesthai: wahrnehmen bzw. aisthesis: Wahrnehmung, Empfindung), philosophische Disziplin, die sich mit dem Schönen und seiner Wahrnehmung sowie mit der Kunst beschäftigt.

Als Disziplin der Philosophie, die sich dem Schönen und der Kunst zuwendet, wurde die Ästhetik in der Mitte des 18. Jahrhunderts begründet. Der Begriff wurde von Alexander Gottlieb Baumgarten in seiner 1750 veröffentlichten Aesthetica eingeführt. Nach ihrem Gegenstandsbereich reicht die Geschichte der Ästhetik aber bis in die griechische Antike zurück. Insofern ist es auch üblich, von einer Ästhetik der Antike oder des Mittelalters zu sprechen.

Eines der Grundthemen ästhetisch-philosophischer Reflexion ist die Frage nach möglichen Kriterien zur Beurteilung des Schönen und der Kunst sowie nach der intersubjektiven Verbindlichkeit dieser Kriterien. Weiterhin fragt die Ästhetik nach der Differenz ästhetischer Urteile zu moralisch-praktischen und theoretischen Urteilen. Sie rekonstruiert die Art und Weise, in der Kunstwerke die Welt erschließen, und hebt sie von anderen Weisen der Welterschließung wie Mythos, Religion und Wissenschaften ab. Darüber hinaus rekonstruiert die Ästhetik gesellschaftlich-geschichtliche und individuelle Bedingungen der Produktion von Kunstwerken, ihre strukturalen Merkmale sowie die Bedingungen ihrer Rezeption. Sie erörtert das Verhältnis der verschiedenen Kunstgattungen zueinander, das Verhältnis des einzelnen Werks zum Begriff der Kunst sowie die historischen Transformationen des Kunstbegriffs.

2

Geschichte

2.1

Antike

In der Antike wurde die Frage nach der Kunst zunächst im Rahmen der Poetik und der Rhetorik diskutiert. Beide Disziplinen formulieren Kriterien zur Beurteilung der Schönheit des sprachlichen Ausdrucks und geben zugleich Anweisungen zum Abfassen gelungener Dichtungen und Reden. Die ersten dezidiert philosophischen Theorien des Schönen und der Kunst stammen von Platon, der Schönheit und Kunst als voneinander unabhängige Phänomene behandelt. Der neuzeitliche Begriff des Kunstschönen war ihm fremd. Als Paradigma der Schönheit gilt Platon in erster Linie die menschliche Gestalt. Während er der Schönheit in seiner Philosophie einen wichtigen Stellenwert einräumt, verurteilt er die Kunst. Insbesondere die nachahmende Kunst (Malerei und Plastik) kritisiert Platon in seiner Politeia (Der Staat) als „Schein” und fordert dazu auf, alle Künstler aus dem in dieser Schrift entworfenen utopischen Idealstaat zu verbannen.

Ausgehend von seiner Ideenlehre, die postuliert, dass allein der Welt archetypischer Ideen Realität zukomme, können Kunstwerke nur als Abbilder einer sinnlich wahrnehmbaren Welt verstanden werden, die selbst schon als Abbild der überweltlichen Ideen aufgefasst wird. Als „Abbild des Abbilds” wird die Kunst somit doppelt unwirklich. Während Platon die nachahmende Kunst verurteilt, lobt er andererseits die an der menschlichen Gestalt aufscheinende Schönheit. Das Schöne gilt ihm als Abglanz der Ideen, als Stufe auf der Treppe, über die sich der Schauende zu den Ideen zu erheben vermag. Schönheit hat für Platon insofern einen medialen Charakter, sie wird als „geburtshelfende Göttin” in den Dienst der Ideen des Wahren und Guten gestellt, die sich nicht unmittelbar, sondern nur ästhetisch gebrochen anschauen lassen. Wie in der gesamten antiken Philosophie bilden die Ideen des Schönen, Wahren und Guten bei Platon einen engen Verweisungszusammenhang: Was wahr und gut ist, gilt zugleich als schön.

Bei Platons Schüler Aristoteles finden sich nur wenige Ausführungen zur Schönheit. In seiner Metaphysik definiert er das Schöne als Zusammenspiel von Ordnung, Gleichmaß und Begrenztheit. Für die Theorie der Kunst wird der Einfluss des Aristoteles dagegen bahnbrechend. Insbesondere die drei Leitkategorien der Aristotelischen Poetik – Poiesis, Mimesis und Katharsis – prägen die kunstphilosophischen Diskussionen bis heute. Unter dem Schlagwort der Poiesis thematisiert Aristoteles die Schöpfung des Künstlers, die Mimesis steht für die Darstellungsleistung des Kunstwerks, im Zusammenhang mit der Katharsis schließlich beschreibt Aristoteles die Wirkungen der Kunstwerke auf ihre Rezipienten. Die Poetik des Aristoteles stellt verbindliche Regeln für das Abfassen von Tragödien auf; sie artikuliert die bis in die Dramentheorie des Klassizismus (17. bis 18. Jahhundert) hinein dominierende Lehre von den drei Einheiten (Zeit, Ort und Handlung) des Dramas. Für die Wirkungsästhetik und -psychologie wurde die Poetik durch die Forderung bedeutend, dass die Tragödie Gefühle des Mitleids und der Furcht erwecken soll, um das Publikum von diesen Affekten zu befreien und innerlich zu reinigen (Katharsis). Für die Produktionsästhetik wurde der Gedanke des Aristoteles wegweisend, dass der Künstler nicht die Natur als Produkt (natura naturata), sondern die Natur als schöpferische Kraft (natura naturans) nachahme (Mimesis).

Plotin, der wichtigste Vertreter des Neuplatonismus, misst der Schönheit eine noch größere Bedeutung bei als Platon. In seinem Denken vereint sich die platonische Vorstellung einer höchsten Idee mit dem christlichen Motiv eines transzendenten Schöpfergottes. So wie die Sonne ein ständiges Abstrahlen von Wärme und Licht sei, so geht auch nach Plotins Auffassung Gott in seiner Allmächtigkeit permanent aus sich heraus, entäußert sich in eine Kette absteigender Emanationen in die Welt, die er als schönen und geordneten Kosmos deutet. Gegenläufig zu dieser abwärtsgerichteten Bewegung einer Selbstentäußerung Gottes strebt der Mensch nach der Henosis, der Vereinigung mit dem „Göttlichen Einen”. Über Erfahrungen der Kontemplation von Schönheit nähert sich der Mensch diesem „Göttlichen Einen” an. In der ästhetischen Erfahrung, die der mystischen Erfahrung nahekommt, erhebe sich der Mensch über sich selbst.

2.2

Mittelalter und Renaissance

Im Mittelalter spielte die Theorie des Schönen innerhalb der Philosophie nur eine untergeordnete Rolle. Die irdische Welt des Materiellen und der sinnlichen Erscheinungen wurde gegenüber einer jenseitigen, göttlichen Welt radikal abgewertet. Insofern fungieren auch die Kunstwerke lediglich als sekundäre Illustrationen von Glaubensinhalten, die „an sich” bestehen und insofern nicht notwendig auf künstlerische Darstellungen angewiesen sind. Gleichwohl wurden auch in der mittelalterlichen Philosophie, insbesondere im Umkreis der Mystik, Theorien des Schönen skizziert. So thematisieren etwa Dionysius Areopagita (6. Jahrhundert) und Johannes Scotus Erigena (etwa 810 bis 877) die göttliche Schönheit als einen Lichtglanz, der sich über alles Seiende ergießt und von dem aus sich dem Menschen die gesamte Welt überhaupt erst aufhellt.

Ähnlich wie die Antike unterscheidet auch das Mittelalter noch nicht klar zwischen Kunst im neuzeitlichen Sinn, handwerklicher Kunstfertigkeit und theoretischen Wissenschaften. Die sieben freien Künste (septem artes liberales), die den Bildungskanon des freien Mannes im Mittelalter ausmachen, umfassen Grammatik, Rhetorik und Dialektik (das Trivium der drei Wortkünste) sowie Musik, Astronomie, Arithmetik und Geometrie (das Quadrivium der vier wortlosen Künste).

Die Renaissance zeichnet sich als kulturelle Epoche durch eine Wiederentdeckung der Antike sowie eine Hinwendung zur Natur, zum Menschen und zur Sprache aus. Die Hinwendung zur Natur und zum Menschen spiegelt sich vor allem in der Malerei, die sich nach und nach von ihrer Funktion der Vergegenwärtigung religiöser Gehalte emanzipiert. Die Ästhetik der Renaissance findet ihren gedanklichen Ausdruck in den literatur- und sprachtheoretischen Traktaten der italienischen Renaissancehumanisten, die an das umfassende Bildungsideal der antiken Rhetoriker anknüpften und zugleich die italienische Sprache als neue Literatursprache entdeckten. Darüber hinaus wurde die Ästhetik in dieser Zeit durch theoretische Schriften von Künstlern wie dem Architekten Leon Battista Alberti sowie den Malern Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer befördert.

Von den Künstlerphilosophen der Renaissance wird Schönheit nicht mehr als ontologischer Ausdruck einer den Kosmos ordnenden Macht Gottes gedacht, sondern von ihrer Wirkung aufs Subjekt her verstanden. In diesen Zusammenhang fällt auch die Entdeckung der Zentralperspektive durch die Maler der Renaissance. Diese entwickelten einen säkularisierten Begriff des Schönen; sie befreiten das Bild aus kultisch-religiösen Zusammenhängen und verwandelten es zum Ausdruck einer reinen Sichtbarkeit. Die Kunst begriff sich zunehmend als autonom. Die schönen Künste trennten sich von den mechanischen Künsten, den Wissenschaften und der Religion. In den Blickpunkt der Renaissanceästhetik rückte auch die wichtige Rolle der künstlerischen Einbildungskraft. Marsilio Ficino verwies in diesem Zusammenhang auf die Gottesebenbildlichkeit des Künstlers, den er als „artifex divinus”, als göttlichen Schöpfer beschreibt, der mittels seiner Phantasie neue Welten zu erschaffen in der Lage ist.

Die ästhetische Diskussion des 17. Jahrhunderts wurde wesentlich durch die Querelle des anciens et des modernes bestimmt, in deren Rahmen das Verhältnis der neuen Literatur zu den Klassikern der griechischen Antike erörtert wurde. Während die Anciens den absoluten Vorbildcharakter der antiken Literatur behaupteten und in normativen Regelpoetiken zu verankern suchten, plädierten die Modernes für die Eigenständigkeit der neuzeitlichen Literatur.

2.3

18. und 19. Jahrhundert

2.3. 1

Baumgarten

Mit der Einführung ihres Begriffs in die philosophische Tradition durch Alexander Gottlieb Baumgarten, dessen Aesthetica 1750 erschien, wurde die Ästhetik zu einer allgemeinen Theorie der Sinne und der Wahrnehmung, die auch eine Lehre von der Wahrnehmung des Schönen und der Kunst beinhaltete. Die Verlagerung der Lehre vom Schönen, die bisher der Ontologie vorbehalten war, auf das Gebiet einer generellen Wahrnehmungslehre bereitete die Autonomie der ästhetischen Geltung gegenüber moralischen und theoretischen Geltungsansprüchen vor, wie sie später von Kant proklamiert wurde. Gleichzeitig kündigte sich in der Aesthetica bereits die „kopernikanische Wende” auf das Subjekt an, die auf dem Feld der Erkenntnistheorie ebenfalls später von Kant vollzogen wurde. Nicht mehr das Schöne als objektive Eigenschaft von Dingen stand von nun am im Mittelpunkt der ästhetischen Theorie, sondern das die Schönheit von Gegenständen empfindende und beurteilende Subjekt.

Im Vergleich zur begrifflichen Erkenntnis des Wahren gilt die Wahrnehmung des Schönen bei Baumgarten zunächst als niederes Erkenntnisvermögen, als „gnoseologia inferior” und als „logica facultatis cognoscitivae inferioris”. Das Ästhetische erhebt hier erstmals den Anspruch auf eine der Erkenntnis analoge Geltung. Zugleich formulierte die Ästhetik aber auch eine Kritik am einseitig an den Methoden der Naturwissenschaften ausgerichteten Vernunftbegriff der neuzeitlichen durch Francis Bacon und René Descartes begründeten Philosophie. Gegen den Wissenschaftspurismus der empiristischen und rationalistischen Philosophie klagte Baumgarten Sinnlichkeit und Phantasie als Konstituenten eines weiter gefassten Vernunftbegriffs ein. Gleichzeitig wendet sich die Ästhetik bei Baumgarten der Erkenntnis des Individuellen zu, das von der rationalistischen Philosophie vernachlässigt wurde. Die Ästhetik beerbte in dieser Hinsicht die Tradition der antiken Rhetorik, deren zentralen Begriffe von Baumgarten philosophisch transformiert werden.

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