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Provenzalische Literatur

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Frédéric MistralFrédéric Mistral

Provenzalische Literatur, die in den regionalen Mundarten Südfrankreichs abgefasste Literatur; die früheste, voll ausgebildete Literatur in einer romanischen Sprache.

Die ersten literarischen Werke in provenzalischer Sprache wurden vermutlich von Priestern und Mönchen im 9. Jahrhundert geschrieben. Mit selbst verfassten oder aus dem Lateinischen übersetzten und in der Volkssprache gehaltenen Predigten, Kirchenliedern, erbaulichen Erzählungen, Allegorien und Heiligenlegenden versuchten sie, die Sympathien des Volkes für ihre Religion zu gewinnen und zu sichern. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts erhielt die Dichtung durch die Religionskriege der Kreuzzüge und das Aufkommen des Rittertums verstärkt Anregungen.

Die altprovenzalische Dichtung umfasst in erster Linie lyrische Werke. Prosawerke sind in geringem Umfang in Form von moralisch-didaktischen und hagiographischen Schriften vorhanden. Daneben entstanden einige epische Werke wie die in Frankoprovenzalisch abgefasste Version des Alexanderromans von Albéric de Besançon (um 1120) sowie höfische Dichtungen aus dem Artuskreis, etwa der anonyme Versroman Jaufré (1. Hälfte des 13. Jahrhunderts) sowie der nur fragmentarisch erhaltene Versroman Flamenca (um 1240). Erst im 14. und 15. Jahrhundert erfuhr die Prosaliteratur durch wissenschaftliche, juristische, philologische und ähnliche Texte eine weitere Bereicherung. Das Drama im engeren Sinne gab es nicht. Die einzigen Schöpfungen, die als dramatisch bezeichnet werden können, sind dialogisierte Fassungen religiöser Stoffe und Mysterienspiele, die im 15. Jahrhundert weit verbreitet waren.

Den Mittelpunkt der altprovenzalischen Literatur bildet die Dichtung der Troubadoure (trobadors), die zu Beginn des 12. Jahrhunderts aufkam und ihre Blütezeit am Ende des Jahrhunderts mit den Dichtern Bertran de Born, Arnaud Daniel und Guiraut de Bornelh erreichte. In nur wenigen Generationen entwickelte sich die mannigfache Formen abdeckende Dichtung der Troubadoure zu einer formal derart vollendeten Ausdrucksweise, dass das Provenzalische im 13. Jahrhundert gelegentlich als die geeignetste Sprache der Poesie bezeichnet wurde.

Die Minnelyrik der Troubadoure mit ihrer kultischen Verehrung der Frau und der Verherrlichung der Liebe war von großer Bedeutung für die volkssprachliche Literatur des Mittelalters und insbesondere für die Dichtung Petrarcas.

Der Krieg gegen die Albigenser im 13. Jahrhundert und das Einsetzen der französischen Vorherrschaft im Süden setzten der höfischen Kultur ein Ende und leiteten zugleich den Niedergang der provenzalischen Literatur ein. In den folgenden Jahrhunderten entstanden nur wenige bemerkenswerte Werke in provenzalischer Sprache. Im 19. Jahrhundert kam es jedoch zu einer erneuten Blüte der provenzalischen Literatur. Unter den ersten Dichtern, die sich um die Betonung des Eigenwerts der provenzalischen Sprache bemühten, befand sich u. a Jacques Jasmin. Die Bewegung des Félibrige, eine 1854 gegründete Gesellschaft zur Wiederbelebung des Provenzalischen, deren Mitbegründer und führender Vertreter Frédéric Mistral war, leitete die Erneuerung der provenzalischen Literatur ein. Im 20. Jahrhundert öffnete sich die neuprovenzalische (okzitanische) Literatur den großen Strömungen der modernen europäischen Literatur. 1993 wies die französische Regierung, die damit die Bedeutung regionaler Kultur anerkannte, die staatlichen Schulen an, Provenzalisch und andere regional gebundene Sprachen in den Lehrplan aufzunehmen.

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