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Augustinus

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AugustinusAugustinus
Artikelgliederung
1

Einleitung

Augustinus, Aurelius, eigentlich Augustinus, (354-430), nordafrikanisch-weströmischer Kirchenvater und einer der bedeutendsten Kirchenlehrer. In einer Übergangszeit zwischen Spätantike und Mittelalter wirkend, hatte er überwiegend bis zu Reformation und Renaissance einen unvergleichlichen Einfluss auf die abendländische Geistes- und Kirchengeschichte. Viele seiner Texte waren auch literarisch und psychologisch bahnbrechend; bis ins 20. Jahrhundert griff die Philosophie in Spezialfragen oft auf ihn zurück.

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Leben

Augustinus wurde am 13. November 354 in T(h)agaste (heute Souk Ahras, im ostalgerischen Bergland) in der nordafrikanischen römischen Provinz Numidia geboren. Sein Vater Patricius lebte bis zu seiner Taufe um 371 in der Glaubenswelt der römischen Mythologie. Seine Mutter, die heilige Monika, erzog ihn im christlichen Glauben – erst Augustinus führte die im 4. Jahrhundert noch nicht übliche Kindertaufe ein – und beeinflusste entscheidend seine Entwicklung. Augustinus studierte Rhetorik und klassische Literatur in Tagaste, Madauros (heute M’Daourouch) sowie in Karthago; anschließend war er in Tagaste (375), Karthago (ab 376) und Rom (383) sowie ab 384 in Mailand am römischen Kaiserhof als Lehrer der Rhetorik tätig: Die verschollene philosophische Abhandlung Hortensius des Cicero hatte ihn angeregt, sich mit der Philosophie zu beschäftigen. Augustinus fand zunächst keinen eigenen geistigen Zugang zum Christentum und wandte sich zwischen 373 und 382 dem Manichäismus und von 383 bis 385 der Skepsis (siehe Skeptizismus) zu. Die folgende Auseinandersetzung mit dem Neuplatonismus erleichterte ihm dann seine „Rückkehr” zum Christentum. In Mailand begegnete er 384 Ambrosius, der seine Bekehrung zum Christentum wesentlich beeinflusste.

386 erprobte Augustinus nach Niederlegung seiner Lehrtätigkeit und unterstützt durch einen wohlhabenden Freund in Cassiciacum (heute Casciago bzw. Cassago) im Norden Mailands erstmals eine dem Tusculum Ciceros bzw. dem Klosterleben ähnliche Lebensform. Hier entstanden Contra academicos (Gegen die Skeptiker, 1927: Drei Bücher gegen die Akademiker), De vita beata (Vom seligen Leben, 1923), De ordine (Über die Ordnung) und ein Teil der Soliloquia (Selbstgespräche) sowie als deren Fortsetzung De immortalitate animae (Über die Unsterblichkeit der Seele). In der Osternacht 387 wurde er gemeinsam mit seinem Sohn Adeodatus (372-390) durch Ambrosius getauft.

Nachdem Augustinus 388 nach Nordafrika zurückgekehrt war, lebte und studierte er weiter in einer klösterlichen Gemeinschaft, zunächst in Tagaste, nach seiner Priesterweihe 391 in Hippo Regius (heute Annaba, Algerien). Augustinus’ sprach- und zeichentheoretische Schrift De magistro (389; Über den Lehrer) gilt auch als ein philosophisch-literarisches Denkmal für seinen Sohn. Ab 395 war Augustinus Bischof von Hippo Regius. Während der Belagerung seiner Bischofsstadt durch die Wandalen starb er am 28. August 430. Sein Grab befindet sich seit dem 8. Jahrhundert im lombardischen Pavia. Auf Mitschriften beruhend, sind etwa 400 Predigten (Sermones) Augustinus’ sowie zahlreiche Briefe überliefert. Zwei Mönchsregeln Augustinus’, De ordine monasterii und Regula ad servos dei, gelten als Grundlage der Ordensregeln, auf die sich die Augustinerorden beriefen. Vor 439 verfasste sein Schüler Possidius von Calama die erste Biographie über ihn.

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Werke

Die einzige vollständige Ausgabe der Werke Augustinus’, die so genannte Mauriner Ausgabe, erschien von 1679 bis 1700. In übersetzter Form liegt sein Opus am umfassendsten in französischer Sprache vor (Bibliothèque Augustinienne, 1947ff.), eine Gesamtausgabe seiner Werke auf Deutsch erscheint seit 1955 (Deutsche Augustinusausgabe). Die Werkliste des Augustinus-Lexikons umfasst 131 Titel. Schon Possidius befürchtete, „daß kaum ein Gelehrter imstande ist, alles durchzulesen und zur Kenntnis zu nehmen”. Die Büchertruhe Isidors von Sevilla mit den Werken Augustinus’ war mit der Aufschrift versehen: „Ein Lügner sei, wer behaupte, den gesamten Inhalt gelesen zu haben”.

In der geistigen Auseinandersetzung mit den philosophischen und religiösen Strömungen seiner Zeit – darunter auch der Donatismus und der Pelagianismus – entwickelte Augustinus seine Lehren von der Erbsünde und der göttlichen Gnade (Ad Simplicianum I 2, 396/397; daher Augustinus’ Betitelung als doctor gratiae), der göttlichen Souveränität und der Prädestination, die sowohl die katholische Theologie als auch die Reformation beeinflussten. Nicht zuletzt beeinflusste er wesentlich die christliche Mystik.

Nach Augustinus hat nicht jeder Mensch die Möglichkeit, ins Paradies zu gelangen: „Das andere vernunftbegabte Geschöpf, der Mensch, der durch ererbte und eigene Sünden und Strafen ganz verlorengegangen war, sollte aus seinem wiederhergestellten Teil ergänzen, was der Fall der Dämonen der Gemeinschaft der Engel genommen hatte” (Enchiridion ad Laurentium…, 9, 29). Diese wenigen hätten ihre Rettung Gottes Gnade zu verdanken. Um Gott nicht als Tyrannen erscheinen zu lassen, der willkürlich den Großteil der Menschheit in die ewige Verdammnis stoße, griff Augustinus zum Konstrukt der Erbsünde, durch die ohne Zutun Gottes die Menschheit bis in alle Zukunft verloren sei: „Da nun, wie der Apostel sagt, in Adam alle sterben – hat sich doch von ihm als dem Ursprung die Beleidigung Gottes über das ganze Menschengeschlecht ausgebreitet –, so sind folglich alle Menschen wie ein einziger Sündenklumpen, der von der höchsten Gerechtigkeit die Todesstrafe verdient hat” (Ad Simplicianum I 2, 16).

Neben dem Versuch einer objektiven Bewertung Augustinus’ finden sich oft Vorwürfe, Augustinus habe durch seine Gnadenlehre und die Befürwortung von staatlicher Gewalt gegenüber religiös Andersdenkenden Gewaltherrschaft und -ausübung deutlich Vorschub geleistet; zudem habe er durch seine begriffliche Engführung von Erbsünde und Sexualität wesentlich zur Dämonisierung der Letzteren beigetragen.

Augustinus’ bekanntestes Werk sind die in 13 Bücher eingeteilten Confessiones (397-401; Bekenntnisse, 1672: Die dreyzehen Bücher der Bekantnussen), in denen er hauptsächlich sein Leben bis zum Tod seiner Mutter (Herbst 387) beschreibt. Eigentlich aber ist das Werk ein einziger monumentaler Brief an Gott. Die in den Bekenntnissen als Gartenszene geschilderte Bekehrung Augustinus’ inspirierte zahlreiche bildliche, literarische und musikalische Darstellungen, bis hin zum Oratorium La conversione di Sant’Agostino Johann Adolf Hasses. Augustinus’ Theorie des Gedächtnisses (memoria) im zehnten Buch der Confessiones wurde ausführlich von Karl Jaspers diskutiert (und fand auch Eingang in Martin Walsers Roman Das Einhorn). Mit Augustinus’ Abhandlung über den Begriff der Zeit in Buch XI der Confessiones beschäftigten sich u. a. Edmund Husserl, Martin Heidegger und Bertrand Russell.

In seiner großen christlichen Apologie De civitate Dei (413-426; Über den Gottesstaat; 1826 auf Deutsch unter dem Titel Zwey und zwanzig Bücher von der Stadt Gottes), zu der die Plünderung Roms 410 durch die Westgoten den Anstoß gab, legte Augustinus seine theologisch begründete Geschichtsphilosophie dar, die von bisherigen Modellen der fortwährenden Wiederkehr durch ihre Idee des linearen, zielgerichteten Verlaufs der Menschheitsentwicklung abwich; das Werk gilt zudem als Klassiker der Staatstheorie.

Zwischen 387 und 395 entstanden De quantitate animae (Über die Größe der Seele), De musica sowie die antimanichäischen Schriften De moribus ecclesiae catholicae et de moribus Manichaeorum (Über die Sitten der katholischen Kirche und der Manichäer), De Genesi contra Manichaeos (Genesiskommentar gegen die Manichäer), De vera religione (Über die wahre Religion, 1533: Von warem gottsdienst), De utilitate credendi (Über den Nutzen des Glaubens), Contra Fortunatum disputatio (Disputation gegen Fortunatus) und Contra Faustus (Gegen Faustus). Zu Augustinus’ antidonatistischen Schriften gehören De baptismo contra Donatistas (400/401; Über die Taufe gegen die Donatisten) und Contra Cresconium grammaticum et Donatistam (um 406; Gegen den Grammatiker und Donatisten Cresconius). Wichtige antipelagianische Schriften Augustinus’ sind De peccatorum meritis et remissione et de baptismo parvulorum (411/412; Über die Verdienste der Sünder, über die Vergebung und über die Kindertaufe), De gratia Christi et de peccato originali (418; Über die Gnade Christi und die Erbsünde), De nuptiis et concupiscentia (419-421; Über die Ehe und die Begehrlichkeit) und Contra Iulianum (421; Gegen Julian).

Weitere bedeutende Werke von Augustinus sind Retractationes (428), ein Rechenschaftsbericht in Form einer kommentierten Zusammenstellung seiner bisherigen Schriften, Epistolae (386-429), De libero arbitrio (389-395; Über den freien Willen; 1824/25 auf Deutsch unter dem Titel Freyheit des menschlichen Willens und Göttliche Gnade), De doctrina christiana (397-428; Über die christliche Lehre; 1532 auf Deutsch unter dem Titel Augustini des heyligen Bischofs IV Bücher von Christlicher leer), De trinitate (399-419; Über die Dreieinigkeit) und De natura et gratia (413-415; Über die Natur und die Gnade); ferner De Genesi ad litteram (401-414; Über die Genesis nach dem Wortsinn), De sermone domini in monte (394; Über die Predigt des Herrn auf dem Berg), Enchiridion ad Laurentium de fide, spe et caritate (um 423; Handbüchlein an Laurentius über Glaube, Hoffnung und Liebe) und De catechizandis rudibus (um 400; Über die Unterweisung der Ungelehrten, 1781: Über den ersten christlichen Religionsunterricht).

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