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Lied

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Oswald von WolkensteinOswald von Wolkenstein
Artikelgliederung
1

Einleitung

Lied, sprachlich-musikalisches Gebilde, dessen Text in der Regel in Gedichtform abgefasst ist. Grundsätzlich werden das künstlerisch geformte Kunstlied und das funktionsgebundene Volkslied, das aus der mündlichen Überlieferung des Volkes stammt, unterschieden. Im modernen Sprachgebrauch wird der Begriff Lied meist für ein- oder zweistimmige Vokalkompositionen verwendet, die a cappella oder mit Instrumentalbegleitung gesungen werden.

2

Mittelalterliche Liedformen

Volkslieder gab es zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen einstimmiger Lieder stammen aus antiken Versvertonungen vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 1. Jahrhundert n. Chr. Erhalten davon sind heute nur noch Bruchstücke auf Stelen; am besten erhalten sind die Fragmente des so genannten Seikilos-Liedes. Die Entwickung des Kunstliedes wurde seit dem Mittelalter im Anschluss an die lateinischen rhythmischen Strophendichtungen Hymnus, Cantio und Sequenz an den Höfen betrieben. In der mehrstimmigen abendländischen Musik werden liedhafte Formen nach 1200 im Conductus und der Motette sowie später im nordfranzösischen Diskantlied sichtbar. Im 12. und 13. Jahrhundert waren in Südfrankreich und in der Provence die Troubadours tätig, deren Einfluss in Nordfrankreich bei den Trouvères deutlich wurde. In Deutschland waren in den folgenden Jahrhunderten die Minnesänger, die ihre Lieder an den Höfen komponierten und vortrugen, und die Meistersinger, die als Zunftmusiker in den Städten tätig waren, maßgeblich für die Entfaltung einstimmiger Liedkunst verantwortlich.

3

Renaissance, Barock und Klassik

In der Musik der Renaissance nahm das weltliche Lied einen großen Aufschwung. Die ersten Beispiele des mehrstimmigen Liedes finden sich bei Oswald von Wolkenstein im 15. Jahrhundert. Guillaume Dufay, ein aus der burgundischen Schule des 15. Jahrhunderts stammender Komponist, setzte die Tradition des polyphonen Chansons fort, das zum bedeutendsten weltlichen Musikgenre der Frührenaissance wurde. Zu dieser Zeit wurde auch das kunstvolle Tenor-Lied von Komponisten wie Heinrich Isaac und Ludwig Senfl entwickelt. Im 16. Jahrhundert wurde von spanischen, englischen und französischen Lautenkomponisten, die üblicherweise ihre Lieder selbst mit diesem Instrument begleiteten, das so genannte Lautenlied entwickelt. Das erste im Druck erschienene Buch mit Lautenliedern (1536) stammt von dem spanischen Komponisten Don Luis Milán. In England schufen Komponisten wie John Dowland und Thomas Morley um 1600 ebenfalls hervorragende Beispiele von Lautenliedern.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Einfluss der italienischen Villanella und Canzonetta für den Liedsatz wegweisend und Komponisten wie Hans Leo Haßler und Leonhard Lechner schufen zahlreiche Werke, die vom homophonen Oberstimmensatz der italienischen Vorbilder geprägt waren. Im 17. Jahrhundert wurde dann, ausgehend von der zeitgenössischen Instrumentalmusikpraxis, auch das Lied vom Generalbass-Satz bestimmt. In dieser Zeit bildeten sich – unter dem Einfluss von Barockdichtern (Martin Opitz, Paul Gerhardt) – in Deutschland einzelne Liedschulen (Hamburg, Norddeutschland, Sachsen, Thüringen und Nürnberg).

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und im 18. Jahrhundert wurde die Liedkunst von der neuen Gattung Oper zunehmend verdrängt. Die neuen Ausdrucksmöglichkeiten und die gestiegenen technischen Anforderungen in den höchst anspruchsvollen Arien drängten das einfachere Lied in den Hintergrund. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schafften die wieder auf Einfachheit und Volkstümlichkeit abzielenden Versuche der so genannten „zweiten Berliner Schule” (Johann Friedrich Reichardt, Carl Friedrich Zelter) entscheidende Neuansätze in der deutschen Liedtradition. Die Komponisten der Wiener Klassik waren (neben wenigen Ausnahmen) insgesamt an der Gattung Lied wenig interessiert.

4

Das Kunstlied

In der Romantik wandten sich viele Komponisten unter dem Einfluss literarischer Strömungen (ab 1780) wieder der Liedform zu, der eine größere emotionale Ausdruckskraft als der reinen Instrumentalmusik zugeschrieben wurde. Dazu kam die Veränderung in der Instrumentalbegleitung vom starren Generalbass-Satz zum variablen Klaviersatz. Der bedeutendste Vertreter des romantischen Kunstliedes war Franz Schubert, der die Gattung begründete und zur Vollendung führte. Seine über 600 Lieder repräsentieren die Haupteigenschaften der Gattung: neben einer harmonisch außerordentlich komplexen Klavierbegleitung, die ein gleichberechtigter Partner gegenüber dem Gesang ist und den Inhalt des Textes zusätzlich interpretiert, vor allem poetischer Erfindungsreichtum (von schlichtester Volkstümlichkeit bis zu ausgefeilter psychologischer Charakterisierung) und große formale Bandbreite (vom einfachen Strophenlied bis zum durchkomponierten Lied). Vorlage für die Liedbearbeitung war bei Schubert häufig die Lyrik Goethes (von ihm hat er etwa 80 Gedichte vertont, darunter Gretchen am Spinnrade, 1814, und Der Erlkönig, 1815) und Heinrich Heines. Schubert war (nach Beethovens An die ferne Geliebte) im eigentlichen Sinn auch der Begründer des „Liederzyklus” (eine Reihe von Liedern, die in thematischem Zusammenhang stehen): Die schöne Müllerin entstand 1823 und Winterreise 1827. Schwanengesang (1828) wurde erst nach Schuberts Tod in der heutigen Zusammenstellung veröffentlicht.

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