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Marquis de Sade

Enzyklopädieartikel
Artikelgliederung
1

Einleitung

Marquis de Sade (1740-1814), französischer Schriftsteller. Bekannt wurde er vor allem aufgrund seiner Beiträge zur erotischen Literatur, die lange Zeit als anstößiges Schrifttum galten. Auf ihn geht der Begriff des Sadismus zurück.

De Sade wurde am 2. Juni 1740 als Sohn eines Diplomaten aus altem provenzalischem Adel in Paris geboren und in einem Jesuitenkolleg erzogen. Im Siebenjährigen Krieg kämpfte er als Kavallerieoffizier im französischen Heer, arbeitete zeitweise gemeinsam mit seiner Frau für ein Privattheater und wurde nach einigen kürzeren Gefängnisaufenthalten 1772 wegen mehrerer Sexualdelikte mit Prostituierten zum Tod verurteilt. Er floh nach Italien, wo er wiederum in Haft geriet und nach seiner neuerlichen Flucht weitere Orgien feierte, kehrte jedoch 1777 nach Paris zurück, wurde festgenommen und in Vincennes eingekerkert. Dort war er sechs Jahre in Haft und begann 1782 mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit; ab 1784 verbüßte er mehrere Jahre seiner Gefängnisstrafe in der Bastille, wo als „Frucht jahrelanger Nachtarbeit” ein großer Teil des philosophischen Briefromans Aline et Valcour (1793; Aline und Valcour) entstand, zugleich ein Beispiel der Robinsonade in der französischen Literatur. 1789 – zehn Tage vor dem Sturm auf die Bastille – wurde de Sade in die Irrenanstalt von Charenton (heute ein Teil von Saint-Maurice) im Departement Val-de-Marne eingewiesen. 1790 kam er frei und machte sich durch politische Pamphlete zum Wohl der Französischen Revolution einen Namen; drei Jahre später rettete ihn ein Schreibfehler Jean Paul Marats vor der Guillotine (später entkam er nochmals der Exekution; er musste aber noch im gleichen Jahr wieder einsitzen). 1801 wurde de Sade aufgrund neuer Vergehen und wegen seiner angeblich „unsittlichen” Literatur abermals verhaftet und verbrachte die Jahre ab 1803 bis zu seinem Tod als Insasse der Anstalt von Charenton, wo er mit den Insassen Theaterstücke probte. De Sade starb am 2. Dezember 1814 ebendort.

2

Werk

Zu de Sades Werk gehören die Romane Justine ou Les malheurs de la vertue (1791 anonym publiziert; Die Geschichte der Justine oder die Nachteile der Tugend) und Histoire de Juliette ou Les prosperités du vice (Geschichte der Juliette oder die Vorteile des Lasters), der 1797 als zweiter Teil seines Hauptwerkes, des zehnbändigen Doppelromans La nouvelle Justine ou Les malheurs de la vertu. Suivie de l’histoire de Juliette, sa sœur, erschien. Das 1785 entstandene Romanfragment Les cent-vingt journées de Sodome ou L’école du libertinage (Die hundertzwanzig Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung) – laut Vorwort „die unzüchtigste Erzählung …, die jemals geschrieben wurde, seit die Welt besteht” – kam posthum erst 1904 heraus. In seinen Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und in seiner in Dialogform verfassten Schrift La Philosophie dans le boudoir (1795; Philosophie im Boudoir) beschrieb de Sade ausführlich sexuelle Perversionen und Grausamkeiten und verband diese mit ausführlichen philosophischen Erörterungen. De Sade vertrat die Ansicht, dass sowohl kriminelle wie auch sexuell ausschweifende Handlungen als natürliche Phänomene zu betrachten seien und polemisierte damit gegen Jean-Jacques Rousseaus Ideal der Empfindsamkeit und den Glauben an das Gute: „Ich gestehe, dass ich das Verbrechen leidenschaftlich liebe und dass nur das Verbrechen allein meine Sinne erregt”, heißt es dementsprechend in La nouvelle Justine, „nur durch Missetaten erhält sich die Natur und erobert sich ihr Recht zurück, die die Tugend ihr genommen hat. Wir gehorchen ihr also, indem wir uns dem Bösen hingeben”. Eines der Vorbilder de Sades war der englische Verfasser von Schauerromanen Matthew Gregory Lewis.

Für Theodor W. Adorno und Max Horkheimer machte der Umstand, dass de Sades Werk „die Aufklärung sich über sich selbst entsetzen” ließ, dieses zu einem „Hebel ihrer Rettung”.

3

Wirkung

De Sades als obszön geltende Schriften wurden von seinen Zeitgenossen scharf kritisiert; deren Veröffentlichung war teilweise bis ins 20. Jahrhundert verboten. Die unbarmherzige Analyse der menschlichen Bosheit fand jedoch Anerkennung bei Schriftstellern wie Charles Baudelaire und Gustave Flaubert, ebenso bei Theoretikern wie Georges Bataille oder Roland Barthes. Auch gilt de Sade als Ahnherr der schwarzen Romantik und wurde im Expressionismus bzw. Surrealismus (u. a. auch wegen seines schwarzen Humors) stark rezipiert. 1926 veröffentlichte Albert Drach sein Drama Marquis de Sade (Uraufführung 1991 unter dem Titel Satansspiel vom göttlichen Marquis) über den Autor; mit dem zweiaktigen Welterfolg Die Verfolgung und Ermordung Jean-Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade (1964; 1965 überarbeitet) kreierte Peter Weiss ein Avantgardestück, welches das um die Revolutions- und Freiheitsproblematik kreisende Geschehen auf verschiedenen Handlungsebenen ironisch hinterfragt. Hans Bellmer illustrierte einige von de Sades Büchern. In der bildenden Kunst wird der Einfluss des Autors vor allem an den Arbeiten Hermann Nitschs deutlich.

Zahlreiche Werke de Sades dienten als Vorlage von Literaturverfilmungen oder regten Regisseure zu (nicht immer hochwertigen) Kinoproduktionen an. In seinem provokanten Film Salò o le 120 giornate di Sodoma (1975; Die 120 Tage von Sodom) etwa verband Pier Paolo Pasolini die literarische Vorlage des Marquis mit Dante Alighieris Inferno und dem historischen Kontext der 1944 gegründeten Republik von Salò, dem letzten Rückzugsgebiet der faschistischen italienischen Regierung unter Benito Mussolini. 1989 entstand Roland Topors surrealistischer Kurzfilm Marquis de Sade, in dem der Drehbuchautor und Regisseur die Hauptfigur in der Bastille am Vorabend der Französischen Revolution mit seinem Phallus diskutieren und sein Personal in skurril-grotesken Tiermasken agieren ließ.

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