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Psychoanalyse

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Psychoanalytiker-Treffen (1909)Psychoanalytiker-Treffen (1909)
Artikelgliederung
2.3

Es, Ich und Über-Ich

Der Versuch, die verwirrende Zahl von miteinander in Zusammenhang stehenden, im Zuge der psychoanalytischen Forschung gemachten Beobachtungen zu systematisieren, führte zur Entwicklung eines Modells des strukturellen Aufbaus der Psyche. Diese besteht aus drei funktionellen Systemen, die zweckmäßig als Es, Ich und Über-Ich bezeichnet werden.

Das erste System bezieht sich auf die sexuellen und aggressiven Neigungen, die ihren Ursprung im Körper haben, der vom Geist unterschieden wird. Freud nannte diese Neigungen Triebe. Sie werden oft ungenau als Instinkte bezeichnet, um auf ihren inneren Ursprung hinzuweisen. Diese dem Körper innewohnenden Triebe verlangen nach sofortiger Befriedigung, die als angenehm empfunden wird. Das Es wird daher vom Lustprinzip beherrscht. In seinen späteren Schriften tendierte Freud eher zu einer psychologischen als zu einer biologischen Einordnung der Triebe.

Die Aufgabe des zweiten Systems, des Ichs, ist die Gewährleistung der Befriedigung. Das Ich ist das Zentrum von Funktionen wie Wahrnehmung, Denken und motorische Kontrolle, durch die das Ich Umweltbedingungen genau einschätzen kann. Um seine Funktion der Anpassung, oder des Realitätstestes, zu erfüllen, muss das Ich in der Lage sein, die Befriedigung der instinktiven Impulse aus dem Es zurückzustellen. Um sich gegen inakzeptable Impulse zu verteidigen, entwickelt das Ich spezielle psychische Hilfsmittel, die als Abwehrmechanismen bezeichnet werden. Diese umfassen z. B. Verdrängung (das Aussperren von Impulsen aus der bewussten Wahrnehmung), Projektion (der Prozess, seine eigenen unbewussten Wünsche anderen zuzuschreiben) und Reaktionsbildung (der Aufbau eines Verhaltensmusters, das in einem direkten Widerspruch zu einem starken unbewussten Bedürfnis steht). Solche Abwehrmechanismen werden immer dann aktiviert, wenn Angst die Gefahr signalisiert, dass die ursprünglichen inakzeptablen Impulse wieder an die Oberfläche kommen könnten.

Inakzeptabel wird ein Impuls des Es nicht nur durch die zeitweilige Notwendigkeit, seine Befriedigung zurückzustellen, bis das Individuum die geeigneten Umweltbedingungen gefunden hat. Viel häufiger erfolgt die Einstufung als inakzeptabel infolge eines Verbots, das dem Individuum von anderen auferlegt worden ist, meist von seinen Eltern. Die Gesamtheit dieser Anforderungen und Verbote stellt den wesentlichen Gehalt des dritten Systems, des Über-Ichs, dar. Seine Funktion ist es, das Ich in Übereinstimmung mit den von den Eltern vorgegebenen verinnerlichten (internalisierten) Normen zu kontrollieren. Wenn die Anforderungen des Über-Ichs nicht erfüllt werden können, kann es bei der betreffenden Person zu einem Gefühl der Scham und Schuld kommen.

Da das Über-Ich in der Freud’schen Theorie aus dem Kampf, den ödipalen Konflikt zu überwinden, hervorgeht, ist seine Macht der eines Triebes vergleichbar. Es ist teilweise unbewusst und kann Schuldgefühle aufkommen lassen, die nicht durch irgendeine bewusste Überschreitung gerechtfertigt werden. Das Ich, das zwischen den Anforderungen des Es, denen des Über-Ichs und denen der Außenwelt vermitteln muss, ist unter Umständen nicht stark genug, diese miteinander in Konflikt stehenden Kräfte zu versöhnen. Je mehr das Ich in seiner Entwicklung behindert wird, weil es in frühere Konflikte verstrickt ist (Fixierungen oder Komplexe), oder je mehr es auf frühere Befriedigungen und archaische Funktionsweisen zurückgreift (Regression), desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, diesem Druck zu unterliegen. Das Individuum ist unfähig, normal zu funktionieren, und kann seine begrenzte Kontrolle und seine Integrität nur aufrechterhalten, indem es neurotische Symptome entwickelt, in denen sich die Spannungen offenbaren.

2.4

Angst

Eine der Säulen der modernen psychoanalytischen Theorie und Praxis ist das Konzept der Angst, die in bestimmten Gefahrensituationen geeignete Abwehrmechanismen auslösen soll. Diese Gefahrensituationen sind nach der Beschreibung Freuds

  • - die Furcht vor dem Verlassenwerden oder der Verlust eines geliebten Menschen (des Objekts),
  • - das Risiko, die Liebe des Objekts zu verlieren,
  • - die Gefahr der Vergeltung und Bestrafung
  • - und ein dem Zufall unterliegender (auch unbegründeter) Schuldvorwurf durch das Über-Ich.
Daher stellen alle Symptome, dazu gehören charakterliche und impulsive Störungen, die Freud Perversionen nannte, und Sublimierungen ausnahmslos Kompromisse dar. Diese Kompromisse sind nichts anderes als verschiedene Formen der Anpassung. Das Ich versucht diesen Zustand der Anpassung zu erreichen, indem es die sich im Konflikt befindlichen Kräfte in seinem Geist mehr oder weniger erfolgreich zu vereinen sucht.

3

Psychoanalytische Schulen

Verschiedene Schulen der Psychoanalyse haben ihre Lehrmeinungen anders benannt, um auf Abweichungen von der Freud’schen Theorie aufmerksam zu machen.

3.1

Carl Gustav Jung

Carl Gustav Jung, einer der ersten Schüler Freuds, gründete schließlich eine eigene Schule, die er Analytische Psychologie nannte. Wie Freud verwendete auch Jung das Konzept der Libido; allerdings bedeutete Letztere für ihn nicht nur sexuelle Triebe, sondern die Gesamtheit aller kreativen Instinkte und Impulse sowie die gesamte Motivationskraft eines Menschen.

Nach Jungs Ansicht besteht das Unbewusste aus zwei Teilen: dem privaten Unbewussten, das die gesamten persönlichen Erfahrungen des Individuums enthält, und dem kollektiven Unbewussten, dem Sammelbecken sämtlicher Erfahrungen der Menschheit. Im kollektiven Unbewussten gibt es eine Reihe von Urbildern, oder Archetypen, die allen Individuen eines bestimmten Landes oder einer geschichtlichen Epoche gemeinsam sind. Archetypen haben die Form von kleinen Stücken intuitiven Wissens oder einer Ahnung und existieren normalerweise nur im kollektiven Unbewussten des Individuums.

Wenn das Bewusstsein keine Bilder enthält, wie während des Schlafes, oder wenn es unkonzentriert ist, dominieren die Archetypen. Diese tendieren dazu, natürliche Prozesse in Form von guten und bösen Geistern, Feen und Drachen zu personifizieren. Mutter und Vater sind ebenfalls wichtige Archetypen.

Ein wichtiges Konzept in Jungs Theorie ist die Existenz zweier grundlegend verschiedener Typen von Persönlichkeit, geistiger Einstellung und Funktionsweise. Wenn die Libido und das allgemeine Interesse des Individuums nach außen auf Menschen und Objekte der Außenwelt gerichtet werden, spricht man von einer extrovertierten Person. Wenn das Gegenteil der Fall ist und Libido und Interessen auf die eigene Person bezogen sind, spricht man von einem introvertierten Typ. Bei einem völlig normalen Individuum halten sich diese beiden Tendenzen die Waage und keine dominiert, aber meist tendiert die Libido hauptsächlich in die eine oder andere Richtung. Als Folge können zwei Persönlichkeitstypen unterschieden werden.

Jung lehnte Freuds Unterscheidung zwischen dem Ich und dem Über-Ich ab; er erkannte einen Teil der Persönlichkeit, der etwas dem Über-Ich ähnelt und den er die Persona nannte. Diese Persona stellt das dar, was der Mensch anderen gegenüber sein möchte, im Gegensatz zu dem, was der Mensch tatsächlich tut. Die Persona ist die Rolle, die Individuen für ihr Leben wählen, der Eindruck, den sie auf ihre Umwelt machen wollen.

3.2

Alfred Adler

Alfred Adler, ein anderer von Freuds Schülern, unterschied sich insoweit von Freud und Jung, als er den Schwerpunkt auf ein Gefühl der Unterlegenheit legte, das seiner Meinung nach die treibende Kraft des Menschen darstellt. Dieses Gefühl entsteht, sobald ein Kleinkind die Existenz von anderen Menschen in seiner Umgebung begreift, die besser in der Lage sind, für sich zu sorgen und mit ihrer Umwelt zurechtzukommen. Ab dem Moment, in dem sich das Gefühl der Unterlegenheit eingestellt hat, versucht das Kind, dieses Gefühl zu überwinden. Weil Unterlegenheit unerträglich ist, kann es passieren, dass das Individuum die Kontrolle über die von seinem Geist errichteten Kompensationsmechanismen verliert. Die Folge ist eine egozentrische, neurotische Haltung, Überkompensation und ein Rückzug aus der realen Welt und ihren Problemen.

Adler hob vor allem jene Unterlegenheitsgefühle hervor, die aus den drei nach seiner Ansicht wichtigsten Beziehungen entstehen: die zwischen dem Individuum und Arbeit, Freunden und geliebten Menschen. Das Vermeiden von Unterlegenheitsgefühlen in diesen Beziehungen veranlasst das Individuum, sich im Leben Ziele zu setzen, die häufig unrealistisch sind und sich oft als übertriebener Wunsch nach Macht und Dominanz äußern. Dies führt zu jeder Art asozialen Verhaltens, vom Schikanieren anderer und Prahlen bis zur politischen Tyrannei. Adler glaubte, dass eine Analyse ein gesundes und vernünftiges Gemeinschaftsverhalten fördern kann, das nicht destruktiv, sondern konstruktiv ist.

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