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Psychoanalyse

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Psychoanalytiker-Treffen (1909)Psychoanalytiker-Treffen (1909)
Artikelgliederung
3.3

Otto Rank

Ein anderer Schüler Freuds, Otto Rank, formulierte eine neue Theorie der Neurose, indem er alle neurotischen Störungen auf das Urtrauma der Geburt zurückführte. In seinen späteren Werken beschrieb er die persönliche Entwicklung als eine Entwicklung von vollkommener Abhängigkeit von Mutter und Familie zu einer physischen Unabhängigkeit, die mit der geistigen Abhängigkeit von der Gesellschaft einhergeht, und schließlich zu einem Endstadium völliger geistiger und psychischer Befreiung führt. Rank maß auch dem Willen große Bedeutung bei, den er als positive, leitende Organisation und Integration des Selbst definierte, das die instinktiven Triebe sowohl kreativ nutzt als auch zurückdrängt und kontrolliert.

3.4

Andere psychoanalytische Schulen

Spätere erwähnenswerte Modifizierungen der psychoanalytischen Theorie umfassen u. a. die der Psychoanalytiker Erich Fromm, Karen Horney und Harry Stack Sullivan. Diese Modifizierungen werden auch unter dem Begriff Neoanalyse zusammengefasst. Fromm betonte in seinen Theorien vor allem die Vorstellungen, dass die Gesellschaft und das Individuum keine zwei getrennten und gegensätzlichen Kräfte darstellen, sondern dass das Wesen der Gesellschaft von deren historischem Hintergrund bestimmt und dass die Bedürfnisse und Wünsche von Individuen im Großen und Ganzen von der Gesellschaft, in der sie leben, geformt werden. Fromm zufolge besteht das fundamentale Problem der Psychoanalyse und der Psychologie konsequenterweise nicht in der Lösung von Konflikten zwischen festen und unveränderlichen instinktiven Trieben des Individuums und den festen Ansprüchen und Gesetzen der Gesellschaft, sondern im Erreichen von Harmonie und eines Verständnisses der Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft. Fromm hob auch die Bedeutung der Notwendigkeit für Individuen hervor, ihre geistigen, emotionalen und sinnlichen Kräfte vollkommen beherrschen zu lernen.

Horney arbeitete vor allem therapeutisch und erforschte hierbei das Wesen von Neurosen, die sie in zwei Arten untergliederte: in Situationsneurosen und Charakterneurosen. Situationsneurosen entstehen aus der Angst, die bei einem einzelnen Konflikt auftritt, wie der Konfrontation mit einer schwierigen Entscheidung. Obwohl solche Neurosen eine Person zeitweilig paralysieren (lähmen) und sie dadurch denk- und handlungsunfähig machen können, sind sie nicht sehr tief in der Psyche verwurzelt. Charakterneurosen werden durch eine grundlegende Angst und eine grundlegende Feindseligkeit charakterisiert, die auf einem Mangel an Liebe und Zuneigung in der Kindheit beruhen.

Sullivan glaubte, dass jede Entwicklung nur durch die Beziehungen zu anderen beschrieben werden kann. Sowohl Charaktertypen als auch neurotische Symptome erklären sich als Ergebnis des Kampfes mit der Angst, die sich aus diesen Beziehungen mit anderen ergibt, und als Sicherheitssystem, das zur Verringerung der Angst aufrechterhalten wird.

3.5

Melanie Klein

Eine wichtige Denkrichtung, die als englische Schule der Psychoanalyse bekannt ist, beruht auf den Lehren der Psychoanalytikerin Melanie Klein. Ihr Einfluss ist in ganz Europa und Südamerika sehr stark, und ihre wichtigsten Theorien wurden von Beobachtungen abgeleitet, die bei der Psychoanalyse von Kindern gemacht wurden.

Klein postulierte die Existenz komplexer unbewusster Phantasien bei Kindern unter sechs Monaten. Die Hauptquelle der Angst ist die Bedrohung der Existenz, der Todesinstinkt. Abhängig davon, wie konkret das Kind mit den Sinnbildern destruktiver Kräfte in seinen unbewussten Phantasien als Kleinkind umgeht, entstehen zwei grundlegende geistige Haltungen, die Klein die depressive und die paranoide Haltung nannte. Bei der Letzteren besteht der Abwehrmechanismus des Ichs in der Projektion des gefährlichen inneren Objekts auf einen Repräsentanten in der Außenwelt, der als wirkliche, aus der Außenwelt kommende Bedrohung behandelt wird. In der depressiven Haltung wird das bedrohliche Objekt verinnerlicht und in der Phantasie als tatsächlich in der Person enthalten empfunden. Symptome der Depression und Hypochondrie sind die Folge. Obwohl erhebliche Zweifel darüber bestehen, dass solche komplexen unbewussten Phantasien bei Kleinkindern auftreten, sind diese Beobachtungen für die Behandlung unbewusster Phantasien und paranoider Wahnvorstellungen in Psychologie und Psychiatrie sowie für Theorien über frühe Objektbeziehungen von größter Bedeutung.

Das Kernstück der Psychoanalyse, die Krankheitslehre (da von Freud aus der Behandlung psychisch Kranker entwickelt), hat sich in Abhängigkeit von den psychoanalytisch behandelbaren Störungsbildern und den ihnen angemessenen Behandlungstechniken sowie den Veränderungen der Nachbarwissenschaften Biologie, Psychologie, Soziologie und Ethnologie schon in Freuds Werk und besonders seit seinem Tod stark verändert. Sie wurde von der ursprünglichen Beschränkung auf die so genannten Neurosen mit den Störungsbildern der Hysterie, Zwangsneurosen, Angst- und Konversionsneurosen sowie den Perversionen erweitert auf psychosomatische Krankheiten sowie narzisstische und psychotische Störungen. Der wissenschaftliche Status der Krankheitslehre ist umstritten. Das Behandlungsverfahren hat sich von der klassischen Behandlungstechnik wohlwollender Neutralität des Therapeuten bei Deuten, Stützen und Konfrontieren in Abhängigkeit vom Störungsbild und der Belastbarkeit des Patienten erheblich weiterentwickelt. Es hat sich gezeigt, dass unabhängig von der Richtigkeit der Deutung ein großer Teil der Erfolge auf die Qualität der Beziehung zwischen Patient und Therapeut zurückzuführen ist. Somit besteht ein wesentliches Problem der analytischen Behandlungstechnik in der Handhabung der Gefühle, die die Patienten im Analytiker hervorrufen.

Bezüglich der Metatheorie gibt es nur noch beschränkten Konsens zwischen den unterschiedlichen Psychologen und Theoretikern. Gemeinsam geblieben ist die Vorstellung vom psychischen Determinismus, dem zufolge Psychisches niemals zufällig ist, sondern unter Rückgriff auf die Lebensgeschichte teilweise aufgedeckt und erklärt werden kann. Diese Aufdeckung ist nur gegen den Widerstand und die Abwehr des Betroffenen möglich und schlägt sich in unbewussten Determinanten des emotionalen Erlebens und Gestaltens von zwischenmenschlichen Beziehungen, Übertragungen, Fehlleistungen, Träumen u. a. nieder.

In jüngster Zeit hat sich die Psychoanalyse für das Verständnis der Irrationalität gesellschaftlicher Entwicklungsphänomene als sehr nutzbringend erwiesen, obgleich die psychoanalytischen Gesellschaftsdiagnosen nicht zu einheitlichen Ergebnissen geführt haben.

4

Kritik an der Psychoanalyse

Die Psychoanalyse hat sich seit ihrer Entstehung stets mit Kritik auseinandersetzen müssen. Insbesondere die von Seiten der akademischen Psychologie vorgebrachte Kritik hat dazu geführt, dass sich Psychologie und Psychoanalyse zwar gelegentlich gegenseitig theoretisch beeinflussten, sich jedoch im Großen und Ganzen weitgehend unabhängig voneinander und in verschiedene, nicht miteinander zu vereinbarende Richtungen entwickelten. Heute sind die wissenschaftlichen Berührungspunkte zwischen Psychologie und Psychoanalyse recht gering, und man kann nicht davon ausgehen, dass sich die entstandene Kluft in absehbarer Zeit schließen lässt.

Die Psychoanalyse sieht sich seit ihrer Entstehung bis heute vehementer Kritik ausgesetzt. Anfangs bezog sich diese Kritik auf die Überbetonung der Bedeutung der Sexualität für die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen. Diese Kritik ist heute angesichts des vollzogenen gesellschaftlichen Einstellungswandels zur Sexualität verstummt; und es muss der Psychoanalyse sicherlich als eines ihrer Verdienste angerechnet werden, zu diesem gesellschaftlichen Wandel beigetragen zu haben. Die heute vorgebrachte und keineswegs entkräftete Kritik bezieht sich sowohl auf wissenschaftstheoretisch-methodische Argumentationen als auf Einwände empirischer und theoretischer Art von Seiten der akademischen Psychologie.

Adolf Grünbaum unterzog die Psychoanalyse Freuds einer kritischen wissenschaftstheoretischen und methodologischen Analyse, deren Ergebnisse den wissenschaftlichen Status der Psychoanalyse nachhaltig erschüttern. Er wies nach, dass die therapeutische Methode der freien Assoziation bislang keine überzeugenden Belege für die Theorie der unbewussten Motivation psychischer Konflikte erbracht hat. Grünbaum belegte zudem, dass die im Verlauf der Therapie gemachten Beobachtungen sehr anfällig dafür sind, Artefakte der Erwartungen des Therapeuten zu sein. Außerdem kritisierte er, dass bislang wenig empirische Forschung von Wissenschaftlern durchgeführt worden sei, die außerhalb der Psychoanalyse stehen. Nur bei diesen sei die Objektivität nicht grundsätzlich beeinträchtigt, da sie nicht von vorneherein ein großes Interesse an einem für die Psychoanalyse positiven Ausgang von Untersuchungen hätten.

Die empirische Überprüfung der theoretischen Aussagen der Psychoanalyse erbrachte bislang kein überzeugendes Resultat: 1981 gab Paul Kline beispielsweise einen Überblick über 600 Studien; von diesen kamen knapp 100 zu Ergebnissen, die für die Psychoanalyse eher positiv ausfallen, die Ergebnisse der restlichen circa 500 Studien widersprachen deutlich den theoretischen Aussagen der Psychoanalyse oder waren methodisch derart mangelhaft, dass sie argumentativ weder für noch gegen die Psychoanalyse zu verwenden sind. Seitdem hat sich die empirische Basis nicht grundsätzlich verbessert.

Ein weiterer an der Psychoanalyse geäußerter Kritikpunkt ist die mangelnde Effizienz der psychoanalytischen Therapie bzw. der Mangel an Nachweisen für ihre tatsächliche Wirksamkeit im Vergleich zu anderen psychotherapeutischen Verfahren. Dies ist im Fall der Behandlung von Neurosen – der wichtigsten Grundlage, auf die sich die Psychoanalyse stützt – besonders fatal.

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