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Etymologie (griechisch étymos: „wahr”; lógos: „Wort”), Zweig der Linguistik, der sich mit der Herkunft und der historischen Entwicklung von Wörtern und dem Vergleich ähnlicher oder verwandter Wörter in verschiedenen Sprachen derselben Gruppe befasst. Von allen Bereichen der Linguistik steht die Etymologie der Phonologie am nächsten; vor der Entdeckung der Lautverschiebungen gab es kein systematisches Mittel zur Ableitung von Wörtern.
Die griechischen Stoiker vertraten die Auffassung, dass zwischen der Lautform der Wörter und ihrer Bedeutung ein naturgegebenes Verhältnis besteht. Die Gegner dieser „naturalistischen” Theorie waren der Ansicht, dass das Verhältnis zwischen der Gestalt eines Wortes und seiner Bedeutung auf Konvention beruht. Lange vor den Stoikern beschreibt Platon in seinem Dialog Kratylos bereits eine Methode, die der modernen Etymologie ähnelt. Die erste Abhandlung über die Herkunft der Wörter wurde jedoch von indischen Sprachgelehrten geschrieben. Sie stammt aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. und wurde mit dem Ziel abgefasst, die schwierigen Wörter der Rig-Veda zu erklären, des ältesten und wichtigsten heiligen Buches der Hindus. Die ersten Versuche auf dem Gebiet der Etymologie waren naiv und spekulativ und führten zu falschen Schlüssen. Diese Art der Wortableitung ist bei Laien immer noch verbreitet und wird daher als Volksetymologie bezeichnet. Wer wenig über Sprachentwicklung weiß, versucht gern, ein Wort aus den Wörtern zu erklären, mit denen es eine lautliche Ähnlichkeit aufweist. Zum Beispiel wurde im Englischen aus asparagus (griechisch asparagos: „Spargel”) in der Umgangssprache „sparrowgrass” („Sperlingsgras”).
Erst als man sich in Europa mit dem Sanskrit zu beschäftigen begann, konnte die Etymologie auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt werden. Um den Beginn des 19. Jahrhunderts wurden europäische Gelehrte auf die Ähnlichkeiten im Wortschatz zwischen Sanskrit einerseits und Latein sowie Griechisch andererseits aufmerksam. Als man dann auch Wörter aus anderen Sprachen zum Vergleich heranzog, entstand die Vorstellung von einem gemeinsamen Ursprung, einer indogermanischen Protosprache. Daraus entwickelten sich schließlich die Lautgesetze, d. h. die Prinzipien, nach denen sich die Wortbildung in den verschiedenen Sprachen vollzog. An den Lehnwörtern, die ja aus anderen Sprachen übernommen sind, gehen die üblicherweise wirkenden Lautgesetze oft spurlos vorüber. Es kommt vor, dass in einer Sprache zwei oder mehr Wörter von einem Wort aus einer anderen Sprache abgeleitet sind: Das eine hat die historischen Lautverschiebungen mitgemacht, das andere ist eine direkte Entlehnung. Letzteres – im Französischen als mot savant bekannt – hat in der Regel eine andere Bedeutung als ersteres. So stammen die Wörter royal and regal im Französischen und Englischen vom Lateinischen regalis, „königlich”, ab; die Form regal ist direkt aus dem Lateinischen entlehnt, und royal (französisch roi: „König”, vom lateinischen Akkusativ regem) ist die korrekte Form. Es ist aber auch möglich, dass Lehnwörter die regulären Lautverschiebungen der Sprache mitmachen, in die sie übernommen wurden. Das lateinische pondus, „Pfund”, taucht im Gotischen und Angelsächsischen als pund auf, also mit unveränderten Konsonanten, aber im Althochdeutschen wurde es nach dem Grimmschen Gesetz zu phunt. Bei der Erforschung der Herkunft der Wörter muss man also auch die geschichtliche Entwicklung berücksichtigen. Auch ein Vergleich verschiedener Sprachen kann sinnvoll sein. Das englische wise (wie in otherwise, in no wise) ist mit dem althochdeutschen wìs(a) und dem neuhochdeutschen die Weise verwandt. wise ist jedoch eine Doppelform zu guise, eben des Wortes, zu dem wìs(a) in den romanischen Sprachen wurde, nachdem es aus dem Germanischen entlehnt worden war. Dasselbe Wort kann also in derselben Sprache verschiedene Gestalt annehmen; andererseits können unterschiedliche Wörter in einer bestimmten Sprache identische Gestalt annehmen. Die große Gruppe der Homonyme in allen Sprachen ist ein Beleg für diesen Vorgang. Ein Beispiel im Deutschen ist: der Kiefer (Partie des Schädels) versus die Kiefer (Baum). Eine Aufgabe der Etymologie ist es, die hypothetische Urform von Wörtern oder Gruppen von Wörtern zu rekonstruieren. Frühere etymologische Versuche brachten zwar plausibel wirkende, häufig aber falsche Ergebnisse hervor. Die etymologische Forschung befasst sich häufig nur mit einer bestimmten Gruppe von Sprachen oder Dialekten; man spricht dann z. B. von romanischer (Wörter aus den romanischen Sprachen werden meist bis zum Vulgärlatein zurückverfolgt), germanischer, keltischer oder indoiranischer Etymologie. Über allem steht die indoeuropäische oder indogermanische Etymologie, welche die beste Systematik besitzt und den untergeordneten Etymologien als Vorbild dient. Oft wird hinter einer zufälligen lautlichen Ähnlichkeit ganz zu Unrecht eine phonetische Verschiebung und damit eine etymologische Verwandtschaft vermutet. In den folgenden Beispielen lässt sich zwar eine klangliche Ähnlichkeit erkennen, aber keine etymologische Verwandtschaft nachweisen: Der lateinische taurus klingt wie der arabische thaur, und beide Wörter bedeuten „Stier”; der sheriff im Englischen ähnelt dem arabischen Wort sharif, „erhaben”, das auch für einen städtischen Beamten verwendet wird. Die moderne etymologische Forschung basiert auf den Methoden und Ergebnissen der historischen und komparativen Linguistik, deren Grundlagen von den Sprachwissenschaftlern des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden. Dabei haben sich die folgenden Anforderungen herausgebildet: (1) Unter Berücksichtigung seiner chronologischen Entwicklung ist immer die früheste Gestalt und Verwendung des zu erforschenden Wortes zu ermitteln. (2) Geschichte und Geographie sind zu beachten; viele Wörter dringen aufgrund geographischer Nähe oder sonstiger Kontakte in eine andere Sprache ein. (3) Lautgesetze sind zu berücksichtigen, vor allem bei den Konsonanten der indogermanischen Sprachen. (4) Wenn zwei Wörter derselben Sprache auf ihre Verwandtschaft hin untersucht werden, gilt das Wort als das frühere, das weniger Silben besitzt. (5) Wenn zwei Wörter derselben Sprache, welche die gleiche Silbenzahl aufweisen, auf ihre Verwandtschaft hin untersucht werden, lässt sich die frühere Form in der Regel aus dem Stammvokal ermitteln. (6) Bei der Untersuchung von Verben gelten die germanischen starken – wie die lateinischen unregelmäßigen – Verben als die ursprünglichen, alle verwandten als abgeleitet. (7) Ähnlichkeiten in Form und Bedeutung nicht verwandter Sprachen sind irrelevant. (8) Die Erklärung eines deutschen Wortes muss auch für andere Wörter gleichen Ursprungs zutreffen. Die vollständige Etymologie eines Wortes muss folgendes enthalten: seine phonologische Entwicklung, seinen Ursprung und – falls es aus einer anderen Sprache stammt – die Herkunft seiner verschiedenen Bestandteile. Angaben zur Etymologie finden sich in den Standardwörterbüchern jeder Sprache bzw. in speziellen etymologischen Wörterbüchern. Wichtige Werke für die deutsche Sprache sind: Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 16 Bände. Leipzig, 1854/1961. Nachdruck in 33 Bänden, München, 1984 – Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Sprache. Völlig neu bearbeitet und herausgegeben von Elmar Seebold. 22. Auflage. Berlin, New York, 1989 – Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 2. völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage von Günther Dosdrowski. Mannheim, 1989.
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