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Exegese

Enzyklopädieartikel
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John BunyanJohn Bunyan
Artikelgliederung
4.1

Textkritik

Den ursprünglichen Text zu ermitteln ist Aufgabe der so genannten „niederen” Kritik, wobei bei der Erschließung des Sinnes eines Textes „äußere” und „innere” Kriterien zu berücksichtigen sind. Äußere Kriterien sind die Beschaffenheit des Manuskripts wie z. B. Material, Alter und Schrifttyp. Dabei liegen biblische Texte grundsätzlich nicht als Originaltexte eines Autors vor, sondern in Versionen, die erst einige Jahrhunderte nach der ersten Abfassung entstanden. So stammen die vorhandenen Manuskripte des Alten Testaments aus christlicher Zeit, wobei die alten, erhaltenen Fassungen (die griechische Septuaginta und die lateinische Vulgata) und die vormasoretischen Fragmente (siehe Masora) darauf schließen lassen, dass der hebräische Originaltext gewissenhaft weitergegeben wurde. Zu einem der bestbezeugten Texte, der je überliefert wurde, zählt das Neue Testament. Vollständige und nahezu vollständige Manuskripte stammen aus dem 4. Jahrhundert, und zahlreiche noch vorhandene Fragmente wurden nur ein Jahrhundert nach der Urfassung kopiert. Obwohl sich in den Manuskripten eine Fülle von abweichenden Formulierungen befinden, blieb der Sinn des Textes zum größten Teil unberührt, da 90 Prozent der Abweichungen nur geringfügige Details betreffen, wie z. B. die Ersetzung eines Begriffs durch ein Synonym.

Letztlich muss sich die Textkritik in ihren Urteilen aber auf die inneren Kriterien stützen, welche die Grundlage für die Verlässlichkeit eines Manuskripts bilden. Dabei handelt es sich um Maßstäbe des gesunden Menschenverstands, nach denen eine Version als ursprünglicher eingeschätzt wird als die andere. Dabei gilt die Regel, dass beispielsweise eine kürzere Fassung einer längeren vorgezogen wird, in der Annahme, dass ein Kopist einen Text eher erweitert als komprimiert. Da die Schreiber eher dazu neigten, Widersprüche im Text aufzulösen, ist davon auszugehen, dass die schwierigere zweier verschiedener Lesarten die ursprünglichere ist.

4.2

Historisch-kritische Kritik

Im 18. und 19. Jahrhundert entstand die so genannte „höhere” Kritik der Bibelforschung. Diese rief jedoch eine heftige Gegenreaktion bei denjenigen hervor, die in ihr einen Angriff auf die Wahrheit der Heiligen Schrift sahen. Obwohl es heute immer noch eine Opposition zur historisch-kritischen Kritik gibt, sieht die Bibelwissenschaft in der höheren Kritik die einzige Methode, um den Sinn der Bibel zu erschließen (siehe Evangelikalismus, Fundamentalismus).

Die historisch-kritische Methode fragt nach der Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit eines Textes. Sie stellt z. B. Fragen nach der Autorenschaft, nach den Quellen, auf die sich der Autor stützte, sowie nach den Veränderungen, die ein Text durch seine Überlieferung erfuhr.

Die historisch-kritische Methode zeigte, dass einige Aussagen der Bibel nicht wörtlich zu verstehen sind und verschiedene Werke nicht von den Autoren stammen, denen sie traditionell zugeschrieben wurden.

4.3

Formkritik

Eine weitere Disziplin der historisch-kritischen Methode ist die Formkritik. Sie untersucht die historische Situation, in der ein Text entstand, und fragt nach dem Sitz im Leben, d. h. nach der Funktion, die der Text erfüllte. Diese Methode wurde zuerst von dem deutschen Gelehrten Hermann Gunkel auf das Alte Testament angewandt. Er deutete die Geschichten der Genesis als ätiologische Erzählungen und deutete Genesis 9, 10-27 als Erklärung dafür, warum die Kanaaniter Untertanen der Israeliten seien. Andere Erzählungen dienten seiner Meinung nach zur Erklärung von Namen, wie z. B. Genesis 25, 6, in der die Herkunft des Namens von Jakob beschrieben wird. Darüber hinaus hielt er Abschnitte wie Genesis 28, 10-19 für Erklärungen von Kultlegenden heiliger Orte, wie z. B. Bethel. siehe Mythologie.

Die gleichen Methoden wurden bei der Exegese des Neuen Testaments angewendet, um die Entstehung der Evangelien zu untersuchen. Dabei stellte sich heraus, dass die einzelnen Geschichten der Evangelien aus voneinander unabhängigen Erzählungen bestehen, die in Streit-, Verkündigungs- oder Wundergeschichten eingeteilt werden können.

4.4

Redaktionskritik

Ein weiterer Aspekt der historisch-kritischen Methode ist die Redaktionskritik. Diese befasst sich mit der Rolle der Herausgeber, die einen Text über eine bestimmte Zeitspanne hinweg bearbeiteten. So ergab die redaktionskritische Forschung, dass die fünf Bücher Mose, die Propheten, die Psalmen sowie die Sprüche Salomos im Alten Testament nicht das Werk einzelner, sondern verschiedener Autoren sind, das von späteren Autoren redaktionell überarbeitet wurde. Gleiches gilt auch für die Evangelien, die lange Zeit für das Werk einzelner Persönlichkeiten wie Matthäus, Markus, Lukas und Johannes (Evangelist) gehalten wurden. Heute ist jedoch erwiesen, dass sie von einer bestimmten Schule, einer Kirche oder einer Gruppe geschrieben wurden oder von Einzelpersonen, die für bestimmte Gruppen tätig waren und die Überlieferungen den Bedürfnissen dieser Gruppe anpassten.

4.5

Strukturalismus

Der Strukturalismus, eine jüngere Entwicklung der Literaturkritik, fragt nicht nach der geschichtlichen Entstehung eines Textes, sondern behandelt die überarbeitete und abgeschlossene Fassung eines Textes. Er untersucht auch die Übereinstimmungen der Bibel mit den Schriften anderer Kulturen, in denen ähnliche Motive zu finden sind. Der Strukturalismus geht von einer gleichgearteten psychologischen Grundstruktur der menschlichen Psyche aus und unterstellt deshalb, dass ein Text einen Sinn besitzt, der über die Absicht seines Autors hinausgeht (siehe Hermeneutik).

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