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ArchitekturEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Technische Voraussetzungen und Materialien; Gebäudekonstruktionen; Ideengeschichtlicher Hintergrund der Architektur; Künstlerische Aspekte und Klassifikationen; Vor- und Frühgeschichte; Ägypten; Asiatische Hochkulturen; Amerika; Griechische Antike; Römische Antike; Christlich-römische Antike; Frühes Mittelalter; Byzantinische Architektur; Romanik; Gotik; Renaissance; Manierismus; Barock; Rokoko; Klassizismus und Romantik; Historismus, Industriearchitektur und Jugendstil; 20. Jahrhundert; 21. Jahrhundert
In Mitteleuropa entfaltete sich die barocke Baukunst vor allem in den katholischen Ländern des heutigen Süddeutschland, Österreichs und in der Schweiz (z. B. die Jesuitenkirche Sankt Michael in München, Sankt Niklas in Prag und die Paulanerkirche in Wien). Das Obere Belvedere in Wien, 1721 bis 1723 von Johann Lucas von Hildebrandt als Sommerresidenz für den Prinzen Eugen von Savoyen erbaut, ist in direkter Anlehnung an die Versailler Architektur entstanden. Johann Bernhard Fischer von Erlach baute für den Fürsten von Liechtenstein das Belvedere in Wien-Roßgau (1689) nach dem Versailler Vorbild. Erlach ist neben Johann Lucas von Hildebrandt einer der wichtigsten Baukünstler des Barock. Das von Jakob Prandtauer erbaute Benediktinerstift Melk an der Donau ist das Meisterwerk zentraleuropäischer Barockkunst des 18. Jahrhunderts.
Das Rokoko (französisch rocaille: kleine Steine, Muscheln) bildete keinen gänzlich eigenen Architektur- bzw. Baustil heraus. Der zierliche, beschwingte, gelegentlich überladen wirkende Dekorationsstil wurde vor allem in Privaträumen, dann auch in Repräsentationsräumen umgesetzt. Das Rokoko hob die während des Barock noch übliche Trennung von öffentlichem und privatem Bereich ästhetisch auf. Von Paris aus wurden die neu in Mode gekommenen Ornamente, Verzierungen und Dekorationselemente recht schnell von venezianischen Dekorateuren übernommen. Eine Entwicklung neuer Bautechniken oder -typen aber blieb aus. Lediglich die Innenräume wurden durch Ornamentstiche, gemalte Girlanden und Grotesken neu gestaltet. Durch den Spiegelsaal von Versailles kamen große Spiegel in Mode. Wandgemälde wurden um Stuckleisten und Deckenskulpturen erweitert, wobei zu den bislang üblichen Materialien wie Marmor und Holz nun Gips und Blattgold kamen. Beispiele hierfür sind Schloss Sanssouci in Potsdam, das Cuvilliéstheater (erbaut 1750 bis 1753 von François de Cuvilliés) in der Münchener Residenz und die Amalienburg bei Schloss Nymphenburg, ebenfalls in München. Auch die Innenräume der Sakralbauten wurden im Dekorationsstil des Rokoko gestaltet, so etwa in der Wieskirche durch die Brüder Johann Baptist und Dominikus Zimmermann von 1748 bis 1753. Das Rokoko bildete den Höhepunkt und auch den Endpunkt eines in dieser Form nicht wiedergekehrten Zusammenspiels der Künste.
Der Klassizismus bedeutete eine ästhetische Erneuerung am Vorbild der Antike und eine Abkehr von der Architektur der vorausgegangenen Epochen. Erstmals richteten sich die Künstler bewusst nach einem vorgeprägten Stil. Man hatte ein historisches Bewusstsein entwickelt. Zusehends rückte die Kunst auch ins Licht der Öffentlichkeit: Die Kunstkritik stellte sie in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Diskussion, so etwa Johann Joachim Winckelmann, in der Folge Charles Baudelaire, Émile Zola und Gustave Flaubert. Man strebte nach der Herstellung bleibender Zeugnisse der eigenen Gegenwart. Dieser Wunsch nach der Gestaltung der eigenen Geschichte wird auch der „Einbruch der Geschichtlichkeit” genannt. Das Motto „Die einzige Pracht sei einfache Schönheit, die allereinfachste ehrerbietige Größe” galt sowohl für sakrale Bauwerke als auch für öffentliche Gebäude (z. B. für die Museumsarchitektur). Rom wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum bevorzugten Studienort der europäischen Architekten. Gerade die französische Architektur vollzog eine radikale Hinwendung zum klassischen Ideal. Dieses wurde an der École d’Architecture in Paris radikalisiert, und die neuen Architekten Étienne-Louis Boullée, Claude-Nicolas Ledoux, Johann Jakob Friedrich Weinbrenner und John Soane planten in streng geometrischen Formen. Diese Vorstellungen waren praktisch kaum zu realisieren. Der radikale französische Klassizismus blieb ein Idealentwurf (siehe Revolutionsarchitektur). Der Klassizismus löste eine rege Bautätigkeit aus, die jedoch weit weniger radikal war. Der so genannte malerische, romantische Klassizismus strebte nach der Verbindung von Bau und Natur sowie nach der natürlichen Eleganz, wie sie in der antiken Architektur bereits verwirklicht worden waren. Ein Hauptvertreter dieser Auffassung des Klassizismus war Karl Friedrich Schinkel. Besonders deutlich werden seine Bestrebungen am Beispiel von Schloss Charlottenhof in Potsdam. Besonders einflussreich war Leo von Klenze, der für das Stadtbild der Residenzstadt München maßgebend verantwortlich war. Nach seinen Entwürfen wurden die Glyptothek, die Alte Pinakothek und wesentliche Teile der Ludwigstraße realisiert. Der klassizistische Theaterbau orientierte sich wieder an der Aufführungspraxis des antiken Dramas sowie am symmetrischen Aufbau der Schauspielstätten (siehe Gottfried Semper; Empirestil). Die neu gegründeten Akademien verbreiteten das klassizistische Gedankengut in Europa; ein Beispiel für diese Entwicklung ist die Frauenkirche in Kopenhagen, die 1811 bis 1829 von Christian Frederik Hansen errichtet wurde. In den englischen Kolonien Nordamerikas folgten Peter Harrison und Samuel McIntire (siehe Innenarchitektur) den Vorbildern der englischen Architekten. Dieser Kolonialstil wurde nach der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten als Federal Style bezeichnet. Im Südosten von Nordamerika, wo die Aristokratie vorwiegend auf dem Land lebte, orientierten sich Thomas Jefferson, Benjamin Latrobe und andere Baumeister an Palladio, was sich im Nachbau des Pantheons auf dem Campus der Universität von Virginia (1817-1826) äußerte.
Nachgebaute antike Architektur war schon im Klassizismus häufig anzutreffen. Aufgrund der Rückbesinnung auf diese historischen Elemente spricht man in der Architektur des 19. Jahrhunderts auch von Historismus. Eine romantische Form dieses Stils fand in Schloss Neuschwanstein ihren Ausdruck. Diese Spätphase des Klassizismus zeichnete sich durch das Nebeneinander verschiedener Stile und Formen aus, welche aus der griechischen und der römischen Antike übernommen wurden (siehe Neugotik; kanadische Kunst und Architektur; australische Kunst und Architektur). Die Industrialisierung stellte die Architektur vor völlig neue Bauaufgaben. Benötigt wurden nun vermehrt Bahnhofsbauten, Fabriken, Ausstellungshallen sowie neuartige Türme und Brücken (siehe Industriearchitektur). Zum architektonischen Symbol des Zeitalters und seines zunehmend technischen Selbstverständnisses wurde der Eiffelturm in Paris (1889). Der Wohnungsbau erschöpfte sich dagegen in einem weitgehend bescheidenen Historismus. Lebensreformatorische Ansätze, die auf eine integrale Gestaltung modernen Lebens abzielten und die schädlichen Folgen des Industriezeitalters kompensieren wollten, verfolgte der im 19. Jahrhundert sehr einflussreiche Schriftsteller und Theoretiker John Ruskin. Ähnliche Ziele auf einem anderen ideologischen Fundament hatte später die anthroposophische Architektur im Sinn. Im Übergang zur modernen Architektur stehen Stile wie der vor allem an dekorativen Motiven und Eleganz interessierte Jugendstil mit seinen regionalen Ausprägungen wie Art Nouveau, Modern Style und Secessionsstil. Als Gegenbewegung zu den Kunst- und Architekturakademien strebten auch bildende Künstler wie Gustav Klimt, Henri de Toulouse-Lautrec, Franz von Stuck und Heinrich Vogeler nach der Verbindung von Kunst und Leben und der Verbindung von Architektur und Design (siehe Funktionalismus). Die wichtigsten architektonischen Merkmale waren dabei asymmetrische Fassaden, wie sie etwa Henry Clemens van de Velde gestaltete, ornamentale Verzierungen sowie Anwendungen neuer technischer Erkenntnisse. So wurde der Crystal Palace aus vorgefertigten Konstruktionen aus Stahl und Glas errichtet.
Industrialisierung und Urbanisierung forcierten neue Formen des Bauens. Fortschritte der Technik führten zu neuen Materialien und zu neuen Bauweisen. Das Hochhaus wurde zum Symbol der modernen Großstadt. Stahl, Beton sowie zahlreiche Kunststoffe ließen in Kombination mit bewährten, aber weiterentwickelten Baumaterialien wie Glas völlig neue Architekturformen zu. Die moderne Architektur ist in weiten Bereichen eine funktionale, technische Architektur, lässt aber auf der anderen Seite auch eine extreme Emanzipation zu freien Formen des Bauens zu, wofür hier noch einmal als frühes Pionierwerk der Eiffelturm erwähnt sei. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlahmte der Schwung der Avantgarde langsam und wich den neuen Vorgaben der postmodernen Architektur. Ende des 19. Jahrhunderts bauten die Architekten der Chicago School mit Hilfe des Stahlskelettbaus die Prototypen multifunktionaler Hochhäuser und Großraumgebäude. Hier waren Büros und Wohnungen sowie im Erdgeschoss Ladenlokale untergebracht (z. B. Das Monadnock Building in Chicago, 1889 bis 1893 von Holabird und Roche erbaut). Zwar schien der Stahlskelettbau gerade in den Anfängen dem Massivbau an Eleganz und Präzision unterlegen zu sein, doch überwogen seine Vorteile: Wirtschaftlichkeit, Anpassungsfähigkeit, Feuersicherheit und Korrosionsbeständigkeit der neuen Bauweise waren stichhaltige Argumente. „Second School of Chicago” wird die von Ludwig Mies van der Rohe beeinflusste Wiederbelebung der Schule von Chicago in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts genannt. Chicago bildete bis etwa 1910 das Zentrum eines konsequenten Funktionalismus in der Architektur, der in Europa nur vereinzelt anzutreffen ist. Den neuartigen Herausforderungen beim Erbauen immer umfangreicherer Fabriken und anderer technischer Bauwerke stellte sich in Deutschland vor allem der Deutsche Werkbund. Führende Vertreter waren Hermann Muthesius, Theodor Fischer, Henry Clemens van de Velde, Peter Behrens, Josef Hoffmann, Joseph Maria Olbrich und Richard Riemerschmid. Es entstanden Bauten in einer fast asketisch wirkenden Geometrie wie etwa die AEG-Turbinenhalle in Berlin (1909). Einen später berühmt gewordenen Grundsatz der modernen Architektur formulierte 1896 Louis Henri Sullivan: „Form follows function.” („Immer folgt die Form der Funktion, und das ist das Gesetz.”) Gerrit Thomas Rietveld und Le Corbusier bauten unter diesen ästhetischen Vorgaben. Ein anschauliches Beispiel ist der Gebäudekomplex Unité d’Habitation in Marseilles (1947-1952). Eines der berühmtesten Bauwerke der klassischen Moderne und das prominente Beispiel kubischer Architektur ist die Weißenhofsiedlung in Stuttgart. Diese Wohnsiedlung wurde Ende der zwanziger Jahre von den Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius, Le Corbusier und anderen entworfen. Die zwölfjährige Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten und der 2. Weltkrieg bedeuteten für die moderne Architektur in Europa einen tief greifenden Einschnitt (siehe nationalsozialistische Architektur). In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestand ein gesteigerter Bedarf an gestalteten Freiräumen innerhalb und außerhalb der Großstadt: Spielflächen sowie Sport- und Freizeitanlagen sollten den Großstadtbewohnern einen Ausgleich für Naturferne, Enge, Lärm und schlechte Luft bieten. Die in den sechziger und siebziger Jahren hochgezogenen Reihen- und Siedlungsbauten in den Randbezirken der Großstädte wurden nach rein funktionalen und ökonomischen Aspekten errichtet (siehe Plattenbauweise). Die Tendenz zur Vereinheitlichung durch zunehmende Anonymität ist weltweit anzutreffen. Kritisch ist die Verelendung der Menschen in Massenquartieren der Großstädte und das Unvermögen der modernen Architektur, den Stadtbewohnern vor allem in Lateinamerika, Afrika und Asien adäquaten Wohnraum anbieten zu können. Ausgehend von den USA, fand die postmoderne Architektur Anhänger und Vertreter. Ein prominetes Beispiel für einen postmodernen Monumentalbau ist das von Philip Johnson entworfene AT&T Building in New York (1984). Michael Graves verwendete auf wirkungsvolle Weise leuchtende Farben und andere Dekorelemente. Richard Meier entwickelte dagegen eine nüchternere Version der Postmoderne; seine Entwürfe für Museen und Privathäuser sind von Le Corbusier beeinflusst. Siehe auch Internationaler Stil In Mitteleuropa entstand zudem ein wachsendes Interesse am ökologischen Bauen, das Gesichtspunkte des Energiesparens, ökologische Verträglichkeit sowie gesundheitliche Aspekte berücksichtigt. Eine Vertreterin des Dekonstruktivismus ist die Architektin Zaha Hadid. Das Wiener Büro Coop Himmelb(l)au widmete sich u. a. den spektakulären Umbauprojekten von Altbauten. Siehe auch Futurismus (Architektur); Kubismus (Architektur); stalinistische Architektur; Neoklassizismus (Kunst und Architektur); rationale Architektur; Zweite Moderne (Architektur)
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