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ArchitekturEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Technische Voraussetzungen und Materialien; Gebäudekonstruktionen; Ideengeschichtlicher Hintergrund der Architektur; Künstlerische Aspekte und Klassifikationen; Vor- und Frühgeschichte; Ägypten; Asiatische Hochkulturen; Amerika; Griechische Antike; Römische Antike; Christlich-römische Antike; Frühes Mittelalter; Byzantinische Architektur; Romanik; Gotik; Renaissance; Manierismus; Barock; Rokoko; Klassizismus und Romantik; Historismus, Industriearchitektur und Jugendstil; 20. Jahrhundert; 21. Jahrhundert
Die Funktion eines Bauwerks bedingt dessen Erscheinungsbild. Eine grundlegende Unterscheidung gilt der funktionalen Trennung von Sakral- und Profanbau. Sakrale Bauwerke dienen religiösen Zwecken und werden meist durch religiöse Gemeinschaften beauftragt und finanziert. Profane Bauwerke dienen weltlichen Zwecken, wozu vor allem der Wohnbau, Repräsentationsbauten (z. B. Schloss, Villa), öffentliche Bauten (z. B. Rathäuser, Markthallen, Bahnhöfe, Universitäten, Bibliotheken, Museen, Krankenhäuser, Bäder, Sportstadien), die Industriearchitektur, Wehrbauten (z. B. Burg, Geschlechterturm) und der Städtebau zählen. Architektur meint nicht allein das Bauen an sich und kann ebenso wenig allein von der Funktion des Bauwerks her definiert werden. Architektur, verstanden als eine kulturelle Leistung, ist stets eine für die Gesellschaft repräsentative Kunstform, eine symbolische gesellschaftliche Selbstdarstellung. Dabei ist sie innerhalb des Kanons der so genannten schönen Künste neben Malerei und Bildhauerei die am wenigsten autonome Kunst, da sie zu ihrer Realisierung weitreichender materieller Voraussetzungen und kollektiver Anstrengungen bedarf. In einem gewissen Gegensatz hierzu steht das traditionell hohe Renommee der Architektur als Kunstform. Dieses beruht auch auf der Außenwirkung, auf einer möglichen Erhabenheit und auf der Dauerhaftigkeit der Bauwerke.
In der neuzeitlichen Geschichte der Architektur spielt der gedanklich-reflexive und konzeptuelle Anteil im kreativen Prozess des Entwerfens eine wichtige Rolle. Dieser Aspekt der Architektur ignoriert zumeist bewusst die Grenzen des tatsächlich als Bauwerk Realisierbaren. Die ersten selbstbewussten Werke unrealisierter und unrealisierbarer Architektur schufen die Vertreter der Revolutionsarchitektur. Derartige Ansätze wurden im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert von einigen Schulen, Architekten und Künstlern weiterentwickelt. Im Rahmen der Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts gewannen insbesondere die Richtungen der utopischen Architektur und der phantastischen Architektur an Einfluss (z. B. Gläserne Kette). Innerhalb dieser Strömungen haben sich wiederum Sonderformen wie die Lichtarchitektur oder die Megalomanie herausgebildet. Zahlreiche dieser Konzepte standen im Zusammenhang von Gesamtkunstwerken. Bewegungen und Gruppen wie der Konstruktivismus oder die Novembergruppe stellten ihre Arbeit in den Dienst politischer Ziele. Künstlerisch anregend wirkten auch die Ansätze der abstrakten Architektur, der organischen Architektur und der anthroposophischen Architektur. Für eine Reihe stark experimentell orientierter Architekturformen stehen beispielhaft die Begriffe alternative Architektur und pneumatische Architektur. Eher randständige Sonderformen lassen sich unter den Begriff der ephemeren Architektur subsumieren. Damit sind Konstruktionen gemeint, die beispielsweise als Theater- oder Festbauten von vornherein zum vorübergehenden Gebrauch errichtet werden. Ähnlich verhält es sich mit der Filmarchitektur. Im Zeitalter des Absolutismus, vereinzelt auch später, gehörten Festdekorationen etc. zu den Aufgaben mancher Architekten. Die Innen- und Außenansichten von Bauwerken sowie Stadtansichten sind ein wichtiges Motiv der Malerei wie der graphischen Künste. Beispiele finden sich aus nahezu allen Epochen der Kunst. Die Vedute hat sich innerhalb der abendländischen Malerei zu einer eigenen Gattung entwickelt. Berühmt sind die realistisch wirkenden, tatsächlich aber idealisierenden Ansichten Venedigs von Canaletto. Demgegenüber streben Architekturphantasien von vornherein in utopische und phantastische Gefilde. Düster-phantastische Motive beherrschen beispielsweise die Radierungen Giovanni Battista Piranesis (Werkgruppe der Carceri [Kerker], 1745). Eine andere Kunstform ist die Architekturphotographie. Sie dient nicht nur der Dokumentation, sondern hat sich zu einer eigenständigen Sonderdisziplin entwickelt, wofür die Werke der Photographen Bernd und Hilla Becher ein eindrucksvolles Beispiel sind. Die philosophisch-theoretische Reflexion der Architektur sowie diesbezügliche Sinn- und Wertsetzungen leistet die Architekturtheorie, eine Spezialdisziplin der Ästhetik. Auf der anderen Seite zeigten viele Architekten des 20. Jahrhunderts einen starken Hang zu theoretischen Konzeptionen (z. B. Oswald Mathias Ungers, Haus-Rucker-Co, OMA, Rem Koolhaas, Coop Himmelb(l)au, Frederick Kiesler).
Der Begriff des Stils wurde erst um 1800 in die Kunstwissenschaft eingeführt. Er bezeichnet eine Konstellation künstlerischer Eigenarten, mit denen sich ein Werk, ein Künstler, eine Gruppe oder Generation von Künstlern, eine Kunstregion oder eine historische Periode von jeweils anderen unterscheidet (Individualstil, Generationsstil, Zeitstil, Epochenstil, Regionalstil, Nationalstil). Die Backsteingotik ist ein Beispiel für einen vom Material geprägten Stil (Materialstil). Somit zielt der Stilbegriff auf die Zusammenfassung der Besonderheiten von Kunstwerken ab, und gemäß dieser Zusammenfassung lassen sich Einteilungen, Abgrenzungen und Systematisierungen von künstlerischen Produktionen vornehmen, die in Zusammenhang mit dem Verlauf der allgemeinen Geschichte gebracht werden können. Als Resultat dieser Sichtweise präsentiert sich ein Geschichtsmodell, das die Kulturgeschichte periodisiert (z. B. Gotik, Renaissance, Barock usw.). Diese Einteilung in eine Abfolge ist ebenso hilfreich wie problematisch. Sie verschafft einen Überblick über die Vielfalt der kulturellen Erscheinungen, zwingt aber zum Teil auch zu einseitigem Schematismus und weitgehenden Generalisierungen. Individueller Stil als erklärte Absicht der Künstler („seinen eigenen Stil finden”) ist in der globalen Kulturgeschichte eher die Ausnahme, insbesondere in jener spezifischen Form, die sich als bewusste Opposition zur Tradition zeigt. Diese ästhetische Haltung ist insbesondere mit der Entwicklung der Individualität in der europäischen Neuzeit verbunden. Sie hat somit auch gewisse Perspektiven der Kunstwissenschaft und -geschichte geprägt. Diese Sichtweise wird aber älteren Kulturepochen und fremden Kulturen (vergleiche Ethnokunst; Kunstethnologie) nicht immer gerecht. Die so genannte Stilanalyse unterstellt dem architektonischen Werk, eine geschichtsbedingte Form zu sein. Als Methode ermöglicht sie dem Historiker wie dem Kunstwissenschaftler, Kunst- und Bauwerke in geschichtliche Zusammenhänge zu bringen. Inzwischen ist der wissenschaftliche Kenntnisstand dergestalt gereift, dass selbst kleine Überbleibsel ansonsten nicht erhaltener Bauwerke Aufschlüsse über deren Entstehungszeit zulassen.
Die Stilgeschichte unterscheidet Epochen mit kohärenten Stilen und voneinander deutlich abgrenzbaren Zeitspannen. Für den europäisch-mediterranen Raum hat sich folgende Grobeinteilung eingebürgert:
Jede einzelne dieser Epochen weist ein für sie prägendes künstlerisches Formengut auf, das sich auch in der jeweiligen Architektursprache niederschlägt.
Höhlen und Wohngruben waren Vorläuferformen der Baugeschichte des begrenzten und umschlossenen Wohnraums. Dieser wurde in dieser frühesten Form entweder im vorgefundenen natürlichen Zustand belassen oder aber künstlich – aus natürlichen Materialien wie Stein und Lehm – geschaffen. Quellen wie die Höhlenmalerei (siehe paläolithische Kunst) belegen die Errichtung von Windschirmen aus Zweigen, Ästen und Blättern und lassen die Entstehung der ersten bekannten Rundzelte (im Magdalénien, um 30000 v. Chr.) datieren. Die frühesten bautechnischen Errungenschaften wie Blockhütten, Pfahlbauten, Siedlungen aus geschichteten Steinen, gestampfter Lehm etc. lassen Erfindergeist und innovative Kraft erkennen. Doch diese aus der existentiellen Not heraus entstandenen Behausungen können noch nicht als Architektur im Sinne der Baukunst bezeichnet werden. Aus dem 8. und 7. Jahrtausend v. Chr. (Neolithikum) stammen die ersten Belege revolutionärer Veränderungen der Menschheit, es entwickelten sich Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit. Diese Neolithische Revolution legt die Annahme einer Veränderung des sozialen Lebens nahe, was notwendig auch Veränderungen der Bautätigkeit nach sich zog. Die ersten städtischen Siedlungen und Wehranlagen entstanden um 8000 v. Chr. (siehe Çatal Hüyük; Jericho). Der Wechsel vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit des Menschen markiert den Beginn der Architekturgeschichte. Die neu entwickelten Techniken der Metallverarbeitung zeigten erstmals auch eine ästhetische Gestaltung. Eine ausgeprägte Bestattungskultur (siehe Grab) verbreitete sich. Von der geistigen Nähe dieser Anlagen zu Denkmalkult und Ritual zeugen die Überreste des größten prähistorischen Steindenkmals Stonehenge bei Salesbury. Siehe auch ägäische Kultur; Mykene; Hethiter; iranische Kunst und Architektur
Unter den frühen Hochkulturen gewann die Kunst Ägyptens besonders weit reichenden Einfluss auf die europäische Kultur. Aufgrund der weiten sumpfigen Randgebiete der Wüstenregion am Nil traf man in Ägypten wohl saftige Papyrusstauden an, geeignetes Bauholz jedoch musste u. a. aus dem Libanon importiert werden. Allerdings waren Kalkstein, Basalt und Alabaster vorhanden, was die Erfindung und Entwicklung von besonderen Werkzeugen zur Steinbearbeitung notwendig machte. Diese wurden für die ägyptische Kultur maßgeblich und prägend; der bearbeitete Stein wurde zum Träger einer reichen literarischen Produktion (siehe Schrift; Hieroglyphen; Kalender). Die berühmtesten Baudenkmäler der ägyptischen Kultur sind die Gedenkstätten für die als Heilige verehrten Toten, die Pyramiden. Bis um 2400 v. Chr. (Altes Reich) entstanden die Königsgräber des Cheops, Chephren und Mykerinos in Gise als großartige Beiträge zur Weltarchitektur. Sie geben Zeugnis von der politisch-religiösen Ordnung einer Kultur, die der Idee des göttlichen Königtums monumentalen Ausdruck verleihen und diesen Anspruch künstlerisch adäquat umsetzen wollte. Die Pyramidentempel in der Totenstadt Sakkara wurden nach mathematischen Gesetzmäßigkeiten (50 Grad Neigungswinkel nach allen Seiten) aus Alabaster- und Granitblöcken ungeheuren Ausmaßes errichtet; die Grabkammer war über schachtartige Gänge im Tempelinneren zu erreichen. Die Cheopspyramide weist eine Basislänge von 230 Metern auf, und ihre Höhe betrug früher fast 147 Meter. Der damit verbundene Aufwand ließ sich nicht beliebig fortführen. In der 5. Dynastie erkannte man, dass die megalomane Bauweise zum Staatsbankrott führen würde. Der Bau späterer Pyramiden folgte nun bescheideneren Maßgaben und wurde symbolisch umgedeutet. Die Innenraumstruktur der Pyramidenanlagen, die als Komplex über heiligen Bezirken errichtet wurden und meist über monumentale Treppenläufe zugänglich waren, sorgte seit ihrer Entdeckung für Aufsehen und zahlreiche Legenden. Denn die nach außen geschlossenen Steinmassen beherbergen in ihrem Inneren ein konstruiertes Labyrinth aus Gängen und Schächten, Scheintüren und ins Nichts führenden Treppen, um Grabräuber und andere Unbefugte vom Zugriff auf den bestatteten König abzuhalten. Dessen Mumie befand sich allerdings weder in einer der oberirdischen Grabkammern noch in einem der Opferhöfe oder einer der Kapellen, sondern vielmehr unterhalb des Pyramidenbaus, also unterirdisch begraben. Allenfalls in der mesopotamischen sowie in der chinesischen Architektur finden sich Beispiele eines mit vergleichbarem Aufwand betriebenen Grabkultes. Das heutige Bild von der ägyptischen Architektur wird weitgehend durch die Pyramidenanlagen, also durch Sakralbauten geprägt. Die weitläufigen Stadtanlagen und Profanbauten sind bis auf wenige Relikte nicht erhalten. Es ist jedoch davon auszugehen, dass geometrische Maßgaben und eine strenge Axialität auch hier dominierten. Die ägyptische Bauweise zeigte eine Architektur nach den Gesetzen des Maßes, der Harmonie und Proportion. Dabei boten die glatten geschlossenen Wandflächen stets genügend Raum für die Integration der bildenden Kunst und der Schriftkunst mit Hieroglyphen: Eingefügte Schriftfelder, symbolisch-realistische Szenen in Relief und Wandmalerei, astronomische Darstellungen und prachtvolle archaische Skulpturen zeugten in ihrer Vollkommenheit vom komplexen Denken der ägyptischen Hochkultur, deren Erbe in der koptischen Kunst und Architektur fortlebte. Zudem übte die ägyptische Architektur starken Einfluss auf die architektonische Entwicklung Afrikas aus (siehe afrikanische Kunst und Architektur).
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