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MittelalterEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Begriff; Epochengrenzen; Frühmittelalter; Hochmittelalter; Spätmittelalter; Grenze zur Neuzeit
Die allgemeine Neuorientierung erfasste auch die tief in weltliche Angelegenheiten verstrickte und vom Adel dominierte Kirche. Von Kloster Cluny ging eine religiöse Erneuerungsbewegung aus (siehe kluniazensische Reform), die auch das Papsttum erfasste, das nun die Freiheit der Kirche von den Fesseln der weltlichen Herrschaft anstrebte. Nicht nur Priesterehe und Simonie wurden verboten, sondern seit Papst Gregor VII. auch die Laieninvestitur durch den König. Die Auseinandersetzung zwischen Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV. vor allem über die Frage der Investitur kirchlicher Würdenträger durch den König bzw. Kaiser löste den Investiturstreit aus (1075-1122), in welchem die frühmittelalterlichen Ordnungsvorstellungen von einem gleichberechtigten Nebeneinander der geistlichen und weltlichen Gewalt zerbrachen. Das Königtum büßte seine charismatische Position in Reich und Kirche ein, und die Zweigewaltenlehre wurde seit Gregor VII. von den Päpsten nicht mehr als Lehre von der Gleichrangigkeit weltlicher und geistlicher Macht interpretiert, sondern der geistlichen Macht wurde die Suprematie über die weltliche zugewiesen, was für den Rest des Mittelalters zu folgenreichen Auseinandersetzungen führen sollte. Im kirchlichen Erneuerungsprozess spielte auch das Bürgertum eine bedeutende Rolle, das im religiösen Bereich ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein erlangt hatte, gefördert vor allem durch Gregor VII., der gläubige Laien zum offenen Widerstand gegen simonistische Kleriker und Bischöfe aufgefordert hatte. Unzufrieden mit der reichen, verweltlichten Kirche, wurde die einfache, machtlose Urkirche und der Armutsgedanke zum Ideal erhoben. Es kam im 12. Jahrhundert zur Gründung neuer, von der Welt abgeschiedener Orden wie die der Zisterzienser, Kartäuser und Prämonstratenser, aber auch zu häretischen Bewegungen, die das Armutsideal propagierten und sich von der Kirche abwandten. Im 13. Jahrhundert folgte die Gründung der Bettelorden der Franziskaner und der Dominikaner.
Im 12. Jahrhundert erwachte auch die Wissenschaft zu neuem Leben: Mit einem von konservativen bzw. traditionalistischen Mönchsgelehrten bekämpften Bewusstsein, die Erkenntnis durch eigenständiges Denken bereichern und berichtigen zu können, begannen führende Köpfe wie Abélard, die kritiklos übernommene Überlieferung mit Methode zu hinterfragen. Sie leiteten damit die „Denkepoche” der Scholastik ein, die im 12. Jahrhundert begann und erst im 16. Jahrhundert ausklang, als längst der Humanismus dominierte. Überall entstanden neue Bildungseinrichtungen, wie Dom- und Klosterschulen; in Paris und Bologna wurden die ersten Universitäten gegründet, an denen neben Theologie auch Medizin und Recht gelehrt wurden. Die medizinischen Schriften der Antike, von denen viele durch arabische Gelehrte vor dem Verlust bewahrt worden waren, wurden wieder entdeckt und übersetzt. Sowohl das Kirchen- als auch das Zivilrecht wurden systematisiert – vor allem an der Universität Bologna –, kommentiert und wie nie zuvor einer kritischen Betrachtung unterzogen.
Auch in Literatur und bildender Kunst manifestierte sich die Aufbruchsstimmung des Hochmittelalters. Schreib- und Lesefähigkeit waren nicht länger auf den Klerus beschränkt; auch schrieb man nicht mehr nur in Lateinisch, sondern erstmals auch in den jeweiligen Volkssprachen. Die Literatur bediente sich nun auch anderer als geistlicher und philosophischer Stoffe und richtete sich an ein vornehmlich adeliges Publikum, das Bildung und Muße hatte, sie zu lesen. In der Malerei wandte man sich der Darstellung von Emotionalität, der Natur und der Alltagswelt zu, und in der Architektur fand die Romanik ihren Höhepunkt, während sich bereits die Gotik ankündigte, die in den folgenden Jahrhunderten die Baukunst bestimmen sollte.
Das Spätmittelalter lässt man in Deutschland im Allgemeinen Mitte des 13. Jahrhunderts mit dem Zusammenbruch der Stauferherrschaft und dem Interregnum beginnen, doch gibt es dazu plausible Alternativen. So fielen bereits gegen Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts Entscheidungen, die die künftige Entwicklung in neue Bahnen drängten.
Sehr häufig wurde das Spätmittelalter als Krisenzeit dargestellt, was angesichts der Geschehnisse naheliegt, aber zu kurz greift. Tief getroffen wurde die mittelalterliche Gesellschaft von der Pest, die von Mitte des 14. bis Mitte des 15. Jahrhunderts in mehreren Wellen die Bevölkerung Europas auf etwa die Hälfte dezimierte. Die Pest führte zu entsetzlichen Judenpogromen, Geißler durchzogen in Massen die Lande, um sich für ihre Sündenschuld bis aufs Blut zu geißeln. Gerodetes Gebiet wurde wieder wüst, Hungersnöte häuften sich. Das Zeitalter der Kreuzzüge fand sein Ende mit der Pervertierung des Kreuzzugsgedankens durch Venedig, das 1204 das Kreuzfahrerheer Konstantinopel erobern ließ, und 1228/29 mit dem Kreuzzug Friedrichs II., des vom Papst exkommunizierten Kaisers, der sich eigenhändig zum König von Jerusalem krönte. Zwar lebte der Kreuzzugsgedanke fort, doch wurde er von den Päpsten vor allem zum Kampf gegen ihre aus machtpolitischen Gründen exkommunizierten Feinde wiederbelebt. Päpste kämpften mit Propaganda und Waffengewalt zunächst gegen weltliche Machthaber und schließlich im Großen Abendländischen Schisma gegeneinander. Das Papsttum hatte durch seine allzu tiefe Verstrickung in Politik und Krieg seine alles überragende Stellung in der Christenheit verloren, und die weltlichen Fürsten folgten nicht einmal mehr dem päpstlichen Aufruf zur Verteidigung des Abendlandes gegen die vordrängenden Osmanen, die 1453 Konstantinopel eroberten und von dort aus den Westen bedrohten. Mehrere Reformversuche der Kirche an Haupt und Gliedern scheiterten, der Konziliarismus stellte die päpstliche Allmacht in Frage. Zunftkämpfe bedrohten in den Städten nicht nur Ruhe und Ordnung, sondern auch die wirtschaftliche Prosperität. Bauern und Arbeiter rebellierten teils erfolgreich gegen himmelschreiende Missstände, teils wurden sie niedergemetzelt. Die Welt war aus den Fugen geraten.
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