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Windows Live® Suchergebnisse Pierre Joseph ProudhonEnzyklopädieartikel
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Pierre Joseph Proudhon (1809-1865), französischer Sozialist und Publizist. Er gilt als Vordenker des Anarchismus.
Proudhon wurde am 15. Januar 1809 in Besançon geboren als Sohn eines verarmten Kneipenwirts und Küfers, der 1827 Bankrott machte. Proudhon erlernte das Buchdruckerhandwerk, führte – wirtschaftlich glücklos – einige Jahre lang eine eigene Druckerei in Besançon und erwarb sich im Selbststudium theologischer und politisch-ökonomischer Literatur ein umfangreiches Wissen. Mit seinem ersten, Aufsehen erregenden Werk, Qu’est-ce que la propriété? (1840, Was ist Eigentum?), in dem er sich als Erster als Anarchist bekannte, einer bis dahin ausschließlich als Schimpfwort genutzten Zuschreibung, machte sich Proudhon einer größeren Öffentlichkeit bekannt. In weiteren, mehr als 40 Schriften beschäftigte er sich unter ökonomischem und philosophischem Blickwinkel mit der Kritik der herrschenden Gesellschaftsordnung und den Voraussetzungen für eine freie Gesellschaft. Sein Versuch, mit Gründung einer „Tauschbank” für Kleinproduzenten und Arbeitergenossenschaften die Möglichkeit geld- und ausbeutungsfreien Wirtschaftens praktisch zu demonstrieren, scheiterte 1849 nach einem halben Jahr. Obwohl Gegner des Parlamentarismus, ließ sich Proudhon nach der Februarrevolution 1848 in die Nationalversammlung wählen, in der er sich einige Monate lang mit kämpferischer Rhetorik als Vertreter des Proletariats exponierte. Wegen „Aufforderung zum Bürgerkrieg” wurde er 1849 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. In der Haft verfasste er neben anderen Werken seine Autobiographie Bekenntnisse eines Revolutionärs (1849). Im Zweiten Kaiserreich unter Napoleon III. für eine aufrührerische Schrift 1858 erneut zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt und mit Publikationsverbot belegt, floh Proudhon nach Brüssel ins Exil. 1862 wurde er begnadigt und kehrte nach Frankreich zurück. Er starb am 19. Januar 1865 in Passy (heute zu Paris). Zum Zeitpunkt seines Todes beriefen sich bereits zahlreiche soziale und politische Strömungen auf Proudhon: Arbeitervereine, Genossenschaften, politische Clubs und mit besonderem Gewicht der von Michail A. Bakunin im Widerspruch zu Karl Marx angeführte anarchistische Flügel der Internationalen Arbeiter-Association (Erste Internationale). Viele Führer der Pariser Kommune von 1871 verstanden sich als Proudhonianer und versuchten in der kurzen Zeit ihrer Herrschaft, einige sozialrevolutionäre Ideen Proudhons in die Tat umzusetzen.
Leitideen seiner verzweigten theoretischen Vorstellungen, die stellenweise auch reaktionäre, antisemitische und patriarchalische Elemente enthielten, entwarf Proudhon schon 1840 in Was ist Eigentum? Mit seiner provozierenden Antwort „Eigentum ist Diebstahl” attackierte er die existierende Gesellschaftsordnung: Deren Grundlage und die Quelle aller Ungerechtigkeit sei das Eigentum, dessen Besitzer sich ungerechtfertigt des Arbeitsertrags der Produzenten bemächtigt hätten. Stattdessen befürwortete Proudhon Formen „legitimen” Besitzes, der den Produzenten als Frucht ihrer Arbeit zustehe. In gemeinschaftlicher Organisation der Arbeit, bei der die Individualität des Einzelnen und die kreative Vielfalt aller nicht eingeschränkt werden, sah Proudhon den Ausgangspunkt für die Entwicklung einer neuen, von Ausbeutung freien Gesellschaftsordnung, die ohne eine zentralistische Zusammenfassung in Form des Staates auskommt. Hierin unterschied Proudhon sich vom gleichmachenden „Kommunismus” der utopischen Frühsozialisten Charles Fourier und Claude Henri Graf von Saint-Simon. Auch entwarf er im Unterschied zu diesen keine viel versprechenden Gesellschaftsbilder der Zukunft, sondern versuchte aus schon vorzufindenden Bedingungen, wie z. B. gemeinschaftlicher handwerklicher Produktion und gerechter Aufteilung des gemeinsamen Ertrags der Arbeit, Ansätze zu ermitteln und fortzuentwickeln, in denen er Potential für eine „dritte Gesellschaftsform” jenseits von Kommunismus und Kapitalismus zu erkennen glaubte. Als tragende Elemente einer solchen Synthese von Gleichheit und Freiheit kristallisierten sich für ihn neben Freiheit von staatlicher Herrschaft der Mutualismus und der Föderalismus heraus – Mutualismus verstanden als Ordnungsprinzip der Wirtschaft nach rechtschaffener Gegenseitigkeit, Föderalismus als politisches Organisationsprinzip einer Gesellschaft, in der überschaubare soziale Einheiten wie Werkstätten und Gemeinden, in denen sich der Mensch selbst verwirklichen kann, miteinander vernetzt ihre Angelegenheiten autonom verwalten. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts befand sich Proudhon in Paris mit Marx, Aleksandr I. Herzen und Bakunin in engem Diskussionszusammenhang über Wege zu einer neuen Gesellschaft. Anfangs mit Marx weitgehend einig, schied Proudhon sich schließlich von ihm – im Streit sowohl über die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft wie auch über die politische Strategie. Proudhon lehnte eine zentrale revolutionäre politische Organisation ab und setzte stattdessen auf Aufklärungsarbeit und beispielhafte Praxis vor Ort. Auf Proudhons Système des contradictions économiques, ou Philosophie de la misère (1846, System der ökonomischen Widersprüche oder die Philosophie des Elends) antwortete Marx mit der Streitschrift Das Elend der Philosophie (1846). Herzen und Bakunin dagegen blieben Proudhon verbunden: Herzen entwarf auf Proudhons Grundlagen sozialrevolutionäre Konzepte für Russland, Bakunin gab Proudhons Anarchismus eine subjektivistisch-revolutionäre Stoßrichtung. Ideen Proudhons, den Kropotkin „Vater des Anarchismus” nannte, nahmen vor dem 1. Weltkrieg der von Georges Sorel geprägte revolutionäre Syndikalismus und die französische sozialistische Partei Section française de l’Internationale Ouvriere (SFIO) auf. In Deutschland nahm sich vor allem Gustav Landauer des Vermächtnisses Proudhons an. Neben den genannten sind unter der Vielzahl von Proudhons Werken noch hervorzuheben: Les idées révolutionnaires (1849, Revolutionäre Ideen), De la justice dans la révolution et dans l’église (1858, Von der Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche) und De la capacité politique des classes ouvrières (1863, Von der politischen Fähigkeit der Arbeiterklasse).
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