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Windows Live® Suchergebnisse Claude Lévi-StraussEnzyklopädieartikel
Claude Lévi-Strauss (*1908), französischer Ethnologe. Er übertrug die aus der Linguistik stammende, besonders von Ferdinand de Saussure entwickelte strukturalistische Methode auf die Ethnologie und begründete so eine strukturalistische Kulturanthropologie. Claude Lévi-Strauss wurde am 28. November 1908 in Brüssel als Sohn eines Künstlers geboren. In seiner Jugend engagierte er sich für die sozialistische Partei Frankreichs. Von 1927 bis 1932 studierte er an der Pariser Universität Rechtswissenschaften und Soziologie. Anschließend arbeitete er als Gymnasialprofessor. 1934 erhielt er einen Ruf als Professor für Soziologie an die Universität von São Paulo in Brasilien und wirkte dort bis 1938. Während dieser Zeit führten ihn mehrere ethnologische Forschungsreisen in das Innere Brasiliens, wo er die Caduveo und Bororo besuchte. Mit Unterstützung des französischen Staates unternahm er 1938/39 eine weitere ausgedehnte Expedition in Zentralbrasilien und besuchte die Nambikwara und Tupi-Kawahib. 1939/40 diente er in der französischen Armee als Verbindungsoffizier zur britischen Armee. Wegen seiner jüdischen Herkunft musste Lévi-Strauss 1941 emigrieren und ging in die USA. In der New Yorker New School for Social Research lehrte er von 1942 bis 1945 Sozialwissenschaften. 1946/47 war er in New York als französischer Kulturattaché tätig. 1949 wurde Lévi-Strauss stellvertretender Direktor des Pariser Musée de l’Homme. Von 1950 bis 1974 war er Studiendirektor an der École Pratique des Hautes Études der Universität von Paris und hatte dort am Institut für Sozialanthropologie einen Lehrstuhl für Vergleichende Religionswissenschaft der schriftlosen Völker inne. Von 1959 bis 1982 war Lévi-Strauss außerdem Professor für Sozialanthropologie am Collège de France. 1973 wurde er zum Mitglied der Académie française gewählt und erhielt den höchsten französischen Orden Légion d’honneur (Ehrenlegion). 1996 wurde er vom Hamburger Senat mit dem Aby-M.-Warburg-Preis ausgezeichnet. Die Einflüsse auf das Werk von Claude Lévi-Strauss sind sehr mannigfaltig. Nach eigenen Angaben wurde er in seiner Jugend von der Geologie, von der Psychoanalyse Sigmund Freuds und vom Marxismus geprägt. Ähnlich wie diese Wissenschaften und Theorien versuchte er später, Strukturen der empirischen Realität auf eine andere, dahinterliegende Ebene der Wirklichkeit zurückzuführen, „Ordnung hinter einer scheinbaren Unordnung zu finden”. Prägend wurden ferner während seiner Emigration in Amerika die Begegnungen mit dem Linguisten Roman Jakobson sowie mit einigen der ebenfalls emigrierten Surrealisten wie André Breton und Max Ernst, von denen er lernte, „die abrupten und unvorhergesehenen Kombinationen nicht zu scheuen”. Eine Freundschaft verband ihn mit dem Psychoanalytiker und Theoretiker Jacques Lacan. Lévi-Strauss machte es sich bei seinen Forschungen zur Aufgabe, die allen Kulturen und Gesellschaften gemeinsamen Grundlagen, das allem menschlichen Denken zugrunde liegende und es durchgängig bestimmende „strukturelle Unbewusste” zu rekonstruieren. Kultur und Gesellschaftsformen sind seiner Ansicht nach Projektionen universeller Gesetze: „Wir wollen also nicht darstellen, wie die Menschen in den Mythen denken, sondern wie die Mythen in den Menschen denken, ohne dass es ihnen bewusst wird” (Lévi-Strauss). Im Rahmen seiner äußerst breit angelegten Forschungen untersuchte er vor allem die Verwandtschaftssysteme, Mythologien, Bräuche und Institutionen schriftloser Völker. Von Saussures und Jakobsons strukturalistischen Methoden ausgehend, identifiziert Lévi-Strauss bei der Untersuchung kultureller oder sozialer Erscheinungen einzelne, zentrale Elemente bzw. Phänomene, betrachtet sie aber nicht isoliert für sich, sondern untersucht die Beziehungen zwischen ihnen. Das Geflecht notwendiger und konstanter Beziehungen bildet ein System, in dem ein innerer Zusammenhang herrscht und das sich mittels Transformationen in andere Systeme überführen lässt. In seinem ersten größeren, 1949 erschienenen Werk Les structures élémentaires de la parenté (Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft) beschäftigte sich Lévi-Strauss mit der kulturellen Prägung universaler Verwandtschaftssysteme. In Le Totémisme aujourd’hui (1962; Das Ende des Totemismus) entlarvte er den traditionellen ethnologischen Begriff des Totemismus als Illusion, die unbewusst dazu diente, die Unterschiede zwischen den Denksystemen der Gesellschaften, aus denen die Ethnologen stammen, und denen ihrer untersuchten Kulturen zu vergrößern, das Fremde noch fremder zu machen und die Gemeinsamkeiten zu verschleiern. Diesen Ansatz verfolgte er in La Pensée sauvage (1962; Das wilde Denken) weiter. Hier vertrat er die Grundthese, dass schriftlose Völker ebenso wie wissenschaftlich-technologisch orientierte Kulturen auf uneigennützige Weise, d. h. über den praktischen Nutzen hinausgehend ihre Welt, die umgebende Natur, das Universum und ihre Gesellschaft zu verstehen suchen. Alle Kulturen sind intellektuell ebenbürtig, sie gehen nur verschieden vor. Magisches und wissenschaftliches Denken können als zwei Arten der Erkenntnis betrachtet werden. Das magische oder „wilde Denken” der schriftlosen Kulturen interpretiert er als eine „Wissenschaft des Konkreten”, deren Methode auf einer „intellektuellen Bastelei” (bricolage) beruht. Claude Lévi-Strauss’ monumentales Hauptwerk ist die vierbändige Mythologiques (Mythologica I – IV), die zwischen 1964 und 1971 erschien. Die einzelnen Bände tragen die Titel Le Cru et le cuit (1964; Das Rohe und das Gekochte), Du miel aux cendres (1966; Vom Honig zur Asche), L’Origine des manières de table (1968, Der Ursprung der Tischsitten) und L’Homme nu (1971; Der nackte Mensch). Dieses Werk untersucht 813 Mythen aus Süd- und Nordamerika und demonstriert das Verfahren der strukturellen Transformation von Mythen in andere Mythen oder Mythengruppen. Zum Tragen kommt hier das schon in den vorangegangenen Werken entwickelte Verfahren der Bildung binärer Gegensätze wie Natur und Kultur, roh und gekocht, Nacktheit und Kleidung etc. Sein Reisebericht Tristes Tropiques (1955; Traurige Tropen), in dem er von seinen Expeditionen in Brasilien erzählt, wurde auch bei einem größeren Publikum ein Erfolg. Über die Schilderungen der Reisen hinausgehend reflektiert Lévi-Strauss hier weit ausholend grundlegende philosophische, anthropologische und kulturelle Fragen, vor allem aber die Zerstörung der indianischen Kulturen durch die Europäer. Die Wirkung von Claude Lévi-Strauss’ Werken geht weit über die Grenzen der Ethnologie und Kultur- bzw. Sozialanthropologie hinaus; er beeinflusste insbesondere neuere Ansätze der Geschichtswissenschaft und Philosophie (Poststrukturalismus). Paradoxerweise fand sein wissenschaftlicher Ansatz aber gerade in der Ethnologie kaum eine Fortsetzung; zu den wenigen Forschern, die diese Richtung weiter verfolgen, gehören Maurice Godelier und Michael Oppitz. Der synchrone, also von historischen Zusammenhängen abstrahierende Ansatz seines Denkens stand im scharfen Gegensatz zu seinem intellektuellen Antipoden Jean-Paul Sartre, an dem er die „Privilegierung der Geschichte”, also den diachronen Ansatz kritisierte. Zu den wichtigsten Werken von Lévi-Strauss gehören weiterhin Race et Histoire (1952; Rasse und Geschichte), Anthropologie structurale (2 Bde., 1958, 1973; Strukturale Anthropologie I, II), Le Regard éloigné (1983; Der Blick aus der Ferne), La potière jalouse (1985; Die eifersüchtige Töpferin), Histoire de lynx (Die Luchsgeschichte. Zwillingsmythologie in der Neuen Welt), Regarder Écouter Lire (1993, Sehen Hören Lesen), außerdem ein Band mit aufgezeichneten Radiovorträgen und Gesprächen, Mythos und Bedeutung (1980), sowie die mit Didier Eribon geführten Gespräche, die unter dem Titel De près et de loin (1988; Das Nahe und das Ferne – eine Autobiographie in Gesprächen) veröffentlicht wurden. Claude Lévi-Strauss betont immer wieder, welch große Bedeutung die Musik für sein Denken besitzt. Auf der Grundlage der Tristes Tropiques schrieb die Philosophin Catherine Clément das Libretto zu der gleichnamigen Oper des griechisch-französischen Komponisten Georges Aperghis, die 1996 uraufgeführt wurde.
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