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Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoj

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Lew Tolstoj: Wichtige WerkeLew Tolstoj: Wichtige Werke
Artikelgliederung
1

Einleitung

Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoj (1828-1910), russischer Schriftsteller. Mit seinen episch breiten Gesellschaftsromanen Krieg und Frieden und Anna Karenina gehört er neben Fjodor M. Dostojewskij zu den großen Realisten der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus ist er einer der bedeutendsten (und meistgelesenen) Autoren der Weltliteratur.

Tolstoj wurde am 9. September 1828 als vierter Sohn eines adligen Gutsbesitzers in Jasnaja Poljana geboren. Im Alter von neun Jahren verlor er kurz nach der Übersiedlung nach Moskau seinen Vater (die Mutter war bereits 1830 gestorben) und kam in die Obhut seiner Tante Gräfin Alexandra von Osten-Saken. Erzogen von französischen und deutschen Hauslehrern, schrieb sich Tolstoj 1844 an der Universität Kasan ein, wo er, um die Diplomatenlaufbahn einzuschlagen, zunächst orientalische Sprachen und später Jura studierte. 1846 begann er sein Intimes Tagebuch, das er mit kleinen Unterbrechungen bis zu seinem Tod weiterführte. Unter dem Eindruck der Schriften des französischen Philosophen Jean Jacques Rousseau und dessen darin zu Tage tretendem Natur- bzw. Gesellschaftsverständnis wandte er sich vom akademischen Leben ab und verließ 1847 nach Auszahlung seines Erbes die Universität ohne Abschluss (gescheitertes Semesterexamen). Auf dem Landgut Jasnaja Poljana entstanden erste kleinere philosophische Essays. Nach einem halbherzigen Versuch, die Situation der 350 geerbten Leibeigenen im Sinn des rousseauschen Idealismus zu verbessern (dies schildert Der Morgen eines Gutsbesitzers, Fragment, erschienen 1856), suchte Tolstoj in Moskau und Sankt Petersburg seit 1848 Zerstreuung im Kreise wohlhabender junger Adliger (Jagden, Gelage etc.). Detaillierte Tagebuchaufzeichnungen aus diesen Jahren geben u. a. Aufschluss über seine gesellschaftskritische Haltung und sein Reformstreben. 1850 plante Tolstoj eine Studie über das Zigeunerleben. Gleichzeitig schulte er sein Formbewusstsein durch den Versuch einer Übersetzung von Laurence Sternes A Sentimental Journey.

1851 folgte Tolstoj seinem im Kaukasus stationierten Bruder und schloss sich später selbst der Armee an. Im Kaukasus reifte sein Entschluss, Schriftsteller zu werden; Kontakte mit Kosaken schilderte er zehn Jahre später eindringlich in der realistischen Novelle Kazaki (1863, Die Kosaken), die die Sinnlosigkeit des Moskauer Gesellschaftslebens gegen die naturverbundene Vitalität des Daseins inmitten der unverfälschten Landschaft auszuspielen sucht. Während seiner Zeit als Offizier vollendete Tolstoj den autobiographischen Roman Detstvo (1852, Kindheit) und ergänzte ihn, nachdem das Buch auf Vermittlung Nikolaj Nekrasows erschienen und äußerst positiv aufgenommen worden war, durch Otroschestvo (1854, Knabenalter) und Junost’ (1857, Jünglingsjahre). In dieser Trilogie, die in deutscher Sprache auszugsweise unter dem Titel Aus meinem Leben herauskam, schilderte er in einer bewusst gegen die russische Romantik gerichteten unsentimentalen Sprache anhand eines „klugen, empfindlichen und verirrten Menschen” die Zeit auch seines eigenen Heranwachsens (ein geplanter vierter Teil kam nicht zustande). Die drei Romane verhalfen Tolstoj zu erstem literarischem Ansehen, ebenso die als Sevastopol’skie rasskazy (Sewastopol) 1855/56 publizierten narrativen Berichte über seine zunächst enthusiastische Teilnahme am Krimkrieg. In Sewastopol im Dezember, Sewastopol im Mai und Sewastopol im August, die in der von Alexandr Puschkin mitgegründeten Zeitschrift Sowremennik (Der Zeitgenosse) veröffentlicht wurden, konfrontierte Tolstoj auf drastische Weise die patriotischen Ideale der Verteidiger der Festung mit der grausamen Realität des Kriegs. Durch diese Berichte wurde Tolstoj mit dem Umkreis des Sowremennik, namentlich mit Wladimir Sollogub, Iwan Turgenjew, Dimitrij Grigorowitsch und Iwan Panajew, bekannt.

In der letzten Erzählung des Sewastopol-Zyklus manifestiert sich Tolstojs Wandlung zum Kriegskritiker besonders deutlich. Nachdem der Dichter um seine Versetzung gebeten hatte, kehrte er 1856 als Kurier nach Sankt Petersburg zurück. Im gleichen Jahr startete er neue, abermals scheiternde Versuche, die Situation seiner Leibeigenen zu ändern. Abenteuer mit Bauernmädchen und einer verheirateten Bäurin wurden von Selbstekel begleitet – und 1889 in der tendenziösen Erzählung Der Teufel literarisch verarbeitet. Während zweier Europareisen in den Jahren 1857 (Paris, Genf, Luzern, Baden-Baden) und 1861 (London, Paris, Brüssel) traf Tolstoj den exilierten liberalen Publizisten Alexandr Herzen und den sozialistischen Anarchisten Pierre Joseph Proudhon, dessen Theorien allerdings keinen sonderlichen Eindruck auf ihn machten. Tolstojs pädagogische Interessen illustrieren Schulbesichtigungen in Frankreich und Deutschland. Nach seiner Rückkehr Ende April 1861 gründete der Autor auf seinem Landgut eine Schule für 50 Bauernkinder, die im Ansatz moderne Lehrmethoden „antiautoritärer” Erziehung vorwegnahm („Gehe hinein und hinaus in Freiheit” stand über dem Eingangsportal). Gleichzeitig gab er die pädagogische Zeitschrift Jasnaja Poljana heraus. Beide Projekte scheiterten 1862 (Schließung der Schule, Haussuchung etc.). In diesem Jahr der Krise suchte sich Tolstoj durch die Heirat der Schriftstellerin und Gutsbesitzertochter Sophia Andrejewna Bers ins Familienleben zu retten. Zwischen 1862 und 1877 lebte er mit seiner größer werdenden Familie auf seinem Landgut und kümmerte sich um dessen Verwaltung. In dieser Zeit entstanden mit Vojna i mir (1868/69, Krieg und Frieden) und Anna Karenina (1875-1877) seine bedeutendsten Romane.

1869 erlitt Tolstoj eine von Depressionen, Todesängsten und Selbstzweifeln geprägte „seelische Epilepsie” (Notizen eines Wahnsinnigen, 1884). Außerdem machte ihm die Diskrepanz zwischen seinen philosophischen Ideen und seinem Leben im Wohlstand zunehmend Probleme. Die Lektüre der Schriften Arthur Schopenhauers 1879 festigte seine pessimistische Grundeinstellung weiter. Tolstojs Wunsch, der Gesellschaft und dem öffentlichen Leben den Rücken zu kehren, spiegelt u.  a. der Umstand, dass der Schriftsteller ein Angebot von 10 000 Rubel Vorschuss für einen neuen Roman (1872) ebenso wie die Einladung zur Einweihung eines Puschkin-Denkmals in Moskau (1880) ausschlug. 1881 trat Tolstoj aus der Kirche aus; 1884 versuchte er sich als Schuster am einfachen Leben. Ein Jahr später gründete er den Verlag Posrednik (Der Vermittler) als Forum religiös-moralischer Schriften mit Massenwirkung (bis 1891 20 Millionen verkaufte Exemplare). Im Juli 1891 erschien Tolstojs berühmter Brief, in dem er auf alle Ansprüche an Werken verzichtete, die vor seiner „zweiten Geburt” 1881 geschrieben wurden. Da seine Ehefrau nicht bereit war, sich von den gemeinsamen Besitztümern zu trennen, verließ der Schriftsteller am 28. Oktober 1910 in Begleitung seines Arztes und seiner jüngsten Tochter den Familiensitz, um Konstantinopel zu sehen und einige Klöster aufzusuchen. (Bereits 1897 hatte er die Trennung beabsichtigt, einen diesbezüglichen Brief aber nie abgeschickt.) Tolstoj starb am 20. November 1910 im abgelegenen Bahnhof von Astapowo an Lungenentzündung.

2

Krieg und Frieden und Anna Karenina

Krieg und Frieden zählt zu den bedeutendsten Romanen der Weltliteratur und begründete Tolstojs Ruf als „der bedeutendste russische Prosaautor” überhaupt (Vladimir Nabokov). In den vier Bänden dieses als monumentales Geschichtsepos angelegten Werks zeichnete Tolstoj ein Panorama der russischen Gesellschaft zwischen 1805 und 1812: Somit steht die Zeit kurz vor und während Napoleons Einmarsch nach Russland im Mittelpunkt. 559 Charaktere treten auf, zentrale Schlachten (Schöngraben, Austerlitz und Borodino) werden geschildert und historische Personen porträtiert. In erster Linie aber zeichnete Tolstoj eine Chronik der adligen Familien um den Grafen Rostov, den Fürsten Bolkonskij und den Fürsten Kuragin, wobei der Dichter durch Erinnerungen, Briefwechsel etc. Stoff aus der eigenen Familiengeschichte entnehmen konnte. In Krieg und Frieden greifen die um die Bereiche Militär, Gesellschaft und Familie zentrierten Handlungsstränge immer wieder ineinander. Auf diese Weise entstand ein Meisterwerk des psychologischen Realismus, der hier weniger auf der dramatischen Konstellation zwischen den auftretenden Personen basiert (wie etwa bei Dostojewskij), sondern auf einer auf Totalität abzielenden Verknüpfung der Personenwelt (Handlungen, Leidenschaften, Gedanken, Reden etc.) mit einfühlsamen Beschreibungen der sie umgebenden Natur: Die Schilderung des Sonnenlichts im Laub oder das Knirschen einer Kutschenachse hat hier denselben epischen Stellenwert wie etwa die Darstellung Napoleons in der Pose des Feldherrn. Auch hier werden die verschiedenen Motivkomplexe aufeinander bezogen: Im Anblick des endlosen Himmels z. B. begreift der bei Austerlitz tödlich verwundete Fürst Andrej die Nichtigkeit der eigenen (irdischen) Existenz.

In Krieg und Frieden transportiert das unbefangene Wesen der Natascha Rostowa, die sich vom naiven Mädchen zur reifen Frau entwickelt und in Liebe, Ehe und Familie Erfüllung findet, weitgehend Tolstojs Frauenideal; sie ist der Schwägerin des Autors, Tanja Bers, nachempfunden. In den philosophisch geprägten Kapiteln von Krieg und Frieden entwickelte Tolstoj sein Geschichtsmodell, dem zufolge Historie als Produkt des Handelns Vieler und nicht als Summe heroischer Einzelleistungen erscheint (im Roman ist Napoleon denn auch nur „das nichtigste Werkzeug der Geschichte”). Trotz seiner grausamen Schlachtenbilder und der Beschreibung menschlicher Unzulänglichkeit ist Krieg und Frieden von einer optimistischen Grundhaltung geprägt, die Tolstojs glückliche Lebensumstände während dieser schöpferisch fruchtbaren Jahre spiegelt. Die Hollywood-Verfilmung des Romans von 1956 mit Henry Fonda und Anita Ekberg verschlang zehn Millionen US-Dollar; allein 18 000 Soldaten der italienischen Armee wirkten in den Schlachtszenen mit.

Mit seiner nuancenreichen Sprachgestaltung und seiner stilistischen Vielfalt (u. a. verwendete Tolstoj den inneren Monolog) gehört auch Tolstojs zweites Meisterwerk, der im Vergleich zu Krieg und Frieden wesentlich kürzere Roman Anna Karenina, zu den bedeutendsten Romanen des 19. Jahrhunderts. In ihm wendet sich der Autor vom historischen Epos ab, hin zur russischen Gegenwart. Vor dem Hintergrund des Sankt Petersburger Gesellschaftslebens um 1870 schildert Tolstoj die leidenschaftliche Affäre der unglücklich verheirateten, dabei ebenso schönen wie intelligenten Anna Karenina mit dem jungen Offizier Wronski, die sich in ihrer Übertretung gesellschaftlicher Konventionen zur Tragödie entwickelt. Nachdem sie Mann und Kind verlassen hat, muss die als Ehebrecherin und Opfer zugleich dargestellte Anna erkennen, dass sie, durch diesen Akt stigmatisiert, im sozialen Umfeld Sankt Petersburgs keine Rolle mehr spielen darf – der Selbstmord der empfindsamen Frau unter den Rädern einer Eisenbahn ist die grausame Konsequenz dieser Erfahrung, Ausgestoßene zu sein. Durch das Schopenhauer entnommene biblische Motto des Buchs: „Die Rache ist mein, ich will vergelten”, bekommt das Geschehen eine ins religiöse überhöhte moralische Dimension. Kontrastiv zur Glückssuche Anna Kareninas erzählt der Roman die auf raffinierte Weise parallel eingebettete Ehegeschichte Kitty und Konstantin Lewins und deren wenn auch weniger leidenschaftliches, so doch harmonisches Familienleben auf einem Gutshof – auch dies ein Indiz für Tolstojs Überzeugung, dass dem Landleben ein höherer Stellenwert zukomme als dem von oberflächlichen Beziehungen geprägten und vom Wesentlichen entfremdenden Stadtdasein. Dabei erweist sich die Figur Konstantin Lewins als Sprachrohr und Alter ego seines Autors: Wie Tolstoj lehnt dieser das affektierte Leben in der höheren Gesellschaft ab und bevorzugt die bäuerliche Existenz (grandios gestaltet in Tolstojs Beschreibung von Lewins Nacht auf dem Feld). Darüber hinaus sucht Lewin wie Tolstoj immer wieder nach neuer, höherer Erkenntnis sowie nach sittlicher Vollkommenheit.

Hatte sich Tolstoj mit Krieg und Frieden nach eigener Aussage der Idee des Volkes verschrieben, so beschäftigte er sich in Anna Karenina mit der Idee der Familie. Deutlich herrscht hier ein pessimistischer Grundton vor, die inneren Konflikte der Hauptfiguren bleiben ungelöst. 1927 wurde der Stoff von Anna Karenina in einer ersten Hollywood-Adaption mit Greta Garbo in der Titelrolle verfilmt (Love, Regie führte Edmund Goulding). Weitere Verfilmungen (darunter die klassische Neuauflage mit der „göttlichen” Garbo und Goulding als Regisseur von 1935) folgten.

3

Moralphilosophie und späte Ästhetik

In seiner autobiographischen Bekenntnisschrift Ispoved’ (1882, Meine Beichte) schilderte Tolstoj den sich vertiefenden religiösen und moralischen Zwiespalt seines Lebens, bezichtigte sich und die russische Oberschicht, der er angehörte, einer egozentrischen und sinnentleerten Lebensweise und fragte zugleich nach dauerhaften moralischen Werten. Er fand sie in zwei Grundzügen des christlichen Glaubens: in der Forderung nach bedingungsloser Nächstenliebe und dem Gedanken radikaler Gewaltlosigkeit. Meine Beichte wurde gleich nach ihrem Erscheinen verboten, der Autor diskriminiert und das Gerücht verbreitet, er sei geisteskrank. Dennoch propagierte Tolstoj seine neu gewonnene Haltung beredt in weiteren Essays und Traktaten, darunter V schem moja vera? (1885, Worin besteht mein Glaube?) und Tak schto tsche nam delat’? (1886, Was sollen wir also thun?). Darin geißelte er soziale Ungerechtigkeit, brandmarkte jegliche Art staatlicher oder kirchlicher Repression und stellte diesen Formen von Institutionalisierung seine Idee einer praktisch ausgerichteten, allein dem Gewissen des Einzelnen verpflichteten Religion entgegen. Aufgrund seiner radikalen Ansichten wurde Tolstoj 1901 exkommuniziert. (Das Titelbild des deutschen Satiremagazins Lustige Blätter von Lyonel Feininger aus demselben Jahr zeigt den komisch-verzweifelten Versuch zweier zwergenhaft dargestellten Theologen, das riesige „Urgestein” Tolstoj durch diesen Fluch zu bezwingen.)

In seinem langen Essay Schto takoe iskusstvo? (1898, Was ist Kunst?) distanzierte sich Tolstoj im Rahmen seiner Moralvorstellungen von den traditionellen Kunstauffassungen des Idealismus, so etwa von Kants Idee eines „interesselosen Wohlgefallens” und von Schillers „Spiel”-Begriff. Gleichzeitig verwarf er die Konzeption seines eigenen früheren Werks, das er als leeres, da für den Genuss einer exklusiven Bildungselite geschriebenes zu diffamieren suchte. Stattdessen propagierte Tolstoj eine „nützliche” Ästhetik im Dienst ethischer Werte. Diese Ästhetik habe allgemeinverständlich zu argumentieren: „Kunst hat Kunst fürs Volk zu sein, andernfalls ist sie keine Kunst!”. Tolstojs didaktische Essays wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, fanden international Befürworter und zogen eine Vielzahl interessierter Besucher nach Jasnaja Poljana, wo der Autor gelegentlich Gäste zu philosophischen Disputen empfing.

4

Spätwerk

In späteren Jahren wandte sich Tolstoj wieder der fiktiven Prosa zu, so mit den auf eine breite Leserschicht abzielenden Dorfgeschichten des Bandes Narodnye rasskazy (1881-1886, Volkserzählungen), die mit einer schlichten Sprache wirken wollen. An der 1885 veröffentlichten Erzählung Der Leinwandmesser lässt sich Tolstojs von Viktor Schklowskij dargelegtes Verfahren illustrieren, durch ungewöhnliche Perspektiven – hier die Sicht eines Pferdes – soziale Konventionen ad absurdum zu führen. Bereits 1863 geschrieben, ragt sie aus Tolstojs Tendenzliteratur der achtziger und neunziger Jahre positiv heraus. Die Novelle Smert’ Ivana Iljischa (1886, Der Tod des Iwan Iljitsch) stellt als „die gewaltigste Sterbegeschichte, die jemals geschrieben wurde” (Käte Hamburger), dezidiert das Thema des Todes ins Zentrum ihres Interesses. (Im gleichen Jahr erschien das von Zar Alexander III. geförderte Erfolgsdrama Vlast’ t’ my, Die Macht der Finsternis.) Wie bei der Erzählung Chozjain i rabotnik (1895, Herr und Knecht), so steht auch hier die Frage nach dem „richtigen Sterben” im Mittelpunkt. Demgegenüber wird in Krejcerova sonata (1891, Die Kreutzersonate) die Eheproblematik in äußerst pessimistischer Art und Weise aufgeworfen (nicht umsonst zeigte sich Tolstojs Ehefrau Sophia bei der Abschrift „erschüttert”). Der gesellschaftskritische Roman Voskresenie (1899, Auferstehung) endlich stellt das Elend der Volksmassen aus der Sicht eines Angehörigen der Oberschicht dar, „dem die Augen aufgegangen sind” – und enthält somit wieder ein stark autobiographisches Moment.

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