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Griechische LiteraturEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Frühzeit (2. Jahrtausend bis 6. Jahrhundert v. Chr.); Attische Zeit (6. bis 4. Jahrhundert v. Chr.); Hellenistische Zeit (323-146 v. Chr.); Griechisch-römische Zeit (2. Jahrhundert v. Chr. bis 4. Jahrhundert n. Chr.); Byzantinische Zeit (Mitte 4. Jahrhundert bis 1453); Neuzeit
Nach der Eroberung Griechenlands durch die Römer im Jahr 146 v. Chr. verfasste der griechische Historiker Polybios eine 40 Bücher umfassende Universalgeschichte über die Zeit zwischen 264 und 144 v. Chr., die u. a. auch die Schilderung dieser Eroberung enthält. Unter der Fragestellung, wie und warum die zivilisierten Nationen der Welt unter die Herrschaft Roms fielen, leitet er dessen weltgeschichtliche Mission ab, den Mittelmeerraum zu befrieden. Obgleich nur die ersten fünf Bücher vollständig erhalten sind, ist auch der Inhalt der übrigen, nur fragmentarisch überlieferten Teile des Werkes bekannt. Bei seiner Darstellung war Polybios besonders um historische Wahrheit bemüht, indem er nicht nur Ereignisse referierte, sondern auch die Hintergründe zu durchleuchten und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen versuchte. Ein Jahrhundert nach Polybios stellte der Geograph Strabo seine Geographika zusammen, eine systematische Darstellung der Geographie Europas, Asiens und Afrikas, die auch politische, soziale und geistesgeschichtliche Aspekte miteinbezieht und dadurch die Schriften des Polybios zu ergänzen suchte. Ende des 1. bzw. Anfang des 2. Jahrhunderts n. Chr. verfasste Plutarch seine berühmten Bioi paralleloi, Parallelbiographien, in denen er jeweils einen berühmten Griechen einem namhaften Römer gegenüberstellte. Seine didaktischen Essays und Dialoge, die unter dem Titel Moralia zusammengefasst sind, bestehen aus naturwissenschaftlichen und literaturhistorischen Schriften, Abhandlungen über theologische und religionsphilosophische Fragen sowie aus pädagogisch-didaktischen Essays. Einige der Schriften sind philosophische Werke, in denen Plutarch die Platonische Schule den Lehren des Stoizismus und Epikureismus entgegensetzt. Die Moralia enthält weiterhin die neun Bücher der Symposiaca ton hepta sophon, eines dialogischen Werkes über die überlieferten Lehren der sagenhaften Sieben Weisen Griechenlands. Im 2. Jahrhundert n. Chr. veröffentlichte der Arzt Galen sein umfangreiches Werk, das das gesamte Wissen der Antike über Bereiche wie Anatomie, Physiologie, Pathologie und Pharmakologie zusammenfasste und damit zu einer wichtigen Quelle der Medizingeschichte wurde. Die frühchristlichen Autoren, die das Neue Testament kompilierten und übersetzten, trugen damit maßgeblich zur Herausbildung der so genannten Koiné („gemeinsame Sprache”) bei, der später allgemein verwendeten Rechts- und Schriftsprache der gesamten griechisch-hellenistischen Welt. Diese Ausprägung des Griechischen unterscheidet sich deutlich vom attischen Dialekt, den die Schriftsteller der Klassik und deren Nachfolger (die so genannten Attizisten) verwendeten, etwa der Satiriker Lukian (Hetären-, Götter- und Totengespräche). Sein phantastischer Reise- und Abenteuerroman Alethe Dihegemata (Wahre Geschichten) ist eine Parodie auf Geschichten, die von früheren Dichtern und Geschichtsschreibern als Tatsachenberichte ausgegeben wurden. Unter anderem enthält der Roman die Schilderung einer Reise zum Mond und Abenteuer im Bauch eines riesigen Walfisches; damit ist es ein Vorläufer von Werken wie Pantagruel des französischen Satirikers François Rabelais aus dem 16. Jahrhundert und Gullivers Reisen des englischen Satirikers Jonathan Swift aus dem 18. Jahrhundert. Als kritischer Rationalist wirkte Lukian bis hin zu den Humanisten der Neuzeit (siehe Lügendichtung). Der Prototyp des Romans entstand gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Griechenland. Fünf griechische Romane, die vollständig erhalten sind, wurden zwischen etwa 100 und 300 n. Chr. verfasst: Chaireas und Kallirhoe von Chariton, das älteste der fünf Werke, Aithiopika, oder Theagenes und Charikleia (frühes 3. Jahrhundert n. Chr.) von Heliodor von Emesa, Daphnis und Chloe von Longos, Ephesiaka, oder Anthia und Habrokomes von Xenophon von Ephesos und schließlich Leukippe und Klitophon (vor 300 n. Chr.) von Achilleus Tatios. Alle diese Werke sind volkstümliche Liebes- und Abenteuerromane, die das Leben der unteren Volksschichten realistisch spiegeln. Heliodors Werk ist erfüllt von einer schlichten Frömmigkeit. Es beeinflusste spätere Autoren wie den spanischen Romancier Miguel de Cervantes, den italienischen Dichter Torquato Tasso und den französischen Dramatiker Jean Racine und übte insgesamt großen Einfluss auf die Entwicklung des Barockromans aus. Die stoische Philosophie (siehe Stoa) wurde durch die Schriften von Epiktet und Marcus Aurelius verbreitet, die Neuplatoniker (siehe Neuplatonismus) fanden in Plotin ihren wichtigsten literarischen Vertreter. Die wohl schönsten Verse dieser Zeit finden sich in anonymen Epigrammsammlungen, wie der im 10. Jahrhundert n. Chr. zusammengestellten Anthologia Palatina oder der Anthologia Planudea aus dem 13. Jahrhundert.
Vom Beginn der Herrschaft Konstantins im Jahr 323 n. Chr. bis zum Fall Konstantinopels 1453 (siehe Byzantinisches Reich) verlor die griechische Literatur den homogenen Charakter früherer Perioden und wurde verstärkt von lateinischen und arabischen Elementen durchdrungen. Sie zerfiel in eine Gelehrtenliteratur, die an Formen und Stilmittel der klassischen Literatur anknüpfte, und eine volkstümliche Tradition, die sich an breitere Schichten des gemeinen Volkes wandte. Der größere Teil der Prosaliteratur dieser Zeit bestand aus philosophischen und theologischen Schriften. So griff der heilige Athanasios im 4. Jahrhundert in zahlreichen Werken den Arianismus an, im 6. Jahrhundert attackierten Anastasios von Antiochia und Leontios von Byzanz die Monophysiten (siehe Monophysitismus). Die kappadokischen Kirchenväter – Basilius von Caesarea, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz – waren nicht nur als Schriftsteller von Bedeutung, sondern nahmen auch großen Einfluss auf die Entwicklung der Theologie. Im 8. Jahrhundert verfasste der letzte der großen griechischen Theologen, Johannes von Damaskus, Polemiken gegen die Ikonoklasten (siehe Ikonoklasmus) sowie eines der frühesten Werke über christliche Dogmen, die Quelle der Erkenntnis. Symeon Metaphrastes war Herausgeber einer Sammlung von Heiligenlegenden (siehe Legende) und Märtyrerakten (Menologion des Metaphrasten). Die Lyrik der byzantinischen Zeit, die durch ein tiefes religiöses Empfinden gekennzeichnet war, brachte eine reiche Hymnendichtung hervor, während weltliche Themen unter dem zunehmenden Einfluss der Kirche immer stärker zurückgedrängt wurden. Bedeutende Vertreter der byzantinischen Kirchendichtung waren Romanos von Syrien sowie die frühen Kirchenväter, vor allem Gregor von Nazianz und Kosmas von Jerusalem. Von großer Bedeutung auch in literarischer Hinsicht waren die byzantinischen Historiker, Philologen und Philosophen, wie Prokopios von Kaisareia, Konstantin VII. Porphyrogennetos, Michael Psellos, Anna Komnena, Georgios Pachymeres und Johannes VI. Kantakuzenos. Der bedeutendste byzantinische Philologe war Photios, der mit seinen Inhaltsangaben, Auszügen und kritischen Beurteilungen zu etwa 280 heute zum Teil verlorenen griechischen Prosawerken vieles bewahrte, was sonst unwiederbringlich verloren wäre (Myriobiblion oder Bibliotheca). Zu seinen Schriften gehören die Mystagogia Spiritus Sancti, ein erster Versuch zur Widerlegung der lateinischen Filioque-Lehre. Auch Photios’ Homilien sind von großem historischen und literarischen Interesse. Im 12. Jahrhundert verfasste Eustathios von Thessaloniki einen Kommentar zu den Werken klassischer Autoren, wie Hesiod, Pindar und den griechischen Tragödienschriftstellern.
Mit dem 4. Kreuzzug von 1204 drangen fränkische Invasoren in das Reich ein und ließen sich im Zentrum und Süden Griechenlands nieder (siehe Kreuzzüge). Das bedeutendste literarische Werk, das in der Folge dieser Besetzung entstand, ist Die Chronik von Morea (14. Jahrhundert), ein langes episches Gedicht, das vermutlich von einem griechisch sprechenden Franken verfasst wurde. Es besticht durch die Schönheit der Verse, seine dramatische Kraft und den eleganten Fluss eines lebendig beschreibenden mundartlichen Idioms. Mitte des 15. Jahrhunderts brachte die Eroberung Konstantinopels und später ganz Griechenlands durch die Türken beinahe die gesamte kulturelle Entwicklung dort zum Erliegen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts lebte die griechische Sprache und Literatur außer in vereinzelten kulturellen Nischen lediglich am Rande der griechischen Welt außerhalb des osmanischen Herrschaftsbereiches fort.
Das von den Osmanen nicht besetzte, damals unter der Herrschaft der Venezianer stehende Kreta entwickelte sich während des 16. und 17. Jahrhunderts zu einem literarischen Zentrum, wo besonders das Versepos und das von der italienischen Komödie beeinflusste kretische Theater eine Blütezeit erlebten. Während dieser Zeit entstanden Dramen wie Erophile von Georgios Chortatzis sowie zwei der bedeutendsten volkssprachlichen Werke (siehe Demotisch): das romantische Gedicht Erotókritos von Vitzéntzos Karnáros, das zu einer Art Nationalepos avancierte, und Abrahams Opfer (1635), ein psychologisches Drama eines anonymen Autors. Die lyrische Produktion dieser Zeit umfasste besonders Helden- und Klagelieder, historische Volkslieder und bukolische Gedichte. Eine Vielzahl ähnlicher Lieder findet sich auch auf Zypern und den ägäischen Inseln. Die kretische Literaturblüte wurde durch die türkische Eroberung der Insel im 17. Jahrhundert erstickt. Als literarische Zeugnisse aus späterer Zeit haben sich Volkslieder der Klephten erhalten; diese waren griechische Partisanen gegen die türkischen Besatzer, die dazu beitrugen, die spätere Befreiung Griechenlands geistig vorzubereiten.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erhielt die Hoffnung der Griechen auf eine Befreiung von den Türken neue Nahrung. Während zahlreiche literarische Werke entstanden, schob sich das Problem der Zweisprachigkeit immer stärker in den Vordergrund, das die griechische Literatur über Jahrzehnte belasten sollte. Da die Kirche während der türkischen Herrschaft großen Einfluss auf das Bildungswesen genommen hatte, wurde der konservativ geprägte Unterricht in einer am Altgriechischen orientierten Reinsprache (dem so genannten Katharevusa), einer veralteten Form des byzantinischen Griechisch, abgehalten, an der auch zahlreiche im Ausland lebende Griechen festhielten. Sie unterschied sich stark von der gesprochenen Volkssprache (Dimotiki), die im Alltagsleben dominierte. Die Spuren des Sprachkampfes offenbaren sich insbesondere im Bereich der Lyrik. Seit dem Mittelalter hatte sich dort eine reiche volkssprachliche Tradition herausgebildet, die Klagegesänge, Tierepen und von der westlichen Literatur beeinflusste Ritterdichtungen umfasste (siehe Ritterroman). Im 18. Jahrhundert wandten sich einige Dichter – darunter Konstantinos Rhigas und Iakovos Rhizos Neroulos – wieder der klassischen Tradition zu, die von Schriftstellern und Historikern wie Alexandre Rizos Rangavis bis ins 19. Jahrhundert weitergeführt und erst später zugunsten der ausdrucksreicheren, lebendigeren Volkssprache überwunden wurde.
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