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Indisches Theater

Enzyklopädieartikel
Artikelgliederung
1

Einleitung

Indisches Theater, die klassischen indischen Theaterformen. Im indischen Theater sind musikalische, lyrische, pantomimische und tänzerische Elemente zu einem Gesamtkunstwerk verknüpft. Auch Schattenspielformen gingen in die Aufführungspraxis mit ein.

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Entstehungsgeschichte

Die Tradition des indischen Theaters kann nur im multikulturellen – und mehrsprachigen – Kontext des Landes betrachtet werden. Für das traditionelle Sanskrittheater, das seine Blütezeit zwischen etwa 100 und 1000 n. Chr. erlebte, ist eine Vermischung verschiedener Prakritdialekte charakteristisch. Es entstand wohl aus dem religiösen Tanztheater (so sind alle Sanskritwörter, die Schauspieler und Schauspielkunst betreffen, vom Verb tanzen abgeleitet). Heute existieren Theaterbühnen in allen 14 verfassungsgemäß zugelassenen Haupt- und Regionalsprachen. Dort wird das klassische indische Theater gepflegt, das seit jeher Epen wie das Ramayana und das Mahabharata zur Aufführung brachte (Nataka) und mit volkstümlichen Erzählungen kombinierte (Prakarana). In der Frühphase des indischen Theaters, etwa in den Asvaghosha zugeschriebenen Stücken, ist die Trennung noch klar. Zahlreiche seiner Nachfolger nutzten beide Genres. Später entstand die zweisprachige, Religiöses und Weltliches mischende Theaterform, bei der der adelige Protagonist Sanskrit, zahlreiche Nebenhelden aber Dialekte (Prakrit) benutzten. In Vikramorvasiya und Abhijnanaskuntala etwa verwendete Kalidasa um 400 n. Chr. beide Elemente und verknüpfte Religiosität mit erotischer Sinnlichkeit. Gleiches unternahm Bhavabhuti im 8. Jahrhundert.

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Stilformen

Sowohl Nataka als auch Prakarana sind Formen der Komödie, eine Tragödienform dagegen hat das indische Theater nicht ausgebildet. Als Nebenformen entwickelten sich Posse (Prahasana) und komischer Monolog (Bhana). Weitere feste Bestandteile des klassischen indischen Dramas sind der Prolog des Inspizienten und der clowneske Begleiter des Helden.

Auch das indische Volkstheater hat zahlreiche regionale Ausprägungen erfahren: Yakshagana in Karnataka, Tamasha in Maharashtra, Bhavai in Gujarat, Bhand Pather in Jammu and Kashmir, Nautanki in Uttar Pradesh, Jatra in Westbengalen, Chhau in Orissa, Burrakatha in Andhra Pradesh sowie Terukkuttu in Tamil Nadu.

Eine überregionale Sonderform des Volkstheaters ist das religiöse Volkstheater, welches z. B. in den jährlich stattfindenden Dramenfesten Ramlila und Krishnalila zu Ehren der Hindu-Götter Rama und Krishna eine Ausprägung findet: Darsteller sind zumeist Knaben der örtlichen Gemeinden, die auf dem Höhepunkt der Aufführung zu Swarupas (Inkarnationen der Gottheiten) werden. Da insbesondere von Krishna zahlreiche Streiche überliefert sind, mischt sich beim religiösen Volkstheater Indiens das zeremonielle mit einem extrem derb-komischen Moment.

Eine Verknüpfung von natyadharmi (stilisierten) und lokadharmi (realistischen) Elementen findet sich auch im Tanztheater Krishnattam, einem achtteiligen Dramenzyklus über das Leben Krishnas, welcher regelmäßig in Guruvayur-Tempel in Kerala aufgeführt wird. Auch beim prachtvollen Kathakali aus Kerala ist sie vorhanden. Die Aufführungen mit ihren bunt kostümierten und kunstvoll geschminkten Akteuren stellen Gestik (Mudra) und Mimik ins Zentrum, um das innerste Wesen (bhava) der dargestellten Charaktere zum Ausdruck zu bringen.

Das klassische indische Theater in all seinen Ausprägungen ist in das Bühnenhandbuch Natyasastra aus dem 3. oder 4. Jahrhundert eingegangen, das gemeinhin Bharata zugeschrieben wird. Natyasastra beschreibt Gesten, Bewegungen, Kostüme, Dekorationen, Musik und Lieder, die für das klassische indische Theater verbindlich wurden. Daneben sind detaillierte Aufführungsbeschreibungen wie das Attaprakarams und das Kramadipikas überliefert. So konnten etwa die Inszenierungen des Chakyar-Ensembles in Kerala in einer Genauigkeit tradiert werden, die sie zum Vorbild späterer Aufführungen machte. Die ersten bekannten Theatertexte Indiens stammen von dem buddhistischen Schriftsteller Ashvaghosha (um 100 n. Chr.). Der bedeutendste Dichter des klassischen indischen Theaters war Kalidasa, der im 5. Jahrhundert mit Abhiyanashakuntala das erste indische Schauspiel schrieb, von dem Kenntnis nach Europa gelangte.

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Europäische Einflüsse

Nachdem im 18. und 19. Jahrhundert ein Großteil Indiens zum britischen Herrschaftsgebiet geworden war (siehe Ostindische Kompanie), kam das indische Theater mit europäischer Dramatik in Kontakt. Das erste Theater westlicher Prägung wurde 1753 in Kalkutta errichtet. Später erschienen Übersetzungen vor allem englischer Klassiker in Hindi, so etwa die Werke von Shakespeare. Diese europäische Präsenz beeinflusste auch das indische Drama. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sozial engagierte Stücke indischer Autoren, in denen etwa die Wiederheirat von Witwen befürwortet oder eine zu starke Verwestlichung des Landes kritisiert wurde. Die Bühne geriet zum Forum gesellschaftsreformatorischer Gedanken. Bis in die sechziger Jahre hinein blieb das indische Autorentheater an den europäischen Vertretern der klassischen Moderne ausgerichtet – etwa an Anton Tschechow, Henrik Ibsen, August Strindberg oder Bertolt Brecht. Inzwischen besinnt es sich erneut auf seine eigene Tradition.

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