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Deutsche Mundarten

Enzyklopädieartikel
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Deutsche Mundarten um 1900Deutsche Mundarten um 1900
Artikelgliederung
1

Einleitung

Deutsche Mundarten, zumeist synonym mit deutschen Dialekten verwendeter Begriff. Dialekte sind Sprachen, die sich nach der Region, in der sie gesprochen werden, definieren. Im geschlossenen deutschen Sprachgebiet in Mitteleuropa stellen sie eine Sprachschicht dar, die im Gegensatz zu den Umgangssprachen und zur Hochsprache eine geringere kommunikative Reichweite und einen geringeren geographischen Geltungsbereich besitzt. In Ost- und Südeuropa sowie in Amerika gibt es deutsche Dialekte inselartig als Fortsetzung der Dialekte der Auswanderer des Mittelalters und der Neuzeit.

Grundlegend ist die Einteilung in hoch- und niederdeutsche Dialekte. Diese Unterscheidung geht zurück auf die Zweite (hochdeutsche) Lautverschiebung (siehe Grimm’sches Gesetz), von der das Niederdeutsche (Plattdeutsche) im Gegensatz zum Hochdeutschen nicht betroffen war (Niederdeutsch maken, Water, Tiid gegenüber machen, Wasser, Zeit im Hochdeutschen). Die hochdeutschen Dialekte unterteilt man in mitteldeutsche und oberdeutsche; das Mitteldeutsche hat die Lautverschiebung nur teilweise, das Oberdeutsche hat sie vollständig durchgeführt (Mitteldeutsch Appel gegenüber Apfel im Oberdeutschen).

Das Niederdeutsche lässt sich in west- und ostniederdeutsche Dialekte unterteilen. Zu den westniederdeutschen Dialekten gehören das Niederfränkische und das Niedersächsische mit dem Westfälischen, Ostfälischen und Nordniedersächsischen. Zum Nordniedersächsischen zählen auch die Mundarten Holsteins und Schleswigs. Die ostniederdeutschen Dialekte umfassen das Mecklenburgische (einschließlich dem Vorpommerischen), das Märkisch-Brandenburgische, das Mittelpommerische, das Pommerische (oder Ostpommerische) und das Niederpreußische. Daneben gibt es innerhalb der niederdeutschen Dialektgruppen das nahezu ausgestorbene Baltendeutsche und das Friesische, das sich jedoch als eigenständiger Sprachzweig herausgebildet hat.

Das Mitteldeutsche ist untergliedert in die west- und ostmitteldeutschen Dialekte; die Grenze zwischen diesen beiden Dialektgruppen markiert das Gebiet zwischen Fulda und Werra. Zum Westmitteldeutschen gehört das Mittelfränkische einschließlich dem Ripuarischen (um Köln bis nördlich von Aachen und Düsseldorf) und Moselfränkischen (von der Ahr bis zum Hunsrück, Westerwald, Siegerland, Südwestrand Westfalens sowie das Luxemburgische) und das Rheinfränkische mit dem Hessischen (östlich des Mainzer Raumes, nördlicher Raum um Fulda) und Rheinpfälzischen (Rheinpfalz, Saarland, Mainzer Raum, Odenwald). Die ostmitteldeutschen Dialekte umfassen das Thüringische, das Obersächsische, das Schlesische und das Hochpreußische im südlichen West- und Ostpreußen.

Zum Oberdeutschen gehören das Südfränkische, das Ostfränkische (oder Mainfränkische), das Bairische und das Alemannische, aus dem im 13. Jahrhundert das Schwäbische hervorgegangen ist. Das Südfränkische wird um Karlsruhe und Heilbronn gesprochen, das Ostfränkische um Würzburg, Bamberg, Bayreuth und Nürnberg. Das Bairische, das den gesamten Südosten des deutschen Sprachraums einnimmt, lässt sich ins Nordbairische (nördlich von Regensburg bis zum Übergangsraum Nürnberg sowie das Übergangsgebiet bis zum westlichen Tirol), Mittelbairische (in Nord-Süd-Richtung vom südlichen Donauknie bei Regensburg bis in den Südosten Bayerns, in West-Ost-Richtung vom Lech bis an die österreich-ungarische Grenze) und ins Südbairische (Tiroler Dialekte, das Steirische, das Burgenländische, das Kärntnerische sowie Sprachinseln in Oberitalien) untergliedern. Das Schwäbisch-Alemannische, das im südlichen Baden, in Württemberg, in Schwaben, in der deutschsprachigen Schweiz, im Elsass, in Liechtenstein und im Vorarlberg gesprochen wird, umfasst die Dialektgruppen Nordalemannisch (nördliches Elsass, südliches Baden), Hochalemannisch (deutschsprachige Schweiz, südliches Elsass, Vorarlberg und Süden des Schwarzwaldes) und Höchstalemannisch (deutsche Mundarten der Südschweiz).

Die Sprachgrenzlinien trennen mehr oder weniger breite Gebiete, in denen sich Einzelphänomene bestimmter Dialekte häufen. In diesen Gebieten findet der Übergang von einer dialektalen Kernlandschaft zur nächsten statt. Ursachen solcher Sprachgrenzen können sein: Naturräumliche Barrieren (Wälder, Flüsse, Berge), über längere Zeit stabile politische bzw. administrative Grenzen, Verkehrs- und Wirtschaftsgrenzen, Grenzen in der Kirchenverwaltung, psychologische Grenzen zwischen Bevölkerungsgruppen, Wanderungsbewegungen innerhalb des deutschen Sprachraumes z. B. bei der Besiedlung durch Zuwanderung aus anderen Gegenden (z. B. im Harz). In abgelegenen Alpentälern (z. B. Wallis und im Ötztal) und in manchen Sprachinseln (z. B. in Oberitalien) haben sich wegen ihrer Verkehrsferne altertümliche Spracheigenheiten erhalten können.

Neben der Lautverschiebung gibt es einige weitere jüngere Sprachentwicklungen, die in größeren Bereichen verbreitet sind und die strukturbildend für die deutsche Dialektlandschaft geworden sind: (1) Die binnen(hoch)deutsche Konsonantenschwächung. Durch diesen Lautwandel sind die beiden Reihen der Verschlusslaute zusammengefallen, also b und p in b, g und k in g und d und t in d. Die Konsonantenschwächung ist verbreitet im Obersächsischen und Thüringischen, im Hessischen und Pfälzischen sowie im Ostfränkischen, im Nordschwäbischen und Elsässischen und hat auch Teilbereiche des Niederdeutschen erfasst. (2) Die neuhochdeutsche Diphthongierung hat den größten Teil des hochdeutschen Sprachgebiets erfasst, nicht aber z. B. das Hoch- und Niederalemannische. Die mittelhochdeutschen langen Monophthonge î, û, und iu (gesprochen als lang ü) wurden zu den entsprechenden Diphthongen ei, au, eu. (mittelhochdeutsch mîm niuwez hûs entspricht mein neues Haus). (3) Die mitteldeutsche Monophthongierung. Sie ist vor allem im mitteldeutschen Sprachraum eingetreten und betrifft die mittelhochdeutschen fallenden Diphthonge ie, uo üe, die zu den Monophthongen lang i, u und ü wurden (liebe guote brüeder wurde zu liibe guute Brüüder). (4) Die Dehnung in offener Tonsilbe. Mittelhochdeutsche kurze Vokale, die am Ende einer betonten Silbe standen, wurden in der Regel zu einem Langvokal (Mittelhochdeutsch legen wurde zu leegen, Boden zu Booden). Diese Dehnung fand fast in allen deutschen Mundarten statt, mit Ausnahme von Teilen des Alemannischen. (5) Im größten Teil des Niederdeutschen und im Südwesten gibt es in der Beugung des Verbs im Plural eine einheitliche Form: wir/ihr/sie mähet (Westniederdeutsch) wir/ihr/sie mähen (Ostniederdeutsch), wir/ihr/sie mähe(n)(t) (im Südwesten). (6) Im Niederdeutschen sind beim Personal-Pronomen der ersten und zweiten Person die Form von Dativ und Akkusativ zusammengefallen, was dazu führt, dass diese (mir und mich, dir und dich) auch in den heutigen Umgangssprachen verwechselt werden. (7) Das Präteritum (er gab) als Erzählzeit gibt es in den süddeutschen Dialekten nicht mehr. Es ist als Folge der Apokope ausgestorben. (8) In der Apokope verschwand ein unbetontes e im Auslaut, so dass er sagte und er sagt identisch wurde. Die nicht mehr gekennzeichnete 1. Vergangenheit ist dadurch ausgestorben. Die Apokope ist vor allem im Oberdeutschen, im südlichen Mitteldeutschen sowie im nördlichen Niederdeutschen verbreitet.

2

Geschichte

Die deutschen Dialekte spiegeln in ihrer Haupt- und Grobgliederung sehr alte Sprachunterschiede. Die Zweite Lautverschiebung, die die hochdeutschen und niederdeutschen Dialekte trennt, hat in einer Zeit stattgefunden, in der das Deutsche bzw. dessen Vorläufer noch nicht geschrieben wurden, d. h. während oder kurz nach der Völkerwanderungszeit (2. bis 6. Jahrhundert). Innerhalb des Hochdeutschen und innerhalb des Niederdeutschen waren die Sprachunterschiede bei den deutschen Stämmen, die vom Frühmittelalter an politisch immer mehr zusammenwuchsen, nicht allzu groß. Die Sprachphänomene, die uns heute die Dialektlandschaften als so farbig erscheinen lassen, d. h. die Unterschiede innerhalb des Hochdeutschen und des Niederdeutschen, sind erst vom Mittelalter an entstanden. Die bäuerliche Bevölkerung war wenig mobil, überregionaler Austausch von Gütern und Personen innerhalb der Unterschichten existierte kaum, zudem wurde auch wenig überregionale Kommunikation gepflegt, wenn überhaupt, so wurde das Latein als Gelehrtensprache verwendet. Unabhängig von einigen großräumigen Entwicklungen (vgl. oben), die große Teile des deutschen Sprachgebiets erfasst haben, trugen diese Verhältnisse dazu bei, dass das deutsche Sprachgebiet im Lauf der Zeit in relativ kleinräumig gekammerte Dialektlandschaften zerfiel.

An einer einheitlichen überregionalen Aussprache, die sich im Sinn von „Sprich wie du schreibst” an den Lautwerten der Buchstaben orientierte, wurde erst seit der Klassik gearbeitet. Bis dahin war die gesprochene Sprache, auch die der Gelehrten, dialektal gefärbt. In der geschriebenen Sprache gab es im Mittelalter ebenfalls nur regional geprägte Schreibformen („Schreibdialekte”), die sich aber durch Schreibtraditionen und regionale Ausgleichsvorgänge etwas von den Mundarten abhoben. Aus diesen Schreibdialekten hat sich vom 15./16. Jahrhundert an vor allem durch den Einfluss des Buchdruckes, der aus wirtschaftlichen Gründen überregionale Sprachformen anstrebte, eine weitgehend einheitliche deutsche Schriftsprache herausgebildet. Grundlage dieser Einheitssprache waren die Schreibdialekte des hochdeutschen Sprachraumes. Der niederdeutsche (=norddeutsche) Raum hat vom 16. Jahrhundert an diese südliche hochdeutsche Schreibsprache übernommen. Hochdeutsch ist also zunächst ein regionaler Begriff, der vom 18. Jahrhundert an, als sich eine einheitliche überregionale Schreib-/Schriftsprache auf hochdeutscher Grundlage etabliert hatte, auch für diese angewandt wurde.

Die hochdeutschen Dialekte, wie sie bis ins 20. Jahrhundert hinein als mehr oder weniger archaische, kleinräumige Sprachen vorhanden waren, werden allmählich abgelöst von großräumigen Sprachformen; die Ortsdialekte werden ersetzt durch Regionaldialekte. Im Süden scheint dieser Vorgang langsamer zu verlaufen, und in der Schweiz ist fast das Gegenteil der Fall: Die schweizerdeutschen Mundarten sind nach wie vor lebendig und dienen als übliches Kommunikationsmittel der gesamten Deutschschweiz. Die Verwendung der hochdeutschen Schriftsprache beschränkt sich immer mehr auf wenige, formal hoch stehende Situationen.

Die Sprecher des Niederdeutschen, die neben dem Hochdeutschen die regionale plattdeutsche Mundart beherrschen, werden zunehmend weniger. Dies zeigt sich vor allem im südlichen Sprachgebiet des Niederdeutschen, im Norden (Schleswig-Holstein, nördliches Niedersachsen) erwies sich das Plattdeutsche als langlebiger. Im Niederdeutschen gibt es kaum Zwischenformen zwischen Dialekt und Hochsprache, da das Plattdeutsche vor allem im Konsonantismus so weit vom Hochdeutschen entfernt ist, dass der Übergang vom Platt zur Schriftsprache nur durch einen Sprung zu bewältigen ist, nicht durch ein langsames Gleiten, einer kontinuierlichen Annäherung wie im hochdeutschen Bereich.

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