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Fortschritt

Enzyklopädieartikel

Fortschritt, jede von einem niedrigeren auf einen höheren Zustand gerichtete Entwicklung, bedingt durch einen zumeist zielgerichteten, zum großen Teil unumkehrbaren Prozess.

In der christlichen Tradition bedeutet Fortschritt den Glauben an die Erlösung der Menschen durch Christus. Nach Augustinus bewegt sich die Menschheit in der Zeit, d. h. auf Erden, auf das himmlische Reich zu. Diesen Gedanken eines der Geschichte immanenten (innewohnenden) Fortschritts übertrugen geschichtsphilosophische Ansätze auf das weltliche Geschehen. Daran hatten die seit der Renaissance sich schnell entwickelnden Naturwissenschaften und die (industrielle) Technik einen erheblichen Anteil.

Der technische Fortschritt zeichnet sich durch die effektiven Umsetzungen von theoretischem Wissen und praktischer Nutzanwendung in immer kürzeren Zeitabständen aus. Vermeintliche Fortschrittsergebnisse werden dann getrübt bzw. konterkariert, wenn die im allgemeinen gesellschaftlichen Konsens als Fortschritt definierten Ziele nicht erreicht werden oder in ihr Gegenteil umschlagen (z. B. technische Entwicklung versus Umweltproblematik).

Der nicht zielgerichtete, auf Mutation und Selektion beruhende evolutionäre Fortschritt drückt sich in der Höherentwicklung des Lebens von einfachen zu komplexeren Lebensformen aus. Die Höherentwicklung des menschlichen Gehirns etwa geht mit der zunehmenden Fähigkeit einher, sich durch die Beherrschung der Natur von dieser weitgehend unabhängig zu machen und sich den Bedingungen einer wandelnden Umwelt anzupassen.

Sozialer Fortschritt bedeutet im Sinn der Aufklärung sozialen Wandel: Humanisierung aller Lebensbedingungen, Vermeiden von Ungerechtigkeit sowie Abbau von Fremdbestimmungen und Ungleichheit. Sozialer Fortschritt ist für die Aufklärung nur in einer freien Gesellschaft möglich und in vielen Einzelschritten innerhalb einer permanenten Reformbereitschaft sozialer Systeme realisierbar, sofern diese bereit sind, sich der Vernunft zu unterwerfen.

Fortschrittsgläubigkeit wurde zu keiner Zeit von allen Mitgliedern sozialer oder nationaler Gemeinschaften uneingeschränkt geteilt. Im Zuge der Moderne entstanden neben evolutionären und revolutionären Modellen immer wieder auch zunehmend fortschrittsskeptische Theorien, die den Fortgang der Geschichte in all ihren Facetten eher als eine des Verfalls deuten.

Insbesondere die unmittelbare Verknüpfung von technischem und sozialem bzw. kulturellem Fortschritt ist heute fragwürdig geworden: Dass Fortschritt, wie für die Aufklärung, mit „Humanisierung” identisch ist, ist keineswegs selbstverständlich. Schon die Romantik hatte in ihrer Fortschrittskritik den „Preis des Fortschritts” beklagt: Die Verbesserung des materiellen Lebensstandards bedeutet oft die Verschlechterung des sozialen. Im „ehernen Gang des Fortschritts” bleiben häufig Institutionen und Verhaltensweisen auf der Strecke, die für die psychosoziale Gesundheit des Menschen unverzichtbar erscheinen: Verwandtschaftliche Beziehungen werden zerrissen, solidarische Gemeinschaften zerfallen, und soziale Strukturen nehmen immer einschneidender den Charakter einer „Neuen Unübersichtlichkeit” (Jürgen Habermas) an, welche die individuelle Orientierung zusehends erschwert. Auch das mit wachsendem technischem Fortschritt sich notwendig ausbreitende Expertenwesen und die damit verbundene Technokratie tragen zur Undurchschaubarkeit einer immer komplexeren und stärker vernetzten Welt bei.

Im Unterschied zur Fortschrittsgläubigkeit der frühen Moderne attestieren Philosophen und Historiker heute zwar den offensichtlich vollzogenen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte, nehmen aber Abstand vom Prinzip der Zwangsläufigkeit: Die Evolution – die der Natur wie die der Geschichte – sei gelaufen, wie sie gelaufen sei, hätte aber auch völlig anders stattfinden können. Damit wird zugleich die Berufung auf den Fortschrittsgedanken selbst fragwürdig. Wer heute seine Politik durch das Fortschrittsprinzip allein zu legitimieren versucht, muss sich nach den Werten befragen lassen, nach denen er „Fortschritt” beurteilt. Diese sind umstritten, besonders seit durch die ökologische Perspektive gerade das Konservative, das Bewahren der Natur, als die fortschrittlichere Alternative erscheinen kann.

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