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Artikelgliederung
Gesellschaft, sehr weiter und vieldeutiger Grundbegriff der Soziologie; im allgemeinen Sinn: eine zeitlich andauernde Gemeinschaft von Lebewesen, d. h. von Menschen, Tieren und/oder Pflanzen; enger gefasst und nur auf den Menschen bezogen: eine räumlich, zeitlich oder sozial begrenzte Menge von Individuen oder auch Gruppen von Individuen. Die Menschen einer Gesellschaft sind durch direkte oder indirekte Wechselbeziehungen miteinander verbunden. Das Zusammenleben regelt sich über allgemein gültige Normen und Gesetze. Im soziologischen Sinne ist die Gesellschaft genau wie eine Gruppe oder Primärgruppe und die Gemeinschaft ein soziales Gebilde, d. h. ein strukturiertes und organisiertes System menschlichen Zusammenlebens. Allerdings umfasst eine Gesellschaft mehr Menschen als eine Gruppe. Von der Gemeinschaft als der gefühlsmäßigen, auf weitgehender Homogenität, Vertrauen und seelischer Verbundenheit beruhenden Gesellungsform (siehe Tönnies) unterscheidet sich die aus unterschiedlichen, oft gegensätzlich ausgerichteten Gruppen zusammengesetzte Gesellschaft dadurch, dass die Einzelnen ihr Handeln nicht in erster Linie nach dem Allgemeinwohl ausrichten, sondern nach egoistischen Zielsetzungen oder den Erfordernissen der Zweckmäßigkeit sowie durch die daraus resultierenden lockeren sozialen Beziehungen.
Gesellschaften werden in der Soziologie gewöhnlich nach politisch-herrschaftlichen Verhältnissen, nach zugehöriger Wirtschaftsweise oder nach soziokulturellen Phänomenen klassifiziert.
Ist die Macht zwischen den verschiedenen Individuen und Gruppen einer Gesellschaft in etwa gleich verteilt, spricht man für den europäischen Kulturraum von einer genossenschaftlichen Gesellschaft, d. h. es existieren keine Stände oder Klassen, die auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten beruhen. In der Ethnologie, die sich meist mit außereuropäischen Kulturen beschäftigt, bezeichnet man solche Gesellschaften als egalitäre Gesellschaften. Diese sind häufig in zahlenmäßig kleinen Gruppen organisiert, so z. B. die Aborigines, Eskimo-Ethnien und die San. Umfassen solche Gesellschaften wie die Nuer Hunderttausende von Mitgliedern, werden sie aufgrund ihrer horizontalen sozialen Schichtung meist als segmentäre Gesellschaften bezeichnet. In genossenschaftlichen Gesellschaften ist der einzelne Mensch von der Geburt bis zum Tod in verschiedene Kollektive oder Lebensgemeinschaften eingebettet: Familie, Sippe, Männerbünde, Abstammungsgruppe. Die herrschaftliche Gesellschaft, in der Ethnologie als stratifizierte oder geschichtete Gesellschaft bezeichnet, beruht auf sozialer Ungleichheit; es bestehen wesentliche Machtunterschiede zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Im Gegensatz zu dem Nebeneinander in genossenschaftlichen Gesellschaften ist die herrschaftliche Gesellschaft in Gruppen geschichtet, die mehr oder weniger Macht besitzen. Drei Haupttypen der herrschaftlichen Gesellschaft werden in der Soziologie unterschieden: 1. Die einfache Klassengesellschaft mit Oberschicht, also Führung und Repräsentation; Freien und Sklaven, wobei alle drei Schichten wirtschaftlich tätig und nicht streng voneinander getrennt sind. 2. Die ständische Gesellschaft, in der die Stände streng voneinander getrennt sind (z. B. indisches Kastenwesen). Der Mensch wird in einen Stand hineingeboren und gehört ihm zeitlebens an. Jeder Stand hat seine eigenen Lebensformen (Sprache, Sitten, Gebräuche). Im späten deutschen Mittelalter gab es vier Stände: Adel und Geistlichkeit, Bürger und Bauern. 3. Die kapitalistische Klassengesellschaft, die durch die Industrialisierung entstanden ist und eine offene Gesellschaft darstellt, weil Übergänge in auf- und absteigender Richtung möglich sind. In diesem Zusammenhang spricht man von vertikaler und horizontaler Mobilität. Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht ergibt sich dabei nicht aus Geburt, Herkunft oder Gruppenbewusstsein, sondern aus wirtschaftlichen Gemeinsamkeiten: Einkommen, Besitz, Bildung und Beruf bzw. dem damit verbundenen Prestige. Eine als evolutionäre Höherentwicklung gedachte Abfolge dieser Gesellschaftsformen, exemplarisch von Louis Henry Morgan 1877 in seinem Hauptwerk Ancient society dargestellt, wird heute von den meisten Kultur- und Sozialwissenschaftlern abgelehnt, obgleich nicht bestritten wird, dass sich komplex stukturierte Gesellschaften aus weniger komplexen Gesellschaftsformen entwickelt haben.
Vor allem in den Wirtschaftswissenschaften gebräuchlich ist die Klassifizierung von Gesellschaften nach historischen Perioden, die einer bestimmten Wirtschaftsform zugerechnet werden. Historische und zeitgenössische Gesellschaften werden dabei in Agrargesellschaften, Industriegesellschaften (früh-, hoch- und spätindustriell) und postindustrielle Gesellschaft (häufig als Informationsgesellschaft klassifiziert) unterteilt. Die klassische marxistische Theorie unterscheidet mehrere notwendig aufeinander folgende, durch den jeweiligen Stand der Produktivkräfte bestimmte, historische Gesellschaftsformationen. Als Gesellschaft wird die Gesamtheit der Beziehungen und Verhältnisse der Individuen, die aus dem wechselseitigen Handeln der Menschen entstehen, definiert. Aufgrund des jeweiligen Standes der Produktivkräfte einer Gesellschaft entstehen unterschiedliche Produktionsverhältnisse, die die jeweilige Herrschafts- und Gesellschaftsform bestimmen. Ziel ist es, die durch die Industrialisierung entstandene kapitalistische Klassengesellschaft aufzuheben. Diese war vor allem eine bürgerliche Gesellschaft, denn das Bürgertum besaß die wirtschaftliche Macht. Das Fortschreiten der Produktivkräfte soll in letzter Instanz zur Revolution der Arbeiterklasse führen und über die Diktatur des Proletariats in die klassenlose Gesellschaft führen. Diese traditionelle marxistische Gesellschafts- und Geschichtstheorie ist stark vom evolutionistischen Gedankengut des 19. Jahrhunderts durchsetzt und wurde von modernen marxistischen Theoretikern weitgehend modifiziert (siehe Kritische Theorie). Fast allen modernen Gesellschaftstheorien liegt aber das Marx’sche Verständnis von Gesellschaft als einem dynamischen System zugrunde (siehe Dialektik). Marx selbst hat dies folgendermaßen dargelegt: „Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zu einander stehen.”
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