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Gothaer Programm

Enzyklopädieartikel

Gothaer Programm, 1875 beschlossenes Gründungsprogramm der deutschen Sozialdemokratie. Auf ihrem Vereinigungsparteitag in Gotha (22.-27. Mai 1875) verbanden sich die von Wilhelm Liebknecht und August Bebel 1869 in Eisenach gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) und der von Ferdinand Lassalle 1863 in Leipzig gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) Deutschlands. Im Gothaer Programm fanden diese beiden Hauptströmungen der deutschen Arbeiterbewegung einen Kompromiss zwischen marxistischer Theorie und reformerischer Praxis. Hauptziele waren „der freie Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung des ehernen Lohnsystems durch Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Beseitigung der sozialen und politischen Ungleichheit”. Im Sinne der reform- und staatssozialistisch orientierten „Lassalleaner” verzichtetete die Partei zugleich auf den revolutionären Klassenkampf und beschränkte sich auf die „Anwendung aller gesetzlichen Mittel” und auf die Durchsetzung „innerhalb der heutigen Gesellschaft erreichbarer politisch-ökonomischer Ziele” (u. a. „möglichste Ausdehnung der politischen Rechte und Freiheiten”, „eine einzige progressive Einkommensteuer”, Achtstundentag).

Karl Marx und Friedrich Engels kritisierten den Kompromisscharakter des Gründungsdokuments in ihrer Schrift Kritik des Gothaer Programms (1875) scharf, insbesondere die von Lassalle übernommene Theorie des „ehernen Lohngesetzes”.

Mit ihrer Orientierung auf die Eroberung parlamentarischer Mehrheiten, Aufklärungsarbeit im Volk und Demokratisierung des Staates nahm die neue Partei raschen Aufschwung. Auf ihren auch im Reichstag zunehmenden Einfluss (Reichstagswahlen 1877: 9,1 Prozent, 12 Mandate) reagierte Reichskanzler Otto von Bismarck 1878 mit dem Verbot der Partei (siehe Sozialistengesetz). Nach dessen Aufhebung 1890 gründete sich die SDAP als Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) wieder und verabschiedete 1891 in Erfurt ein neues Programm.

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