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Neue Religionen

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Artikelgliederung
1

Einleitung

Neue Religionen, Bezeichnung für die Erneuerungen und Neubildungen von Religionen, die unter dem Vorherrschen der großen religiösen Traditionen erfolgt sind. Auch traditionsübergreifende universalistische Neubildungen auf dem Hintergrund der klassischen Religionen, sowie Krisenkulte und prophetische Bewegungen werden Neue Religionen genannt.

Mit dem Begriff „New Religious Movement” (Neue Religiöse Bewegung) belegen Religionswissenschaftler und Soziologen das Phänomen einer überaus starken Ausbreitung neuer Religionsformen im 20. Jahrhundert. So hat der amerikanische Theologe David Barrett bis 2001 weltweit ungefähr 9 900 Religionen gezählt. Die Zahl der Konfessionen wird auf 33 000 geschätzt; um 1900 waren es noch weniger als 1 800.

2

Erneuerungen und Neubildungen

Indien, Japan, Korea, Nordamerika und Europa sind Hauptzentren neuer religiöser Bewegungen.

2.1

Indien

Der intensive Westkontakt am Anfang des 19. Jahrhunderts führte zu einer Renaissance des Hinduismus in der Form des Neuhinduismus. Die Reformbewegungen waren Antwort auf den moralischen Verfall, der in der Korrumpiertheit des Priesterstandes bestand und zudem in Witwenverbrennungen, Unterdrückung der Kastenlosen sowie Kindsaussetzungen zum Ausdruck kam.

Begründer des Brahma-Samaj (Brahma-Vereinigung) war Ram Mohan Roy (1772-1833). Er wurde von der Frömmigkeit des orthodoxen Hinduismus, islamischer Mystik sowie persönlichen Begegnungen mit Christen geprägt. Der Monotheismus, den Roy in den Veden und Upanishaden aufzufinden glaubte, war Grundlage seines Denkens. In seiner Schrift The Precepts of Jesus. The Guide to Peace and Happiness (1820) charakterisiert er Jesus, den er „den größten aller Propheten” nennt, als ethischen Lehrer und religiösen Verkünder. Während Debendranath Tagore (1817-1905) christliche Einflüsse stärker zurückdrängte, war sein Schüler Keshab Chandra Sen wieder stärker christlich orientiert.

Radikal antichristlich und nationalistisch war der 1875 gegründete Arya-Samaj (Arier-Vereinigung). Sein Hauptführer Dayananda Sarasvati bekannte sich zu einem radikalen Monotheismus und bekämpfte soziale Missstände.

Auf Ramakrishna geht die auf der Vedanta-Philosophie beruhende Ramakrishna-Mission zurück. Wichtigster Schüler Ramakrishnas war Vivekananda, der als erster Hindu 1893 auf dem „Weltparlament der Religionen” in Chicago sprach.

Sri Ghose Aurobindo, Begründer des Integralen Yoga, lehrte die Vision eines neuen Menschen und eines neuen Zeitalters. 1955 wurde die ordensähnlich organisierte Ananda Marga (Weg der Glückseligkeit) von Sri Anandamurti gegründet. Er verknüpft den Kundalini-Yoga mit gesellschaftsreformerischen Impulsen.

Die auf Chinmoy Kumar Ghose zurückgehenden Sri Chinmoy Centres sind in über 50 Ländern verbreitet. Sri Chinmoy war zeitweilig Mitglied des Aurobindo-Aschrams und vereint in seiner Person Guru, Dichter, Musiker, Maler und Sportler.

Brahma Kumari (Töchter Brahmas) heißen die meist weiblichen Anhänger des Dada Lekh Raj (1876-1969), der sich als Verkörperung des Gottes Brahma und „Werkzeug des neuen Zeitalters” betrachtete. Seit 1952 befindet sich auf dem heiligen Berg Abu (Rajastan) der offizielle Sitz der Brahma Kumaris World Spiritual University.

Die volkstümlich Hare-Krishna-Bewegung genannte International Society for Krishna-Consciousness (ISKCON) ist keine neue Religion, sondern vielmehr ein Zweig der vishnuitischen Bhakti-Tradition, die auf Sri Caitanya Mahaprabhu (1486-1534) zurückgeht. ISKCON wurde 1966 in den USA von A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada (1896-1977) gegründet, der 1922 von Bhaktisiddhanta Sarasvati (1874-1937) den Auftrag zur Westmission erhielt. Ein von ISKCON-Fundamentalisten sich unterscheidender liberaler bzw. Reformzweig hat dafür gesorgt, dass die in den siebziger Jahren dominierende Tendenz zur Weltabschottung einer weltoffeneren Haltung Platz gemacht hat.

1976 verkündete Sathya Sai Baba die universalistische, auf die Einheit aller Religionen in Liebe abzielende Sai-Religion.

Die Theosophical Society (Theosophische Gesellschaft) wurde 1875 von der spiritistisch veranlagten Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891) in New York gegründet. Diese vertritt eine Lehre der Theosophie, die buddhistische und hinduistische Glaubensvorstellungen miteinbezieht. 1879 wurde die Theosophische Gesellschaft nach Indien verlegt. Nachfolgerin von dem ersten Präsidenten H. Steel Olcott wurde Annie Besant (1847-1933), die hinduistische Gedanken in den Vordergrund stellte. Die Bewegung breitete sich von Indien nach Europa und Amerika aus. Die Theosophen selbst verstehen ihre Gesellschaft nicht als Religion, sondern als eine Gottesschau. Ihre bedeutendste Abspaltung ist die 1923 gegründete Anthroposophische Gesellschaft.

Transzendentale Meditation (TM) wurde in den fünfziger Jahren von Maharishi Mahesh Yogi (*1918) gegründet. Anfang der sechziger Jahre kam sie in die USA und nach Europa. TM verleiht jedem Schüler ein Mantra, mit dessen Hilfe innere Ausgeglichenheit, bessere soziale Beziehungen und eine ideale Gesellschaft erzeugt werden könnten.

2.2

Japan

Die meist aus Hauskreisen (ko) hervorgegangenen japanischen Neureligionen sind Laienbewegungen. Diese betonen die Erhaltung der Gesundheit sowie die Beseitigung von Leiden. Die ekstatisch veranlagten, meist weiblichen Gründergestalten fühlen sich von Göttern bzw. Geistern besessen und besitzen dadurch ein besonderes Charisma. Die Neureligionen vertreten einen universalen Anspruch, der sich in ihrer internationalen Ausbreitung sowie in der Missionierung von Nicht-Japanern zeigt. Die synkretistischen Neureligionen, die Einflüsse aus Buddhismus, Shintoismus und Christentum in sich vereinen, engagieren sich vielfach für den Frieden. Die auf das Verständnis der breiten Masse zugeschnittenen Lehren der Shinto-Bewegungen unterscheiden sich von den theologisch reflektierteren Neugründungen des Buddhismus. Wichtige Neureligionen sind Tenrikyo (gestiftet 1838), Konkokyo (1859), Omotokyo, Seicho No Ie (1930), Rissho Kosei-kai (1938), Soka Gakkai.

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