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Neukantianismus

Enzyklopädieartikel
Artikelgliederung
1

Einleitung

Neukantianismus, einflussreiche Strömung der idealistischen Philosophie zwischen 1860 und 1945.

Neukantianer werden jene Philosophen genannt, die sich seit 1860 zuerst unter Otto Liebermanns Parole „Zurück zu Kant!” formierten, dann ab der Jahrhundertwende eine zunehmend von Kant sich lösende Forschung (vor allem auf den Gebieten der Erkenntniskritik, Fundierung der Logik und Kulturtheorie) betrieben. Charakteristisch für den Neukantianismus ist die so genannte „transzendentale Methode”. Ausgehend von der Überzeugung, dass die Wirklichkeit durch reines Denken erzeugt ist, werden mit dieser Methode die geistigen Erzeugungs- bzw. Gestaltungsprozesse untersucht.

Hauptvertreter des Neukantianismus sind Hermann Cohen (1842-1918), Paul Natorp (1854-1924), Ernst Cassirer (1874-1945) für die Marburger Schule (1), bzw. Wilhelm Windelband (1848-1915) und Heinrich Rickert (1863-1936) für die Südwestdeutsche Schule (2). Bruno Bauch (1877-1942) hat versucht, die unterschiedlichen Denkansätze der beiden Schulen zu einer einheitlichen Philosophie zu verbinden. Vom Neukantianismus beeinflusst (oft auch als Neukantianer bezeichnet) sind der Soziologe Georg Simmel und der Jurist Hans Kelsen. Zum Umkreis des Neukantianismus ist Hans Vaihinger (1852-1933), Begründer der Zeitschrift Kant-Studien (ab 1896) und der Kant-Gesellschaft, zu rechnen.

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Marburger Schule

Als Begründer der Marburger Schule des Neukantianismus gilt Hermann Cohen, der von 1876 bis 1912 als Professor in Marburg lehrte. Cohen hatte 1871 mit Kants Theorie der Erfahrung einen einflussreichen Kantkommentar verfasst. Seit der Jahrhundertwende begann er, den konstruktivistischen Ansatz der kantischen Philosophie für die Erkenntnistheorie und die Fundierung der Logik fruchtbar zu machen. Cohens Schüler war Paul Natorp, der sich 1881 über Descartes habilitierte, 1883 eine Arbeit über das Erkenntnisproblem in der Antike vorlegte, dann ebenfalls Professor in Marburg wurde und 1903 mit einer Arbeit über Platons Ideenlehre breite wissenschaftliche Anerkennung fand.

In den neunziger Jahren hatte sich in Marburg ein fester Kreis von philosophischen Schülern gebildet. Hierzu gehörten u. a. Albert Görland, der spätere Kantbiograph Karl Vorländer, Ernst Cassirer, etwas später (der in den zwanziger Jahren abgefallene) Nicolai Hartmann und Heinz Heimsoeth. Die intensive Zusammenarbeit von Natorp und Cohen (in Auseinandersetzung mit Psychologie und Naturwissenschaft bzw. mit der Phänomenologie Edmund Husserls, insbesondere mit dessen Früherfolg Logische Untersuchungen, 1900) führte in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts dazu, die Logik in der „transzendentalen Methode” zu fundieren. Transzendentale Methode bedeutet, dass Denken und Erkenntnis als geistige Erzeugung (bzw. Gestaltung) von Realität begriffen werden. Im Unterschied zu Kant gaben Cohen und Natorp die Theorie des „Dings an sich” auf und begründeten so eine neue Spielart des reinen Idealismus. Als Ergebnisse dieser Methode entstanden Cohens Logik der reinen Erkenntnis (1902) und Natorps Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften (1910). Im Jahr 1912 verfasste Natorp die Programmschrift Kant und die Marburger Schule, worin er den Idealismus der „transzendentalen Methode” als konsequente Fortführung des kantischen Philosophie zu rechtfertigen suchte. In der Folgezeit (Cohen, der sich zunehmend als Opfer eines wachsenden Antisemitismus sah, siedelte 1912 nach Berlin über) geriet mit der Betonung des prozessualen Aspekts der Erkenntnis der Neukantianismus unter den Einfluss eines gemäßigten Hegelianismus, der vor allem auf das Denken Cassirers prägend wirkte.

Cassirer (der in Marburg seine Frühschrift über Descartes und Leibniz verfasst hatte, dann nach Zwischenspielen in München und Berlin einem Ruf an die neu gegründete Hamburger Universität folgte, wo er bis 1933 lehrte) schrieb in der Weimarer Zeit das dreibändige Werk Philosophie der Symbolischen Formen (1923-1929), worin (unter Zugrundelegung der transzendentalen Methode) drei Kernbereiche der menschlichen Kultur (Sprache, Mythos, Erkenntnis) global vergleichend untersucht werden. Diese (die Kulturwissenschaft begründende) Abhandlung gilt heute als Grundlagenwerk der Philosophie des 20. Jahrhunderts und stellt zweifellos die wichtigste Publikation des Neukantianismus dar.

3

Südwestdeutsche Schule

Gründer der Südwestdeutschen Schule, in deren Zentrum die wertorientierte Kulturphilosophie steht, war Wilhelm Windelband, der erst in Straßburg und seit 1903 in Heidelberg lehrte. Sein Lehrbuch der Geschichte der Philosophie von 1892 gilt bis heute als Standardwerk. Rickert (Hauptwerke: Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, 1896, Kulturwissenschaften und Naturwissenschaften, 1899) lehrte in Freiburg und seit 1916 in Heidelberg. Die Südwestdeutsche Schule bemühte sich um eine Rechtfertigung der geisteswissenschaftlichen Methode. Während die Naturwissenschaften sich auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten richten, zielen die Geisteswissenschaften in „idiographischer Methode” auf das Individuelle und Einzigartige der Kulturerscheinungen. Da es unzählige Kulturphänomene gibt, verlangt diese Methode die Konzentration auf transzendentale Werte. Nach Rickerts System der Werte (1912) ist der höchste Wert für die Logik die Wahrheit, für die Ethik das Gute, für die Ästhetik das Schöne, für Religion und Mystik das Heilige. Die Kulturphilosophie der Südwestdeutschen Schule hatte durch die 1910 (u. a. auf Initiative von Windelband und Simmel) gegründete Zeitschrift Logos (bis 1933) ein interdisziplinäres Publikationsorgan.

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