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Marcel Reich-Ranicki

Enzyklopädieartikel

Marcel Reich-Ranicki (*1920), Literaturkritiker. Er ist einer der einflussreichsten Rezensenten der deutschen Nachkriegszeit.

Reich-Ranicki wurde am 2. Juni 1920 in Wloclawek (Polen) geboren. 1938 wurde der Jude aus Berlin ins Warschauer Ghetto deportiert, wo er für die Ghettoverwaltung tätig sein musste: 1943 gelang ihm die Flucht. Nach dem Krieg war Reich-Ranicki zunächst Lektor und freier Schriftsteller in Warschau, bevor er 1958 in die Bundesrepublik übersiedelte. Dort arbeitete er in erster Linie als Literaturkritiker bei verschiedenen Zeitungen. Zeitweise war er wortgewaltiges Mitglied der Gruppe 47. Von 1960 bis 1973 betätigte sich Reich-Ranicki als Literaturredakteur der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit; 1973 wechselte er als Leiter des Literaturteiles zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wo er bis 1988 blieb. Neben seiner publizistischen Tätigkeit lehrte Reich-Ranicki ab 1968 als Professor an verschiedenen Universitäten und Hochschulen im In- und Ausland. Seit 1974 hat er eine Honorarprofessur an der Universität Tübingen inne. Seit 1976 ist Reich-Ranicki Herausgeber der Frankfurter Anthologie (jeweils 60 Gedichte mit Interpretationen). In den Jahren 1989 und 1990 edierte er die dreibändige Reihe Romane von gestern, heute gelesen. Auch betreute er die Schriften Alfred Polgars und Wolfgang Koeppens. 1997 verlieh die Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde. Nach Uppsala, Augsburg und Bamberg war dies für den Literaturkritiker die vierte Auszeichnung dieser Art.

In den neunziger Jahren erschienen zahlreiche Essays und Aufsatzsammlungen Reich-Ranickis, darunter solche zu Hilde Spiel, Thomas Mann, Max Frisch, Thomas Bernhard, Günter Grass, Martin Walser, Heinrich Böll, Vladimir Nabokov sowie zur deutschen Literatur der DDR (Ohne Rabatt. Über Literatur aus der DDR, 1991). Weitere Werke des Autors sind Deutsche Literatur in Ost und West (1963, erweitert 1983), Lauter Verrisse (1970, erweitert 1984), Entgegnung. Zur deutschen Literatur der siebziger Jahre (1979), Herz, Arzt und Literatur (1987), Lauter Lobreden (1989), Der doppelte Boden (1992), Die Anwälte der Literatur (1994), Die verkehrte Krone. Über Juden in der deutschen Literatur (1995) und Der Fall Heine (1997). Seine Autobiographie Mein Leben (1999) wurde zum Bestseller. Zudem gab Reich-Ranicki eine ganze Reihe von Anthologien heraus.

Der streitbare Kritiker moderierte von 1988 bis 2001 die erfolgreiche Gesprächsrunde Das Literarische Quartett im ZDF, in dem er zusammen mit den ständigen Mitgliedern Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler (2000 abgelöst durch Iris Radisch) sowie einem Gast belletristische Neuerscheinungen diskutierte. In der Nachfolgesendung Reich-Ranicki Solo (2002) präsentierte der deutsche „Literaturpapst” Bücher, die er monologisch vorstellte.

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