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Ruhrgebiet, Industriebezirk in Nordrhein-Westfalen und wichtigster industrieller Ballungsraum Europas. Zwischen Rhein, Ruhr und Lippe gelegen, umfasst das Ruhrgebiet rund 3 865 Quadratkilometer mit 4,88 Millionen Einwohnern und einer Bevölkerungsdichte von 1 262 Einwohnern pro Quadratkilometer. Seine wirtschaftliche Bedeutung geht auf die reichen Steinkohlevorkommen zurück. Während die Kohle führenden Schichten im Süden der Region direkt zutage treten, sinken sie nach Norden hin ab und werden dort von einer Kreidedecke überlagert. Auf dieser Tatsache beruht die von Süden nach Norden führende historische Entwicklung des Ruhrgebiets, woraus auch seine noch heute sichtbare wirtschaftsgeographische Struktur entstand: Die südlich gelegene Ruhrzone stellt das älteste Bergbaugebiet mit weitgehend stillgelegten kleinen Zechen dar. In Ortschaften wie Kettwig oder Witten bietet sie heute vor allem Wohn- und Erholungsraum. Die Hellwegzone umfasst Städte wie Essen, Bochum und Dortmund; sie ist durch den Bergbau sowie durch Eisen schaffende und Eisen verarbeitende Industrie gekennzeichnet. Duisburg, Gelsenkirchen und Herne zählen zur Emscherzone, in der neben fördernden Großzechen die Eisen-, Stahl- und Chemieindustrie vorherrscht. In der Lippezone, die sich am nördlichen Rand des Ruhrgebietes befindet und z. B. Recklinghausen einschließt, löst sich das geschlossene Industriegebiet zunehmend auf. Große Wald- und Agrarflächen wechseln sich mit einigen neuen Großzechen ab, welche die Ansiedlung von Kraftwerken und chemischer Industrie nach sich gezogen haben. Das Ruhrgebiet verfügt über eine äußerst günstige Verkehrslage: Neben zahlreichen Autobahnen schafft die Bundesstraße 1, auch Ruhrschnellweg genannt, einen raschen Anschluss von Ost nach West. Der Rhein stellt die Verbindung in Nord-Süd-Richtung her und führt zum weltweit größten Seehafen Rotterdam. Von großer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang der Rhein-Herne- sowie der Dortmund-Ems-Kanal, die über einen schleusenlosen Zugang zum Rhein verfügen.
Am Rand des Ruhrtals begann der Kohlenabbau in geringem Maß bereits im Mittelalter. Doch erst nach Erfindung der Dampfmaschine, die eine größere Fördertiefe gestattete und damit die weiter im Norden gelegenen Zechen erschloss, erfolgte im 19. Jahrhundert die eigentliche Revierbildung. Das Ruhrgebiet entwickelte sich zu einem industriellen Ballungsraum mit großer Bevölkerungsdichte; zahlreiche Großstädte entstanden. Neben dem Bergbau wuchs im 19. Jahrhundert das zweite wirtschaftliche Standbein der im Volksmund „Kohlenpott” genannten Region: die auf die Eisen- und Stahlgewinnung ausgerichtete Industrie mit Konzernen wie Krupp, Mannesmann und Thyssen. 1919 und 1920 erschütterten kommunistische Umsturzversuche das Ruhrgebiet. Aufgrund von Auseinandersetzungen um deutsche Reparationszahlungen nahmen belgische und französische Truppen 1921 die Städte Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort ein. Zwischen 1923 und 1925 dehnten sie die Besetzung auf den gesamten Ruhrkohlenbezirk aus. Als Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie erfuhr die Region auch nach dem 2. Weltkrieg eine Sonderbehandlung: In einem „Ruhrstatut” genannten Abkommen beschlossen die USA, Großbritannien, Frankreich und die Beneluxstaaten am 28. April 1949, eine Kontrollinstanz einzurichten: die Internationale Ruhrbehörde. Sie sollte die örtliche Kohle-, Koks- und Stahlproduktion sowie deren Verteilung auf dem deutschen und internationalen Markt überwachen. 1951 unterzeichneten Belgien, die Niederlande, Frankreich, Italien und die Bundesrepublik nach zähen Verhandlungen einen Vertrag über die europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl: die Montanunion. Die genannten Länder verpflichteten sich darin, auf gewisse Souveränitätsrechte zugunsten der Gemeinschaft zu verzichten. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurden im Ruhrgebiet Verbände wie der Ruhrtalsperrenverein oder die Emschergenossenschaft zur Organisation der Wasserwirtschaft gegründet; sie regelten, wie die Funktionen Energiegewinnung, Abwasserbeseitigung und Versorgung mit Trink- und Brauchwasser auf die verschiedenen Flüsse verteilt werden sollten. Als erste deutsche Raumplanungsbehörde entstand 1920 der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (SVR), der sich mit der Anlage von Siedlungsschwerpunkten und Grünflächen ebenso wie mit Fragen der Verkehrsplanung beschäftigte.
Anfang der sechziger Jahre geriet der Absatz der Steinkohle in Schwierigkeiten. Der internationale Handel war freier geworden, und andere Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas verdrängten die Steinkohle. Auch erwuchs ihr Konkurrenz durch die Kernenergie. Um der kritischen Situation zu begegnen, schlossen sich 1968 unter Mitwirkung der Bundesregierung 19 Bergwerksunternehmen in der Holdinggesellschaft Ruhrkohle AG mit Sitz in Essen zusammen. Eigenständig blieben nur wenige Gruben der Firma BASF und des Eschweiler Bergwerksvereins. Trotz gezielter staatlicher Subventionen ließ sich der notwendige Strukturwandel innerhalb des Ruhrgebiets nicht aufhalten. Neue Branchengruppen wie die Nahrungs- und Genussmittelindustrie mit zahlreichen Brauereien, der Fahrzeug- und Maschinenbau, die Elektrotechnik und die Feinmechanik trugen zu einer Diversifizierung des ökonomischen Gefüges bei. Kleine und mittelgroße Firmen ergänzten nunmehr den seit Beginn des 20. Jahrhunderts großbetrieblich bestimmten Wirtschaftsaufbau der Region. Auch Unternehmen der herkömmlichen Montanindustrie wandten sich in jüngster Zeit neuen Geschäftsfeldern zu. Diese liegen vor allem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik sowie der Umweltsicherung. Insgesamt verzeichnete das Dienstleistungsgewerbe den größten Aufschwung; seit Beginn der neunziger Jahre vereint es bereits über 50 Prozent der Gesamtbeschäftigtenzahl des Ruhrgebiets auf sich. Dieser Bedeutungszuwachs des tertiären Sektors geht u. a. auf die Gründung von Universitäten und Gesamthochschulen, von Technologiezentren und Beratungseinrichtungen zurück. Auch das kulturelle Leben des Kohlenbezirks hat sich während der vergangenen Jahrzehnte stark entfaltet und zu einem besseren Ansehen der Region beigetragen: Neben den traditionellen Ruhrfestspielen, einem Theaterfestival, das 1947 vom Deutschen Gewerkschaftsbund und der Stadt Recklinghausen gegründet wurde, finden z. B. unter der Schirmherrschaft des Initiativkreises Ruhrgebiet zahlreiche kulturelle Großveranstaltungen statt.
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