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Sprachwissenschaft

Enzyklopädieartikel
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Ferdinand de SaussureFerdinand de Saussure
Artikelgliederung
1

Einleitung

Sprachwissenschaft, Linguistik, Sammelbegriff für die Wissenschaften, die sich mit Sprache beschäftigen. Im engeren Sinn wird die Linguistik als relativ junge, auf die innere Sprachstruktur bezogene Wissenschaft auch als Teildisziplin der allgemeinen Sprachwissenschaft gesehen. Diese zerfällt in viele verschiedene Richtungen, die zum einen definiert sind nach den Bereichen und Aspekten der Sprache, die untersucht werden, und zum andern durch die Methoden, die bei der Erforschung und Beschreibung von Sprache und von Sprachen angewendet werden.

Den physikalisch messbaren und physisch beobachtbaren Teilaspekt erforscht die Phonetik. Sie beschreibt, wie die Laute im Mund von den Artikulationsorganen (Zunge, Lippen usw.) erzeugt werden (artikulatorische Phonetik), wie sie sich als messbare Schallereignisse (Schwingungen) in der Luft ausbreiten (akustische Phonetik) und wie diese wiederum im Ohr in Nervenimpulse umgewandelt werden (auditive Phonetik). Die mentalen Prozesse, die bei Sprachproduktion und -erwerb im Gehirn ablaufen, untersucht die kognitive Linguistik. Hier überschneiden sich die Forschungsbereiche der (medizinischen) Neurologie und der Sprachwissenschaft. Sprachen lassen sich am rationellsten (d. h. mit einem sehr kleinen Zeicheninventar) durch Alphabetschriften darstellen. Die Phonologie abstrahiert die konkreten Lautäußerungen so weit, dass nur noch die relevanten, d. h. die bedeutungsunterscheidenden Laute (Phoneme) übrig bleiben. In der Rede fügen sich die Laute zu Sprechsilben zusammen. Von der Funktion her aber sind die nächst größeren sprachlichen Einheiten nach den Phonemen die Morpheme. Die Morphologie (Formenlehre) beschreibt, wie sie als Basis-, Flexions- oder Wortbildungsmorpheme Bedeutung transportieren bzw. Beziehungen innerhalb des Satzes herstellen: Kind (Basis), Kinder (Flexion), kindlich (Wortbildung). Wörter fügen sich zu größeren Einheiten, Phrasen (der alte Mann) und Sätzen. Diese beschreibt die Syntax (Satzlehre) als System von Regeln, das es ermöglicht, aus einem endlichen Inventar von Grundeinheiten eine unendliche Menge von sprachlichen Äußerungen erzeugen zu können. Phonologie, Morphologie und Syntax stellen den Kern der Grammatik einer Sprache dar. Ausgegliedert aus dieser Beschreibung ist in der Regel der Wortschatz, der in Wörterbüchern dargestellt wird (siehe Lexikograhie). Die Bedeutung eines Wortes, d. h. seine möglichen Funktionen und Verwendungsweisen in Sätzen, und die Bedeutungssysteme, die Wörter unabhängig von Sätzen (winzig, klein, groß, riesig) bilden können, untersucht die Semantik (Bedeutungslehre).

Nicht jede Ansammlung von Wörtern ist ein Text: Die Eigenschaften, die einen Text zum Text machen (Beziehungsregeln innerhalb aufeinander folgender Sätze) und eine Textklassifikation in verschiedenen Texttypen leistet die Textlinguistik, die aber ohne die Beschreibung der Pragmatik eines Textes nicht auskommt, nämlich die Beschreibung der intendierten oder tatsächlichen Wirkung einer sprachlichen Äußerung auf den Adressaten. Die Pragmatik stellt die Frage, welche sprachlichen Mittel ein Sprecher in einer bestimmten Situation anwenden muss, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Diese Mittel können im Bereich der Intonation, der Phonologie, der Morphologie, der Syntax und der Wortwahl liegen. Hier überschneidet sich die Textlinguistik mit der Stilistik. Verschiedene Sprecher setzen in verschiedenen Situationen unterschiedliche sprachliche Mittel ein, um den gleichen Effekt zu erzielen.

Die Sprachsoziologie bzw. Soziolinguistik beschäftigt sich mit den soziologischen Hintergründen, die bei der Kommunikation eine Rolle spielen. Die sprachlichen Äußerungen eines Menschen sind auch abhängig von der Herkunft (räumlich wie sozial), der Schichtzugehörigkeit und der Ausbildung des Sprechers sowie von der Situation, in der gesprochen wird. Wie Sprache im geographischen Raum variiert, untersucht die Dialektologie (Mundartforschung, Areallinguistik). Zur Darstellung dieser Variation entwickelt sie Sprachkarten, die in Sprachatlanten zusammengefasst werden. Räumliche Verteilungen sind das Ergebnis historischer Prozesse. Die historische Sprachwissenschaft erforscht zum einen die Geschichte einer Sprache unter dem Aspekt der Entwicklung des grammatischen, textlinguistischen oder pragmatischen Systems als solchem, und zum anderen untersucht sie diese Systembereiche vor dem Hintergrund der politischen und der soziokulturellen Geschichte einer Sprechergemeinschaft. In der historischen Sprachwissenschaft wird auch versucht, aus vorhandenen historischen Sprachen deren historische Vorformen zu rekonstruieren. Für das Deutsche (erste Aufzeichnungen stammen aus dem 8. Jahrhundert) kann man auf diese Weise mit Hilfe von genealogisch verwandten Sprachen (z. B. Latein, Griechisch, Sanskrit, Hethitisch) Vorformen rekonstruieren, die im 3. Jahrhundert vor Christus gesprochen wurden. In der Etymologie versucht man, die Verwandtschaft von Wörtern und Formen innerhalb verschiedener Sprachen herauszuarbeiten, um möglichst viel über deren Herkunft zu erfahren. Die Sprachdidaktik beschäftigt sich mit Problemen des Sprachunterrichts, die Sprachphilosophie vor allem mit Fragen, die mit der Sprache als Darstellungsmittel wissenschaftlicher Erkenntnisse in Zusammenhang mit den Erkenntnisprozessen selbst stehen. Die Sprachpsychologie bzw. Psycholinguistik befasst sich mit den Vorgängen des Spracherwerbs sowie mit den Prozessen, die bei der Sprachproduktion und beim Sprachverstehen oder bei sprachlichen Defekten eine Rolle spielen. Sie besitzt Überschneidungsbereiche mit der kognitiven Linguistik.

Die bisher beschriebenen Zweige der Sprachwissenschaft sind auf eine Einzelsprache bezogen. Diese Disziplinen kann man aber nahezu ausnahmslos auch vergleichend betreiben, indem man die jeweiligen Sprachen unter den verschiedenen Gesichtspunkten vergleicht. Die kontrastive Linguistik tut das z. B., indem sie zwei Sprachen im Hinblick auf die Schwierigkeiten vergleicht, die auftreten, wenn sie als Fremdsprachen erlernt werden sollen. Die Sprachtypologie versucht, die zahlreichen Sprachen dieser Welt in Gruppen vergleichbarer Typen mit ähnlichen Baumustern und Strukturprinzipien zu ordnen. Dies ist auch genealogisch möglich, indem Sprachfamilien, d. h. historisch miteinander verwandte Sprachen, zusammengebracht und ihre Verwandtschaftsverhältnisse in Stammbäumen darstellt werden. Ein Zweig der Sprachtypologie ist die Universalienforschung, die diejenigen Elemente in Sprachsystemen aufzufinden sucht, die allen Sprachen gemeinsam sind. Die Sprachkontaktforschung beschreibt die Einflüsse, die Sprachen im gegenseitigen Austausch von Elementen aufeinander hatten oder haben: So ist die Geschichte der europäischen Sprachen geprägt vom Austausch mit der Kultursprache Latein.

2

Geschichte

2.1

Ältere Ansätze

Sprachforschung gab es in allen Hochkulturen, in denen Lesen und Schreiben gelehrt wurden. Ohne sprachwissenschaftliche Kenntnisse ist die Vermittlung dieser Technik nicht möglich. Systematisch muss Sprachwissenschaft betrieben werden, wenn Fremdsprachen in Schulen gelehrt werden: Die ersten Grammatiken, die uns überliefert sind, stammen aus Indien (6. Jahrhundert v. Chr.) und behandeln das Sanskrit, die heilige Sprache der Inder. Bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. untersuchte und beschrieb der indische Grammatiker Panini die Laute und Wörter des Sanskrit. Die historische Beschäftigung mit Sprache in unserem heutigen Sinne entstand im 19. Jahrhundert, nachdem die Verwandtschaft des Altindischen mit den europäischen Sprachen entdeckt worden war. Vom Altertum bis ins 19. Jahrhundert war der philologische Ansatz in der Linguistik vorherrschend. Später führten die Griechen und Römer das Konzept der grammatischen Kategorien ein, ohne jedoch eine vergleichende Komponente miteinzubeziehen.

Der Vergleich von Sprachen wurde Jahrhunderte später mit der Erfindung des Buchdruckes, der Übersetzung der Bibel in viele Sprachen und der nachfolgenden Entwicklung der literarischen Produktion möglich. Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelte sich die Theorie, dass die europäischen, asiatischen und ägyptischen Sprachen eine gemeinsame Stammsprache haben könnten. Die Theorie war der Ausgangspunkt für die Entstehung der vergleichenden Philologie oder komparativen Linguistik.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erkannte der englische Gelehrte Sir William Jones, dass das Sanskrit Ähnlichkeiten mit dem Griechischen und Lateinischen aufweist. Er vermutete, dass diese drei Sprachen aus einer gemeinsamen Quelle entstanden sein könnten. Die Sprachgelehrten des frühen 19. Jahrhunderts entwickelten diese Hypothese weiter. Der deutsche Philologe Jacob Grimm und der dänische Philologe Rasmus Christian Rask stellten fest, dass immer dann, wenn die Laute einer Sprache ähnlichen Lauten verwandter Wörter einer anderen Sprache nach einem bestimmten Muster entsprachen, diese Entsprechungen gleich bleibend waren. Der Anfangslaut im Lateinischen pater („Vater”) und pes („Fuß”) entspricht gesetzmäßig dem Englischen father und foot. Siehe auch Grimm’sches Gesetz

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Lautentsprechungen ausführlich untersucht worden. Eine Gruppe europäischer Sprachgelehrter, die Junggrammatiker, stellten die Theorie auf, dass die Lautentsprechungen zwischen verwandten Sprachen nicht nur gesetzmäßig auftreten, sondern dass jede Ausnahme dieser phonetischen Regel sich nur durch Entlehnungen aus anderen Sprachen (oder durch eine zusätzliche gesetzmäßige Regel des Lautwandels) entwickeln konnte.

Diese Methode, verwandte Wörter in verschiedenen Sprachen zu vergleichen, um die Gesetzmäßigkeit des Lautwandels nachzuweisen, wurde als historisch-vergleichende Methode bekannt. Sie diente dem Erkennen von Sprachfamilien, d. h. Gruppen von verwandten Sprachen. Mit diesem Verfahren postulierten die Sprachwissenschaftler eine indogermanische Sprachfamilie, die sich aus zahlreichen Unterfamilien oder Sprachzweigen zusammensetzt. Zur indogermanischen Sprachfamilie gehören z. B. Englisch und Deutsch, beides germanische Sprachen.

Die Beschreibung gesetzmäßiger Lautentsprechungen ermöglichte es auch, die unterschiedlichen Formen einer Sprache, die in verschiedenen Gegenden und von verschiedenen Gruppen von Menschen gesprochen wurden, zu vergleichen. Dieses Fachgebiet heißt Dialektologie. Es beschäftigt sich mit den Unterschieden in der Lautstruktur, dem grammatischen Aufbau, dem Wortschatz oder gleichzeitig mit allen drei Aspekten.

2.2

Neuere Ansätze

Die Linguistik hat sich im 20. Jahrhundert in verschiedene Richtungen entwickelt.

2.2. 1

Deskriptive und strukturelle Linguistik

In der deskriptiven Linguistik sammeln die Sprachwissenschaftler Material von Muttersprachlern und analysieren die Bestandteile dieser Sprache, indem sie das Material den einzelnen hierarchischen Ebenen der Sprache zuordnen: Phonologie, Morphologie und Syntax. Diese Art der Analyse wurde vom deutschamerikanischen Anthropologen Franz Boas und dem amerikanischen Anthropologen und Linguisten Edward Sapir neu entwickelt, als sie vor dem Problem standen, bisher nicht aufgezeichnete amerikanische Indianersprachen beschreiben zu müssen. Sie stellten die eingeführten Methoden und Verfahren der auf geschriebenen Texten beruhenden linguistischen Beschreibung in Frage und entwickelten eigene Methoden, um die unterscheidenden oder sinnvollen Laute einer Sprache und die kleinsten Einheiten von bedeutungstragenden Lautverbindungen (z. B. Wortwurzeln und Affixe) zu finden.

Der amerikanische Linguist Leonard Bloomfield befürwortete aufbauend auf den Arbeiten deskriptiver Linguisten wie Boas und Sapir eine behavioristische Sprachanalyse, die semantische Erwägungen weitestgehend vermeidet. Er maß den Verfahren zur Entdeckung der Laut- und Grammatikstrukturen von nicht aufgezeichneten Sprachen besondere Bedeutung zu. Systeme der Sprachanalyse wie das von Bloomfield werden als strukturalistisch bezeichnet.

Während sich der amerikanische Strukturalismus mit den Äußerungen der Rede beschäftigte, betonte der europäische Strukturalismus die der Sprache zugrunde liegende, abstrakte Struktur, die sich von den tatsächlichen Äußerungen der Sprache unterscheidet. Dieser Ansatz begann 1916 mit dem posthum veröffentlichten Werk des schweizerischen Linguisten Ferdinand de Saussure. Saussure unterschied zwischen den Konzepten der langue (französisch für „Sprache”) und der parole („Rede”). Mit langue bezeichnete er das den Sprechern einer Sprache gemeinsame Wissen über die korrekte Grammatik dieser Sprache (Sprachsystem). Parole bezieht sich auf die tatsächlichen Äußerungen in einer Sprache.

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