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Windows Live® Suchergebnisse Paul VirilioEnzyklopädieartikel
Paul Virilio (*1932), französischer Philosoph, Architekt und Kulturkritiker. Er gilt als einer der Vordenker der nouvelles technologies (neuen Technologien). Zudem begründete er als „Lehre von der Geschwindigkeit” die so genannte Dromologie. Virilio wurde 1932 in Paris geboren. 1942 konnte seine Familie dank der verwinkelten Anlage ihres Wohnhauses der Verhaftung durch die Gestapo entgehen – ein einschneidendes Erlebnis seiner Kindheit, das seine weitere Entwicklung mitbestimmte. Der Entdeckung einer Bunkeranlage an der französischen Atlantikküste 1958 folgte der Entschluss, das gesamte Gebiet nach ähnlichen Monumenten abzusuchen und diese zu archivieren: Bis 1966 hatte Virilio die Atlantikküste zu Fuß erforscht; 1975 präsentierte er das Ergebnis in einer Ausstellung im Pariser Centre Georges Pompidou sowie in dem Fototextband Bunker Archéologie (Bunkerarchäologie). Zeitweise hatte Virilio einen Lehrauftrag an der Sorbonne. Er ist Leiter der von ihm gegründeten École speciale d’architecture in Paris. Zudem gehört er zur Redaktion der Zeitschrift traverses und ist Beiträger der Libération. Darüber hinaus gründete Virilio das Interdisziplinäre Zentrum für Friedensforschung und Strategiestudien CIRPES. Virilios zentrales Thema ist das Phänomen der Geschwindigkeit bzw. Beschleunigung, die er nicht zuletzt für die zerstörerischen Momente der Moderne verantwortlich macht. Dabei stehen Gedanken zur Urbanistik, Kriegsführung, Architektur, Verkehrstechnik und Physik im Zentrum des Interesses. Für Virilio ist nicht die industrielle Revolution, sondern die „Revolution der Geschwindigkeit” die entscheidende Umwälzung der Neuzeit und Hauptgrund geschichtlicher Prozesse („vitesse oblige”); die analytische Beschäftigung mit dem Komplex wird deshalb zum Akt politischen Denkens, eine Idee, die u. a. die Argumentation von Vitesse et politique (1977, Geschwindigkeit und Politik) bestimmt. Virilios Interesse gilt außerdem der Rolle der Wahrnehmung in der heutigen Zeit, wobei er (ähnlich wie vor ihm z. B. Walter Benjamin) bemerkenswerte Veränderungen – etwa auch durch Übermittlung von Information in Echtzeit und dem Verschwinden des „Wirklichen” im Strudel virtueller Realitäten – diagnostiziert. Dies zeigt er etwa am Beispiel der veränderten Kriegsführung seit Beginn des 20. Jahrhunderts, wie in dem gemeinsam mit Sylvère Lotringer verfassten Band Pure War (1983; Der reine Krieg) oder in Guerre et cinéma I. Logistique de la perception (1984; Krieg und Kino. Logistik der Wahrnehmung). In den neunziger Jahren beschäftigte sich Virilio vor allem auch mit der schleichenden inneren Automatisierung des Menschen durch die Transplantationstechnik, die er mit dem Gedanken einer als undemokratisch gebrandmarkten Bevormundung des Individuums durch die „vierte Gewalt” der Massenmedien zu vernetzen suchte, so in L’art du moteur (1993; Die Eroberung des Körpers. Vom Übermenschen zum überreizten Menschen). Weitere Werke Virilios sind L’insécurite du territoire (1976), Défense populaire et luttes écologiques (1978), Fahren, fahren, fahren... (1978), L’espace critique (1984) und L’horizon négatif (1984; Der negative Horizont. Bewegung – Geschwindigkeit – Beschleunigung). Auf Deutsch erschienen des Weiteren Rasender Stillstand (1992), Fluchtgeschwindigkeit (1996), Ereignislandschaft (1998) und Information und Apokalypse (2000). Fahren, fahren, fahren ... – der Titel zitiert aus dem Hit Autobahn der Gruppe Kraftwerk – ist „Sarah Krasnoff gewidmet, die 1971 auf der Flucht vor den Psychiatern praktisch ohne Unterbrechung fünf Monate lang in den Maschinen der K.L.M. saß und über 160-mal den Atlantik überquerte, bevor sie ruiniert und am Ende ihrer Kräfte im Zimmer 103 des Hotel Frommer in Amsterdam starb”.
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