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Boheme

Enzyklopädieartikel

Boheme (französisch, zu mittellateinisch bohemus: Böhme, Zigeuner), Bezeichnung für die sich bewusst unkonventionell-antibürgerlich gebenden Studenten-, Künstler- und Literatenkreise des 19. Jahrhunderts, die sich vehement gegen überkommene Moralvorstellungen sowie gegen Sicherheits- und Leistungsdenken der Bourgeoisie aussprachen.

Eine echte Boheme-Kultur konstituierte sich erstmals um 1830 im Pariser Quartier Latin und auf dem Montmartre; ihr gehörten u. a. Henri de Toulouse-Lautrec, Gérard de Nerval und Théophile Gautier an. Beschreibungen der Boheme finden sich bei George Sand und Honoré de Balzac. Zur Zeit des Naturalismus entstand auch in München und Berlin eine ausgeprägte Boheme-Kultur, wovon Otto Julius Bierbaums Roman Stilpe (1897) mit den alkoholischen und erotischen Exzessen seiner Titelfigur beredt Zeugnis ablegt. So gesehen hat sich das Phänomen bis in die jüngere Zeit erhalten, etwa in der ehemaligen Schwabinger Künstlerszene in München und am Prenzlauer Berg im Osten Berlins. Hin und wieder wird auch die amerikanische Beatgeneration als Boheme bezeichnet. Ausgehend von den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts gewann allerdings in den USA wie in Europa die politische Auseinandersetzung mit den bürgerlichen Verhältnissen an Schärfe, wobei das künstlerische Element in den Hintergrund trat und subkulturelle Jugendbewegungen an Bedeutung gewannen. Gleichzeitig orientiert sich die Kunstszene immer stärker an den Gesetzen des Marktes.

Verklärend wird das Leben des Bohemiens u. a. in Henri Murgers Roman Scènes de la vie de Bohème (1851, Pariser Zigeunerleben) behandelt, der als Vorlage für Puccinis Oper La Bohème (1896) diente und von Aki Kaurismäki (Das Leben der Bohème, 1991) verfilmt wurde. Von großem Einfluss auf die deutsche Literatur der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert war Hans Jaegers Roman Kristianabohème (1885). Die Editionsgeschichte des Buches spiegelt die Ablehnung der Boheme durch bürgerliche Kreise wider: Nach Erscheinen wurde die Kristianabohème augenblicklich von den Justizbehörden beschlagnahmt, der Autor wegen Gotteslästerung und der zahlreichen als obszön und pornographisch empfundenen Passagen (u. a. propagierte Jaeger die freie Liebe und den Gebrauch von Kondomen) für 60 Tage in Haft genommen. Auch erhielt er lebenslanges Studienverbot an der Universität und wurde als Stenograph des norwegischen Parlaments entlassen. Einer nach der Zweitauflage verhängten Gefängnisstrafe von 150 Tagen konnte sich Jaeger zunächst durch Flucht ins Ausland entziehen. Später musste er sie dann doch antreten. Seine Existenz war zerstört.

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