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Windows Live® Suchergebnisse Michail BachtinEnzyklopädieartikel
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Michail Bachtin (1895-1975), russischer Literaturwissenschaftler. Mit seinen poetologischen Arbeiten zu den Romanen von Fjodor M. Dostojewskij und François Rabelais sowie mit seinen Studien zur Lachkultur und zum mittelalterlichen Karneval entwickelte er den Ansatz des russischen Formalismus und des Strukturalismus entscheidend weiter. Bachtin wurde am 17. November 1895 in Orel geboren. Nach einem Studium der Altphilologie, Philosophie und Linguistik lehrte er an der Universität Moskau Literaturwissenschaft. 1929 erschien Problemy tvorestva Dostoevskogo (Probleme der Poetik Dostojewskijs), mit der Bachtin die grundlegende Arbeit zum Werk des russischen Realisten vorlegte und die Entwicklung von Linguistik und Semiotik beeinflusste. 1940 beendete er das Manuskript zum Romanwerk von Rabelais und reichte es als Dissertation ein (die Promotion fand erst sechs Jahre später statt). Aufgrund der repressiven Kulturpolitik zur Zeit des Stalinismus allerdings konnte Tvorčestvo Fransua Rabele i narodnaja kul’tura srednevekov’ja i Renesensa (Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur) erst 1965 im Zuge einer Rehabilitierung des Wissenschaftlers erscheinen. Bachtin starb am 7. März 1975 in Moskau.
In Probleme der Poetik Dostojewskijs wies Bachtin auf die dialogische Konzeption der philosophischen Romane Dostojewskijs hin und führte den Begriff der Polyphonie zur Beschreibung kompositorischer Verfahren ein: Nach Bachtin hat in Dostojewskijs Romanen jeder Held eine spezifische Stimme respektive Weltanschauung, die er ohne Wertung einer Erzählinstanz vorzutragen vermag. Auf diese Weise, so Bachtin, blieben bei Dostojewskij, anders als im traditionellen (monologischen) Roman, alle im Dialog entwickelten Ideen völlig gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Figuren würden nicht durch übergeordnete Instanzen vorgestellt, sondern definierten sich qua ihrer Rede selbst: „Wir sehen nicht, wer er ist, sondern wie er sich selbst versteht; wir nehmen nicht die Wirklichkeit des Helden ästhetisch wahr, sondern die Art und Weise, wie er sich dieser Wirklichkeit bewußt wird.” Auf diese Weise gelänge es Dostojewskij, ein lebendiges Bild seiner Zeit zu entwerfen: er „besaß die geniale Gabe, den Dialog seiner Epoche zu hören, oder genauer, seine Epoche als großen Dialog zu hören”. Selbst in Monologen wie denen des Ich-Erzählers in den Aufzeichnungen aus dem Untergrund ist nach Bachtin das Dialogische (etwa durch Vorwegnahme und Einbezug der Reaktion eines imaginären Publikums in der Figurenrede) immer präsent. Bachtin bettete diese narrative Technik als „offene Struktur des großen Dialogs” ein in einen als „karnevalesk” charakterisierten Kontext der Literatur, zu dem er u. a. die sokratischen Dialoge Platons, die menippeische Satire und den Schelmenroman rechnete. Anders als etwa Vladimir Nabokov begriff er damit die Dialogizität des Prosawerks bei Dostojewskij als Fortschritt; Nabokov hatte dem Autor unterstellt, aufgrund der dramaturgischen Struktur seine Romane wie Theaterstücke aufgebaut zu haben. Tatsächlich vermag Bachtins Standpunkt im Hinblick auf bestimmte Romanenden nicht immer zu überzeugen: So weist die Bekehrung der Hauptfigur Raskolnikow zum Christentum in Schuld und Sühne – ebenso wie bereits ihr sprechender Name (raskol: Abspaltung) klar auf eine bestimmte Autorenintention. Dennoch stellt Bachtins innovativer Ansatz eine grandiose Deutung des Erzählverfahrens bei Dostojewskij dar und wies den Weg hin zu einer neuen Methodik innerhalb der Literaturwissenschaft. Bachtins Vorstellung einer karnevalesk-anarchischen Volkskultur (gegenüber einer offiziellen in lateinischer Sprache) erläuterte der Autor in Rabelais und seine Welt, indem er, sich von Wolfgang Kaysers Begriff des Grotesken als „vernichtendem Humor” distanzierend, die Kultur des Mittelalters als eine von fremden und eigenen Zwängen befreiende „Geschichte des Lachens” begriff. Der Humor des Karnevals erscheint hier als wirksames Mittel des Volkes gegen Konformismus und Herrschaftsanspruch einer als repressiv empfundenen Obrigkeit (Kirche, Staat, Feudalsystem): „Deshalb mißtraute man spontan dem Ernst, traute man dem festtäglichen Lachen.” Dieses Lachen charakterisierte Bachtin als gemeinschaftlichen, teils vulgär-obszönen und von einer Betonung der Leiblichkeit und Sinnlichkeit begleiteten Akt: Während der Renaissance sei es von der „Sprache des Marktplatzes” in die Literatur übergegangen. Den Höhepunkt dieser Entwicklung sah Bachtin bei Rabelais, ihren Niedergang im 17. Jahrhundert, verstärkt aber im Zuge der Rationalisierungsstrategien der Aufklärung, wo Gelächter individualisiert und negativ konnotiert erscheine. Eine wichtige Rolle in Rabelais und seine Welt kommt der Vorstellung des „grotesken Körpers” zu, dessen Leibhaftigkeit und Vergänglichkeit Bachtin gegen die stilisierte Glätte des antiken Ideals auszuspielen sucht. Dabei werden Körperteile zu Symbolen für andere (so steht die Nase für den „zweiten Leib”, den Unterleib, genauer: den Phallus). Wie in Rabelais’ Gargantua und Pantagruel des Öfteren dargestellt, spielen im karnevalesken Denken Extremitäten und Leibesöffnungen eine wichtige Rolle: „Die wesentlichen Ereignisse im Leben des grotesken Leibes, sozusagen die Akte des Körper-Dramas, Essen, Trinken, Ausscheidungen, Begattungen, Schwangerschaft, Niederkunft, Körperwuchs, Altern, Krankheiten, Tod, Zerfetzung, Zerteilung, Verschlingung durch den anderen Leib – alles das vollzieht sich an den Grenzen von Leib und Welt, an der Grenze des alten und des neuen Leibes.” In Rabelais und seine Welt wird zudem der revolutionäre Impuls dieser Entwicklung herausgestellt: „Deshalb geht großen Umwälzungen, selbst noch in der Wissenschaft, eine gewisse Karnevalisierung des Bewußtseins voraus.” Mit Rabelais und seine Welt legte Bachtin einen wichtigen Markstein zur kulturellen Semiotik, wie sie später von Umberto Eco theoretisch beschrieben wurde. Weitere Werke Bachtins in deutscher Sprache sind Die Ästhetik des Wortes (1979) und Formen der Zeit im Roman (1989). Eine Auswahl erschien 1990 unter dem Titel Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur.
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