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Robert Gernhardt

Enzyklopädieartikel

Robert Gernhardt (1937-2006), deutscher Schriftsteller und Zeichner. Er war ein führender Vertreter der „Neuen Frankfurter Schule”, eines um die Satirezeitschrift Titanic gruppierten Künstlerzirkels mit humoristisch-satirischem Impuls, und gilt als einer der bedeutendsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts.

Gernhardt wurde am 13. Dezember 1937 als Sohn eines Richters in Reval (heute Tallinn, Estland) geboren. 1939 übersiedelte die Familie nach Posen; nach Kriegsende floh sie nach Bissendorf bei Hannover und ließ sich 1946 in Göttingen nieder. Gernhardt studierte zunächst an den Kunstakademien in Berlin und Stuttgart Malerei, später an der Freien Universität Berlin Germanistik.

1964 zog Gernhardt nach Frankfurt am Main, wo er anfangs als Redakteur des Satiremagazins Pardon, ab 1966 dann freiberuflich als Zeichner, Karikaturist, Maler und Schriftsteller tätig war. Bekannt wurde er besonders durch die Kolumne Welt im Spiegel in Pardon, die er zwölf Jahre lang zusammen mit seinen Freunden F. W. Bernstein und F. K. Waechter verfasste und in der er in Wort und Bild einen seinerzeit in Deutschland noch nicht gekannten intelligent-absurden Nonsens-Humor etablierte. Gemeinsam entstanden auch die drei Prosa-, Gedicht-, Karikaturen- und Comicsammlungen Die Wahrheit über Arnold Hau (1974), Besternte Ernte (1976) und Die Blusen des Böhmen (1977, der Titel ist eine Verballhornung der Blumen des Bösen von Charles Baudelaire).

1979 beendeten Gernhardt und die meisten Redaktionsmitglieder (u. a. Bernstein, Waechter, Eckhard Henscheid, Chlodwig Poth, Peter Knorr, Hans Traxler und Bernd Eilert) nach Differenzen mit dem Chefredakteur ihre Mitarbeit bei Pardon und gründeten gemeinsam die Satirezeitschrift Titanic, die Gernhardt über Jahrzehnte mitprägte. Dieser Kreis von Schriftstellern und bildenden Künstlern stand ab den achtziger Jahren unter der Bezeichnung „Neue Frankfurter Schule” (in ironisch-unernster Anlehnung an die sozialphilosophische Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno) für einen eigenen, zwischen intelligenter Persiflage und kalauerhafter Blödelei changierenden Humorstil. In dieser Zeit war Gernhardt gemeinsam mit Eilert und Knorr auch als Gagschreiber für den deutschen Komiker Otto Waalkes tätig, für dessen erfolgreiche Kinofilme, wie z. B. Otto – Der Film (1985), er auch die Drehbücher mitverfasste.

Seit Beginn der achtziger Jahre trat Gernhardt neben seinen Gemeinschaftsproduktionen im Zusammenhang mit der „Neuen Frankfurter Schule”, deren Kennzeichen ein ausgeprägtes Gruppenschaffen war, auch mit eigenen Werken hervor. Hauptsächlich entstanden Gedichtbände wie Wörtersee (1981), Körper in Cafés (1987), Reim und Zeit (1990), Weiche Ziele (1994), Lichte Gedichte (1997), Im Glück und anderswo (2002) und Später Spagat (posthum 2006), deren feiner, unter der Oberfläche oftmals eine tiefe Ernsthaftigkeit ausstrahlender Humor die Literaturkritik zunehmend dazu veranlasste, den Lyriker in eine Reihe mit den Größen der deutschen komischen Dichtung wie Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky, Wilhelm Busch und Erich Kästner zu stellen. Daneben verfasste Gernhardt u. a. den Roman Ich Ich Ich (1982), die Essaybände Glück Glanz Ruhm (1983), Was bleibt (1985) und Wege zum Ruhm (1995), die Satiren- und Erzählungsbände Letzte Ölung (1984), Kippfigur (1986), Es gibt kein richtiges Leben im valschen (1987), Lug und Trug (1991) und Denken wir uns (2007, posthum), das Schauspiel Die Toscana-Therapie (1986) sowie – zusammen mit seiner ersten, 1989 verstorbenen Frau Almut – mehrere Kinderbücher.

Spätestens seit Mitte der neunziger Jahre hatte Gernhardt den Nimbus des „Blödel-Dichters” abgelegt und erfuhr allseitige Anerkennung als einer der bedeutendsten, sprachlich virtuosesten und vielseitigsten Schriftsteller seiner Generation, der wie kein Zweiter die Grenzen zwischen „ernster” und komischer Literatur verschwinden ließ. Gernhardt wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. dem Bertolt-Brecht-Literaturpreis (1998) und dem Heine-Preis (2004). In seinen späten Gedichtbänden thematisierte er auf eindrucksvolle Weise seine lebensbedrohlichen Erkrankungen, so seine Bypassoperation nach einem Herzinfarkt in Herz in Not (1998) und seine Krebserkrankung in K-Gedichte (2004). Am 30. Juni 2006 erlag Gernhardt in Frankfurt am Main seiner Krebserkrankung.

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