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Geschichtswissenschaft

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Marc BlochMarc Bloch
Artikelgliederung
1

Einleitung

Geschichtswissenschaft, nach Johan Huizinga die geistige Form, in der sich die Menschen über ihre Vergangenheit und die Bedingungen ihrer Entwicklung Rechenschaft geben. Was immer wir tun, geschieht vor dem Hintergrund der Erfahrungen, des Wissens und der Traditionen, die unser Dasein geprägt haben; wir sind geschichtliche Wesen. Die Kenntnis der Vergangenheit hilft uns, unser gegenwärtiges Handeln und seine Bedingtheit zu verstehen. Die Gegenwart ist ohne die prägende Vergangenheit gar nicht denkbar, woraus sich zwangsläufig das Bedürfnis des Menschen ergibt, sich ein Bild von der Geschichte zu machen.

Die Geschichtswissenschaft bzw. die Historiker haben die Aufgabe, die Vergangenheit mittels eines methodischen Instrumentariums zu erforschen und die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zugänglich zu machen. Es war üblich und ist es zum Teil noch heute, die Arbeit des Historikers mit Rekonstruktion des Geschehenen zu umschreiben, was jedoch nur zum Teil erreichbar und inzwischen auch nicht mehr das erklärte Ziel der Geschichtswissenschaft ist. Es geht heute vielmehr darum, ein wissenschaftlich fundiertes Geschichtsbild zu schaffen, das letztlich dazu bestimmt ist, den Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu erklären und den Gegenwärtigen die Vergangenheit bewusst zu machen.

Die Basis für die historische Forschung stellen die Quellen dar, die zunächst gefunden, dann aber vor allem auch kritisch interpretiert werden müssen. Quellen sind Zeugnisse jeder Art, aus denen Historiker Erkenntnisse über die Vergangenheit gewinnen können, also nicht nur schriftliche, sondern auch unschriftliche wie Bauwerke, Kunst, Gebrauchsgegenstände, Abfälle oder sogar Bodengegebenheiten, aus denen man Rückschlüsse auf Klimaveränderungen, Siedlungen oder Ackerbauformen ziehen kann. Quellen müssen zunächst auf ihre Echtheit geprüft und datiert werden, bevor man sich an ihre Interpretation wagen kann. Mit der Bereitstellung schriftlicher Quellen beschäftigen sich in erster Linie die historischen Hilfswissenschaften, in deren Rahmen diffizile, mittlerweile hochtechnisierte Methoden entwickelt wurden, um Echtheit und Alter von Schriftstücken (auch Münzen, Siegeln oder Inschriften) durch Schriftvergleich, Materialuntersuchungen oder Begutachtung formaler und inhaltlicher Kriterien festzustellen. Archäologie erforscht vor allem die Überbleibsel der Sachkultur, während die Kunst- und Musikwissenschaften die jeweiligen Quellen aus ihrem Fachbereich aufarbeiten. Auch die Produkte der Künste und Literatur stellen für den Historiker sehr brauchbare Quellen zur Schöpfung eines Geschichtsbildes dar.

Da nicht nur die Geschichte sondern auch die Geschichtswissenschaft vom Menschen gemacht wird, ist sie einem steten Wandel unterworfen. Historiographische Darstellung ist als Produkt menschlicher Kreativität stets in gewissem Maße subjektiv und von den soziokulturellen und politischen Vorstellungen der jeweiligen Historikergeneration oder gar des einzelnen Historikers geprägt – z. B. wurden geschichtliche Ereignisse oder Personen im Kaiserreich oder in nationalsozialistischer Zeit ganz anders beurteilt als heute, weil sich der politische Standpunkt der Historiker geändert hat. Beständige Methodendiskussion und das Bewusstwerden bzw. Bewusstmachen der gesellschaftlichen Bedingtheit der jeweiligen Geschichtsbilder tut Not.

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Geschichte der Geschichtswissenschaft

Im 18. Jahrhundert begann an deutschen Universitäten, vor allem in Göttingen, im Fach Geschichte der Übergang von der bloßen Gelehrsamkeit zu einer neuen wissenschaftlichen Orientierung, die die erzählende Darstellung mit kritischer Beurteilung von Befunden verband, die zuvor eher zweitrangige Bedeutung hatte. Es ging den Historikern nicht mehr nur um das Wissen des Geschehenen als Selbstzweck, die Sammlung von Fakten sowie die Erkenntnis, ob einzelne Quellen nun echt oder gefälscht sind, sondern um die Erkenntnis von Zusammenhängen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Beschäftigung mit historischer Forschung institutionalisiert und zu einem Beruf. Ganz ähnlich verlief die Entwicklung in den anderen europäischen Ländern.

Die historische Methode ist zunächst ein Vermächtnis des Historismus; sie ging von einer übergeordneten geisteswissenschaftlichen Methode aus und hob diese von den naturwissenschaftlichen Methoden ab. Derartige Abgrenzungen sind strittig geworden. Die Grundfrage ist, ob Geschichtswissenschaft eine auf das Verstehen ausgerichtete oder eine empirische Wissenschaft und damit den exakten Wissenschaften ähnlich ist. Immer wieder bildeten sich, sobald es über das Erzählen von Geschichte hinausging und historische Zusammenhänge formuliert wurden, Traditionen von Betrachtungsweisen und Fragestellungen – so genannte „Schulen” – heraus, z. B. im späten 18. Jahrhundert die Göttinger Schule (Historismus) oder im 20. Jahrhundert in Frankreich der sozialwissenschaftlich ausgerichtete Kreis um die Zeitschrift Annales, die Annales-Schule. Dadurch entstand eine Vielfältigkeit der Forschungszweige mit eigenen Fragestellungen und Methoden, so etwa die Sozial- oder die Wirtschaftsgeschichte, die bisweilen sogar als Zweig der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften angesehen werden. In diesen Fällen wurde die traditionell historische Forschungsmethode modifiziert, quantifizierende Methoden, Statistik und Hochrechnungen aus den „Mutterwissenschaften” fanden Anwendung.

Eine lange Tradition hat die Erforschung der Geistesgeschichte, wobei auch hier die Methoden einem beständigen Wandel unterliegen. Es geht heute nicht mehr darum, zu rekonstruieren, wie in bestimmten Epochen über das eine oder andere Problem gedacht wurde, welche Autoritäten zitiert wurden, welche in Vergessenheit gerieten, sondern um das Warum. Geistesgeschichtliche Aspekte werden auch nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als gesellschaftliche Phänomene. „Kinder” der Sozial-, Wissenschafts- und Bildungsgeschichte sind z. B. die historische Verhaltensforschung und die Mentalitätsgeschichte, ein Wissenschaftszweig, den die französische Geschichtsforschung initiierte.

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