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    Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter Lust (Begriffsklärung) aufgeführt.

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Lust

Enzyklopädieartikel
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EpikurEpikur
Artikelgliederung
1

Einleitung

Lust, im allgemeinen Sprachgebrauch und in der Philosophie das der Unlust entgegengesetzte Wohlgefühl, das mit der Befriedigung eines Bedürfnisses einhergeht.

2

Antike

Eine zentrale Stellung nimmt die Lust in der von Aristippos, einem Schüler des Sokrates, begründeten Richtung des Hedonismus (griechisch hedoné: Lust) ein. Für ihn stellt die Ausrichtung des Lebens am Ziel des Lustgewinns die beste Voraussetzung für die Erringung des Glücks dar; allerdings ist damit nicht das ungezügelte Streben nach Wollust und Ausschweifungen, sondern eine durch die Tugend gemäßigte, aber lustfreundliche Lebensweise gemeint. Ähnlich äußert sich auch der Eudämonismus des Epikur, wohl des bekanntesten Philosophen des Hedonismus, dem als Epikureismus fälschlicherweise das Propagieren der Zügellosigkeit unterstellt wurde.

Auch der Sokratesschüler Platon berücksichtigt in der zu seiner politischen Philosophie gehörenden Pädagogik das dem Menschen eigene Streben nach Lust, lässt sie aber nicht mehr als Lebensziel gelten, sondern funktionalisiert sie als Erziehungsmittel: Weil gerade der junge Mensch sehr stark von diesem Streben bestimmt werde, komme es in der Erziehung entscheidend darauf an, dass das Streben nach dem Guten mit Lust belohnt und das nach dem Schlechten mit Unlust bestraft werde. Zudem unterscheidet Platon niedere und höhere Arten der Lust, wobei die letzteren als geistige Lust dem nach Erkenntnis strebenden und zu Einsichten gelangenden Philosophen vorbehalten bleiben – eine Anschauung, die sich auch in Aristoteles’ Entwurf der vita contemplativa findet, in dessen Rahmen der Weise von allen Menschen der Glücklichste sei.

Radikaler und ausdrücklich lustfeindlich denkt Antisthenes, ein weiterer Schüler des Sokrates; er nimmt offen Stellung gegen die Lust als Lebensprinzip und befürwortet als Begründer des Kynismus das tugendorientierte Streben nach weitgehender Autarkie des Einzelnen, was das asketische Bekämpfen der trieborientierten Lust voraussetzt. Weniger streng, aber in der Ausrichtung ähnlich, zeigt sich die Ethik der Stoa.

3

Neuzeit und Moderne

Aufgrund der Verdammung der Lust im Christentum als eine dem asketischen Ideal zuwiderlaufende Lebenshaltung spielte das Thema in der abendländischen Philosophie fast 2 000 Jahre lang keine bedeutende Rolle. Erst in dem mit der Aufklärung aufkommendem Materialismus und seiner stärkeren Berücksichtigung der Bedeutung des Leibes für die menschliche Existenz tritt das Thema wieder auf. Auch die Ausbildung der philosophischen Disziplin der Ästhetik zur selben Zeit, die sich auf das sinnliche Vergnügen an der Kunst stützt, trug dazu bei.

Lust wird zu dieser Zeit zwar nicht mehr verteufelt, aber in der bürgerlich-aufklärerischen Moral auch nicht als von Konventionen frei gedacht. Das Schicksal, das Gretchen in Johann Wolfgang von Goethes Faust (1. Teil 1808) erleidet, belegt dies ebenso wie der Skandal, der durch Friedrich Schlegels als sehr freizügig empfundenen Roman Lucinde (1799) ausgelöst wurde. Der Utilitarist Jeremy Bentham entwickelt ein „hedonistisches Kalkül”, das es erlauben soll, die jeweiligen Lustempfindungen nach bestimmten Kriterien zu beurteilen, zu bewerten und dementsprechend die Höchstbewertete auszuwählen.

In Søren Kierkegaards Werk Entweder – Oder (1843) stellt das an der hedonistischen Ethik orientierte Stadium des Ästhetischen als das niedrigste der vier zu durchlebenden ethischen Lebensstadien dar. Ludwig Feuerbach entwickelte in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Form des sensualistischen Materialismus, der auch hedonistische Elemente enthält.

In der psychoanalytischen Lehre Sigmund Freuds ist das Lustprinzip die Handlungsmaxime des Es, während das Ich vom Realitätsprinzip und das Über-Ich vom Moralitätsprinzip geleitet werden. Durch die Einsichten der Psychoanalyse gewinnt der Körper und damit auch das Thema Lust in der Philosophie des 20. Jahrhunderts wieder an Gestalt, z. B. bei Pierre Klossowski oder im Obszönen Werk Georges Batailles, das erotische Ausschweifungen aller Art beschreibt und ein Bindeglied zum Poststrukturalismus darstellt. Michel Foucault arbeitete in seinen letzten Lebensjahren an Werken, die sich mit dem Konzept der Lust und der Sexualethik in der Antike und der Moderne beschäftigen.

Wichtig ist das Thema „Lust” auch in den Schriften des Poststrukturalismus, besonders bei Gilles Deleuze und Félix Guattari, da es eng an das Prinzip des Begehrens (französisch désir) gekoppelt ist. Sie berufen sich dabei u. a. auf die Philosophie Friedrich Nietzsches, die das Lebensprinzip des Dionysischen, das Exzessive und Rauschhafte der Existenz als Lebensziel betont und damit näher an den menschlichen Urgrund zu reichen versucht als die stoische Ausgeglichenheit des Apollinischen: „Alle Lust will Ewigkeit –, will tiefe, tiefe Ewigkeit!”. Mit der Behauptung, die dionysische Lust sei als Heilmittel gegen das die Entfremdung vorantreibende principium individuationis geeignet, da sie im Rausch die Grenzen zwischen den Einzelnen überschreite und lustvoll alle Abgrenzungen und Blockaden einer menschenfeindlichen künstlichen Kultur überwinde, denkt Nietzsche bereits Charakteristika des Freud’schen Lustprinzips vor.

In der Studenten- und Protestbewegung der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde der kritisierten kapitalistischen Leistungsgesellschaft das Modell einer lustfreundlichen Moral entgegengesetzt, die die „wahren Bedürfnisse” (Herbert Marcuse) der „psychisch unterdrückten” Individuen befreien und diese im Sinne einer „sexuellen Revolution” von ihren Neurosen und Verklemmungen befreien soll. Marcuse thematisiert in seinen Schriften häufig das Thema der Lust im Zusammenhang des alltäglichen Lebens, er hatte bereits in den dreißiger Jahren mit dem wegweisenden Aufsatz Zur Kritik des Hedonismus (1938), der auf die antike Ethik zurückgreift und die Bedeutung der Lust für eine soziale und kulturelle Revolution prüft, über die mögliche progressive, aber auch repressive Gestaltung des Lustprinzips geschrieben.

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