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Rationalismus (Architektur)

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Tony Garnier: Krankenhaus Édouard HerriotTony Garnier: Krankenhaus Édouard Herriot

Rationalismus (Architektur), internationale Architekturbewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Der Rationalismus ging von der theoretischen Überzeugung aus, dass die Architektur zwangsläufig von den geistigen, gesellschaftlichen und technischen Voraussetzungen zu ihrer logischen Form finde und dass das Entwerfen somit kein individueller Akt mehr sein könne, sondern eine gesellschaftliche und ethische Verpflichtung sei. Als Vorbild und Grundlage dieser Anschauung diente ihm Vitruvs Schrift De architectura, in der die Architektur, da durch die Vernunft erkennbar, als eine Wissenschaft beschrieben wird (siehe Architekturtheorie).

Mit dem Rationalismus bildete sich in den zwanziger Jahren ein einheitlicher Stil heraus, dessen Formensprache annähernd dem Internationalen Stil entsprach und der wie dieser die Materialien Stahl, Glas und Beton bevorzugte. Durch die formale Reduktion des Baukörpers auf Grundriss und Umriss sowie die Verwendung planer Oberflächen fand der Rationalismus zu einem neuen Raumbewusstsein. Er strebte eine Standardisierung und Normierung des Wohnens insbesondere beim Siedlungs- und Mietwohnungsbau an, aber auch eine freie, flexible Raumaufteilung, um dem Anspruch nach differenzierten Wohnformen gerecht zu werden. Der rationell produzierbare Skelettbau ermöglichte beide Entwicklungen.

Zu den frühesten Werken im Stil des Rationalimus zählen das Wohnhaus an der Rue Franklin (1903) in Paris von August Perret, die Turbinenfabrik der AEG Berlin (1908) von Peter Behrens, das Haus Steiner (1910) von Adolf Loos sowie das städtebauliche Projekt einer Cité industrielle (1901-1904) von Tony Garnier. Die Stadtutopien des Futuristen Antonio Sant’Elia wie La Città Nuova und Mario Chiattones Projekt Bauten für eine moderne Stadt, beide von 1914, übten einen großen Einfluss auf die späteren städtebaulichen Entwürfe Le Corbusiers aus.

Zur zweiten Generation des Rationalismus zählt eine Reihe bedeutender Architekten. Walter Gropius konzipierte 1911 gemeinsam mit Adolf Meyer die Faguswerke in Alfels an der Leine und 1925 das Bauhaus in Dessau. Von Le Corbusier stammen einerseits ganz auf Funktionsteilung beruhende, städtebauliche Idealentwürfe wie die Ville contemporaine (1922) und der Plan voisin de Paris (1925), andererseits Werke des „klassischen” Rationalismus wie das Maison Stein (1929) in Garches. Ludwig Mies van der Rohe entwarf Hochhäuser (Hochhaus aus Glas, 1921), Großsiedlungen wie die Siemensstadt in Berlin (1930) und sein Landhaus (1923), dessen Grundriss auf Gestaltungsprinzipien der niederländischen Kunstbewegung De Stijl beruhte. Jacobus Johannes Pieter Ouds schuf in den zwanziger Jahren Wohnkomplexe und Siedlungen in den Niederlanden. In der Gruppo 7 fanden seit 1926 auch italienische Architekten zum Rationalismus. Weitere wichtige Ereignisse in der Geschichte des Rationalismus waren 1927 der Bau der Stuttgarter Weißenhofsiedlung und 1928 die Gründung der CIAM.

Nach dem 2. Weltkrieg entstanden weiterhin Bauten, die dem Rationalismus zuzurechnen sind wie z. B. die Neue Nationalgalerie in Berlin von Ludwig Mies van der Rohe. Jedoch kann man nicht mehr von einer Architekturbewegung sprechen, sondern von einer rationalistischen Tradition, die von einzelnen Architekten wieder aufgegriffen wurde.

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