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T. C. Boyle

Enzyklopädieartikel
Artikelgliederung
1

Einleitung

T. C. Boyle (*1948), amerikanischer Schriftsteller. Er gehört zu den herausragenden Vertretern der Postmoderne innerhalb der amerikanischen Literatur. Seine Werke bestechen durch ihre Sozialkritik ebenso wie durch ihre sprachliche Perfektion.

Thomas Coraghessan Boyle (eigentlich Thomas John Boyle) wurde am 2. Dezember 1948 als Sohn eines Busfahrers und einer Sekretärin in Peekskill (Bundesstaat New York) geboren. Er wuchs in ungesicherten Verhältnissen auf; seine Eltern starben beide früh an ihrer Alkoholsucht. Trotz schulischer Probleme gelang es Boyle, die Lakeland High School sowie ein Collegestudium mit dem Hauptfach Musik an der Dependance der State University New York in Potsdam abzuschließen. Als Erwachsener legte er sich den von seinen irischen Vorfahren entlehnten zweiten Vornamen Coraghessan zu. Um einer Einberufung zum Militärdienst während des Vietnamkrieges zu entgehen, nahm Boyle eine Lehrerstelle an seiner ehemaligen High School an. Die hier zu Tage tretende Gewalt unter Schülern und der offenkundige Drogenkonsum belasteten ihn psychisch so stark, dass er den Schülern gegenüber selbst gewalttätig wurde („I had to throw them against the wall, get physical”) und mit Heroin experimentierte. Es folgte eine exzessive Phase, in der Boyle in Garagen lebte, lautstark gegen den Vietnamkrieg protestierte und in psychiatrischer Behandlung war.

Nachdem er am College im Rahmen eines Seminars für Creative Writing begonnen hatte, sich für Literatur zu begeistern, verfasste er mit The OD & Hepatitis RR or Bust seine erste, 1972 in der North American Review publizierte Kurzgeschichte. Sie ermöglichte ihm die Teilname an dem renommierten Writers Workshop der Iowa State University – Lehrer waren u. a. Raymond Carver und John Irving. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Boyle zu dieser Zeit als Barmann. 1975 schloss er sein Anglistik-Studium mit einer Arbeit über die englische Literatur des 19. Jahrhunderts mit der Bestnote summa cum laude ab. 1979 erschien mit Descent of Man (Tod durch Ertrinken) eine Sammlung von satirisch-absurden Erzählungen, die der Autor zwei Jahre zuvor erfolgreich als Doktorarbeit eingereicht hatte. Es folgte Greasy Lake (1985; Greasy Lake und andere Geschichten). Kurz arbeitete Boyle als Literaturredakteur der Iowa Review, erhielt aber bald einen Lehrauftrag für Creative Writing an der University of South California in Los Angeles, wo er später eine Festanstellung erhielt.

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Werk

Beeinflusst wurde Boyle vom teils mythisch überhöhten Realismus der englischen und amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts, namentlich von Charles Dickens und Herman Melville, aber auch von epischen Erzählern wie Gabriel García Márquez oder Vertretern des postmodernen Schreibens wie John Barth, Thomas Pynchon und Donald Barthelme. Dabei sind ein Sinn für groteske Gestalten und Situationen sowie für schwarzen Humor charakteristisch. Anfang der achtziger Jahre veröffentlichte Boyle zwei Romane, Water Music (1981; Wassermusik) über das Leben und die Reisen des britischen Afrikaforschers Mungo Park und Budding Prospects (1984; Grün ist die Hoffnung. Eine Pastorale), der im Milieu der Hippie-Bewegung angesiedelt ist.

Bekannt wurde Boyle vor allem durch World’s End (1987) und East Is East (1990; Der Samurai von Savannah), die seinen internationalen Ruf als sprachgewaltiger postmoderner Erzähler endgültig festigten. World’s End ist ein skurriles Geschichtspanoptikum, das – nicht zuletzt unter Verweis auf James Fenimore Coopers Lederstrumpfepos Der letzte Mohikaner (1826) – vorwiegend von den letzten Vertretern aussterbender Familiengeschlechter und deren Historie erzählt: Im Grunde spielt der Roman somit im Zwischen- oder Totenreich, wo sich die Helden und die Ahnen wieder treffen. Deshalb fährt Boyles Protagonist nach Alaska, ans „fernste, abgefrorenste Ende der Welt”, wo sein Vater leben soll, auf der Suche nach der Vergangenheit: eine Reise auch ans Ende der Zeit also, wo „die Toten aus den Gräbern steigen” und die Nachgeborenen lebendig begraben sind. So entsteht eine „Großaufnahme Amerikas am Ende des Jahrhunderts” (Boyle): ein apokalyptischer Totentanz, der sich 300 Jahre historischer Entwicklung mühelos einverleibt. Kritisiert werden mithin weißer Kolonialismus, ökologischer Raubbau und der Ausverkauf des American Dream. Für World’s End erhielt Boyle den PEN/Faulkner-Preis.

East Is East erzählt die Geschichte des japanischen Matrosen Hiro Tanaka, der sich, mit einem Samurai-Lehrbuch ausgestattet, in den USA auf die Suche nach seinem unbekannten Vater macht – und dort nur auf Menschenverachtung und Fremdenhass stößt. Interessant ist der Roman vor allem durch seine verfremdende Schilderung amerikanischer Verhältnisse aus der Sicht eines Fremden. Weitere Werke Boyles sind The Road to Wellville (1993; Willkommen in Wellville) über den Cornflakesfabrikanten John Harvey Kellogg, die wenig überzeugende Erzählsammlung Without a Hero (1995; Fleischeslust), der Einwandererroman The Tortilla Curtain (1996; América), Riven Rock (1998; Riven Rock), der pessimistische Ökothriller A Friend of the Earth (2001; Ein Freund der Erde) und der Kurzgeschichtenband After the Plague (2001; Schluß mit cool). In dem tragikomischen Abenteuerroman Drop City (2003; Drop City) schildert Boyle das Scheitern der Hippie-Generation zu Beginn der siebziger Jahre. Der Roman The Inner Circle (2004; Dr. Sex) zeichnet ein faszinierend vielschichtiges Porträt des berühmten amerikanischen Sexualwissenschaftlers Alfred C. Kinsey, der im prüden Amerika der vierziger und fünfziger Jahre mit seinen Büchern zu tabuisierten Themen für Skandale gesorgt hatte. Der konsumkritische Thriller Talk Talk (2006; Talk Talk) behandelt das Schicksal einer jungen gehörlosen Frau, die das Opfer eines Betrügers wird und um ihre Identität kämpft.

Einige von Boyles Bücher wurden verfilmt, so The Road to Wellville (1994; Willkommen in Wellville, Regie Alan Parker, mit Anthony Hopkins und Bridget Fonda) und Budding Prospects (1999; Grün ist die Hoffnung).

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