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bild der wissenschaft: Wie sturmfest ist Deutschland?

Nachdem im Dezember 1999 mehrere Orkane über Mitteleuropa fegten, stellt sich die Frage, ob Häufigkeit und Intensität von heftigen Stürmen zunehmen könnten. Klaus Jacob berichtet in bild der wissenschaft (9/2000) über die möglichen Auswirkungen weiterer Orkane in Deutschland, die von den meisten Experten für überschaubar gehalten werden. Hier folgt ein Auszug des Artikels.

bild der wissenschaft: Wie sturmfest ist Deutschland?

Beim Weihnachtssturm Lothar mit seinen extremen Windgeschwindigkeiten fielen zwar unzählige Bäume um, doch „die Bauwerke haben wunderbar standgehalten”, meint Prof. Hans-Jürgen Niemann von der Ruhr-Universität Bochum. Der Windexperte leitet den DIN-Ausschuß, der die anzusetzenden Windlasten für die verschiedenen Regionen Deutschlands festlegt. Niemann sieht keinen Grund, die Vorschriften zu verschärfen. Die deutschen Normen gelten als streng: Jedes Gebäude muß so konstruiert sein, daß es einen Sturm, wie er nur alle 50 Jahre vorkommt, problemlos verkraftet und dabei noch alle seine Sicherheitsreserven behält. Erst ein Jahrtausend-Orkan darf es an die Grenze der Belastbarkeit bringen.

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Inzwischen haben Experten gelernt, diese Gefahr zu meistern. „Statiker führen bei jeder Brücke einen Sicherheitsnachweis gegen solche Flatterschwingungen”, versichert Niemann. Andere Schwachstellen wurden aber schlicht übersehen: So stürzte Mitte der neunziger Jahre im ostdeutschen Braunkohlerevier der weltweit größte Kran um, weil einige Zugstangen im Sturm heftig ins Schwingen gerieten. Und in England gingen 1965 drei Kühltürme in die Knie, obwohl die Statiker scheinbar korrekt gerechnet hatten. Die Havaristen hatten im Windschatten vier weiterer Türme gestanden, von denen sich periodisch Wirbel ablösten und – ähnlich wie bei einer akustischen Rückkopplung – die Schwingungen verstärkten.

Ein Sturm, der mit konstanter Kraft gegen ein Gebäude drückt, ist längst nicht so tückisch wie die Wechsellasten von Böen, die jeder Sturm ausbrütet. In den oberen Etagen von Wolkenkratzern kann man die Dynamik des Windes am eigenen Leib spüren: Die Gebäudespitzen schwanken wie Grashalme hin und her, meist nur um wenige Zentimeter, manchmal aber so heftig, daß die Bewohner seekrank werden. Im New Yorker Citicorp Center, einem 1970 gebauten 279-Meter-Riesen, waren die Pendelausschläge so stark, daß Ingenieure helfen mußten. Sie plazierten kurzerhand einen 400-Tonnen-Betonblock im 59. Stock, der bei Sturm auf einer geölten Bahn hin- und hergleitet – und damit der Gebäudeschwingung entgegenwirkt. Japaner haben eine raffiniertere Lösung ausgetüftelt: Auf mehreren Wolkenkratzern stehen große Behälter, in denen Wasser mit kalkulierter Frequenz schwappt und die lästige Pendelei dämpft.

In Deutschland sind solche technischen Finessen nicht nötig, da fast alle Wolkenkratzer in wuchtiger Stahlbetonbauweise errichtet sind und deshalb kaum schwanken – und schon gar nicht umfallen. „Da ist eine wahnsinnige Sicherheit eingerechnet”, sagt Prof. Gert König von der Universität Leipzig, der in Deutschland als Hochhauspapst gilt: „Umwerfen ist praktisch unmöglich.” Trotz aller Vorschriften gibt es eine Sicherheitslücke: die zahllosen Strommasten. Für diese filigranen Stahltürme, auf denen Menschen nichts verloren haben, gelten relativ lasche Vorschriften. „Das ist eine Frage der Kostenoptimierung”, meint Niemann. Stromfirmen sparen an der unsoliden Bauweise und nehmen dafür in Kauf, daß im Orkan die eine oder andere Stütze kippt. Bei dem engmaschigen Netz von Überlandleitungen, so ihre Überlegung, geht schon nirgendwo das Licht aus. Doch in Frankreich zeigte Lothar die Grenzen dieser Philosophie. Die Verwüstungen waren zu groß, um eine flächendeckende Stromversorgung zu gewährleisten. Monopolist Electricité de France kommt das Desaster teuer zu stehen: Die Gesellschaft muß mehr als das Doppelte ihres letzten Nettojahresgewinns für Reparaturen aufwenden – rund fünf Milliarden Mark –, ganz zu schweigen vom Vertrauensverlust der Kunden, die wochenlang ohne Strom blieben.

Auch Seilbahnen und Baukräne sind nicht sturmfest und müssen deshalb bei hohen Windstärken ihren Betrieb einstellen. Die Kräne drehen sich dann wie Wetterfahnen in den Wind und bieten den Elementen kaum Angriffsfläche. Je früher und zuverlässiger eine Sturmwarnung kommt, desto besser können sich die Betreiber wappnen. Auch Freizeitkapitäne, die auf ihren weißen Jachten über Binnenseen oder das offene Meer schippern, sind auf die Meteorologen angewiesen. Doch ausgerechnet beim giftigen Lothar patzten die Wetterfrösche. Dr. Gerhard Adrian, Leiter der Abteilung „Forschung und Entwicklung” beim Deutschen Wetterdienst (DWD), spricht von der schlimmsten Fehlvorhersage innerhalb einer ganzen Pannenserie. Die Supercomputer machten den Orkan nicht einmal aus, als er schon das französische Festland erreicht hatte. Auch in anderen Ländern klappte die Wetterrechnerei nicht so recht. Nur die französischen Meteorologen kamen zu korrekten Vorhersagen, doch „sie trauten ihren eigenen Resultaten nicht”, erinnert sich Adrian. Die falschen Ergebnisse ihrer Kollegen veranlaßten sie, ihre Warnungen zu entschärfen und zu geringe Windstärken anzugeben. Dabei hätte eine bessere Vorhersage Menschenleben retten können: Zwei Urlauber im Walliser Kurort Crans-Montana stürzten mit einer Seilbahn-Gondel in den Tod, weil die Betreiber den morgendlichen Wetterbericht nicht bedrohlich fanden.

Daß sich der Orkan explosionsartig vor der französischen Küste entwickelt hatte, ist nur einer der Gründe für die Panne. Vor allem hatte das neue Simulationsmodell, vom DWD für 70 Millionen Mark installiert, den Experten einen Streich gespielt. Die Meteorologen hatten die räumliche Auflösung erhöht, ohne die zeitliche zu verändern. Inzwischen hat der Wetterdienst das Datenfenster halbiert. Obwohl dabei einige Meßwerte verlorengehen, sind die Ergebnisse zuverlässiger. „Das Problem scheint gelöst”, meint Adrian. Er hatte die beiden Rechenmethoden zunächst drei Monate lang parallel laufen lassen und Anfang Mai endgültig umgestellt. Die meisten Schäden lassen sich freilich selbst mit der besten Vorhersage nicht vermeiden. „Dächer kann man nicht festbinden”, sagt lakonisch Hans-Dieter Krüger, Geschäftsführer des Dachdeckerverbands Baden-Württemberg. Allein in diesem Bundesland gingen bei der Gebäudeversicherung nach Lothar rund 200 000 Schadensmeldungen ein, die Kosten von 800 Millionen Mark verursachten. Meist hatten sich einzelne Ziegel gelöst, manchmal hatte Lothar ganze Dächer abgedeckt.

Dachziegel, die nur lose auf den Sparren liegen, gehören zu den Schwachstellen von Bauwerken – ein Sturm reißt sie leicht herunter. Dachdecker sorgen schon seit Anfang der neunziger Jahre vor: In ausgewiesenen Sturmregionen verschrauben, vernageln oder verklammern sie bei Neubauten die exponierten Ziegel. Das soll die empfindlichen Dachränder und Firste schützen, wo sich häufig aggressive Wirbel bilden. Im Oktober 1999 hatten Handwerker den Kirchturm von Illingen bei Stuttgart windfest saniert, ein Gebäude, das bislang bei keinem Sturm ungeschoren blieb. Lothar, der zwei Monate später kam, hat „keinen einzigen Ziegel verrückt”, freut sich Obermeister Hartmut Berner von der Stuttgarter Innung. Um am eigenen Haus keine bösen Überraschungen zu erleben, rät Berner, das Dach alle zwei Jahre von einem Experten kontrollieren zu lassen. Alle 10 bis 15 Jahre solle der vermörtelte First erneuert werden, denn im Mörtel bildeten sich durch Wind und Wetter Risse. Eine Rundum-Sorglos-Garantie bietet die Vorsorge allerdings nicht: Ein heftiger Orkan wie Lothar, meint Berner, kann einzelne Ziegel mitten aus dem Dachverband hebeln. Gegen solche Attacken gibt es keinen Schutz. [...]

Meteorologe Berz von der Münchener Rückversicherung gehört zu den Warnern: Wegen der zunehmenden Erwärmung, meint er, stecke mehr Energie in der Atmosphäre, so daß die Sturmgefahr wachse. Freilich, so ganz unbefangen ist er nicht: Die Assekuranz würde von einer guten Vorsorge profitieren.

Klimaexperte Volker Vent-Schmidt vom Deutschen Wetterdienst ist denn auch anderer Meinung: Er sieht weder einen „signifikanten Trend” noch einen Zusammenhang mit dem Treibhauseffekt. Zwar komme der Frühling in Deutschland inzwischen früher, aber die Stürme lägen „noch im Rahmen natürlicher Schwankungen. Und selbst wenn die Winde in den nächsten zehn Jahren an Kraft zulegen, kann sich der Trend danach wieder umkehren.” Denn der Wind speist seine Energie vor allem aus dem Meer und dessen Strömungen. Und in den Ozeanen geht es bekanntlich gemächlich zu, mit Zyklen, die viele Jahre dauern. Auch der Blick zurück in die Erdgeschichte scheint zu beruhigen: Bohrkerne aus dem grönländischen Eis belegen offenbar, daß es in den letzten 200 000 Jahren bei warmen Phasen in der Atmosphäre meist gelassen zuging, während Stürme vor allem in den Eiszeiten wüteten. Die Treibhausglocke, die sich immer dichter um die Erde legt, könnte demnach die Elemente zähmen.

Mit freundlicher Genehmigung von: bild der wissenschaft, 2000, H. 9.

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