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Am 6. Oktober 1889 erreichten der deutsche Geograph Hans Meyer und der österreichische Alpinist Ludwig Purtscheller den Gipfel des Kilimanjaro. In seinem Werk Die Erstbesteigung des Kilimandscharo beschrieb Meyer das gesamte Unternehmen bis hin zu dem erhebenden Moment, als erster Mensch auf dem höchsten Berg Afrikas zu stehen.
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Gegen Sonnenaufgang befanden wir uns bereits in der Höhe der Zunge des „Ratzelgletschers” (5360 m) und erwarteten in seiner eisigen Nähe, mit frostzitternden Gliedern fest aneinander geschmiegt, den erwärmenden Aufgang des Tagesgestirns. Hinter des Mawensi finsterer Zackenwand hob sich kurz nach 6 Uhr der strahlende Sonnenball empor. Bald nachher waren wir am Fußpunkt unserer Eismauer vom 3. Oktober. Die damals gehauenen Stufen bedurften zu unserer freudigen Überraschung nur geringer Nachbesserung, um wieder brauchbar zu werden, sodass wir, nunmehr mit den Örtlichkeiten bekannt, bei aller Vorsicht ziemlich rasch über die gefährlichen unteren Wände und die folgenden Klüfte hinwegkamen. Vor 8 Uhr überkletterten wir schon die große Spalte in 5720 m. Wir waren beide der frohesten Zuversicht. „Heute geht’s”, „Wir kommen heute hinauf”, riefen wir uns gegenseitig fröhlich zu. Langsam, aber stetig kamen wir weiter. Obwohl die Luftbeschaffenheit und die Körperanstrengung die nämlichen waren wie bei der ersten Besteigung, fühlten wir doch viel weniger Beschwerden, weil unser moralischer Zustand sehr viel besser war.
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Um ¾9 Uhr beschritten wir den obersten Kraterrand an der Stelle unserer damaligen Umkehr in 5879 m Höhe; unverschleiert lag wieder der Krater zu unseren Füßen. Aber ohne langes Zaudern wanderten wir nun in Südwestrichtung auf dem dorthin leicht ansteigenden, eisbedeckten Rand des Ringwalles weiter, den Felsspitzen der südlichen Kraterwand zu, die dort über das Niveau der anderen Seiten emporragen.
Schon im September, als wir jenseits Taweta den Kilimandscharo zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hatten, war mir ein dunkler Fels an der Südseite des oberen Bergrandes als der wahrscheinlich höchste Punkt des Kibo aufgefallen. Beim Näherkommen hatten wir denselben hinter der davor liegenden Wölbung des Eismantels verschwinden sehen und erst als wir den Kraterrand selbst betraten, war er wieder zum Vorschein gekommen.
Anderthalb Stunden Steigens durch sonnenerweichten Firn und zerfressenes Eis führte uns an einer seltsam abgebrochenen, 6 m hohen Eismauer vorbei zu dem Fußpunkt der drei höchsten, aus losen Trümmern bestehenden Felsspitzen, welche wir nun in beschaulicher Ruhe und der Reihe nach erklommen, um nach Ablesung unserer Aneroide feststellen zu können, dass die mittelste mit rund 6000 m die anderen um 10–15 m überragt. Spätere Berechnungen bestätigten diese Maße. Um ½11 Uhr betrat ich als Erster die Mittelspitze. Ich pflanzte auf dem verwitterten Lavagipfel mit dreimaligem, von Herrn Purtscheller kräftig sekundiertem „Hurra” eine kleine, im Rucksack mitgetragene deutsche Fahne auf und rief frohlockend: „Mit dem Recht des ersten Ersteigers taufe ich diese bisher unbekannte, namenlose Spitze des Kibo, den höchsten Punkt afrikanischer und deutscher Erde: ,Kaiser-Wilhelm-Spitze’.”
Hans Meyer: Die Erstbesteigung des Kilimandscharo. Stuttgart 2001, S. 150f.
Erscheint in:
Purtscheller, Ludwig; Meyer, Hans; Kilimanjaro
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