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Seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts engagierte sich Alfred H. Fried mit einer Fülle von Publikationen und als Initiator von nationalen wie internationalen Veranstaltungen und Organisationen in der pazifistischen Bewegung. In seinem grundlegenden Werk Handbuch der Friedensbewegung, das 1905 erschien, befasste er sich zunächst einmal mit der Definition des Begriffs „Frieden”.
Auch d a s W o r t F r i e d e i m G e g e n s a t z z u m K r i e g d e c k t z w e i v e r s c h i e d e n e B e g r i f f e, die zwei getrennte Weltanschauungen widerspiegeln: den Begriff des Friedens im Sinne der militaristischen Welt und den Begriff der pazifistischen Anschauung.
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Im militaristischen Sinne bedeutet Friede einen Zustand der W a f f e n r u h e zwischen zwei Kriegen. Er bedeutet die Ausnahme von der Regel, die diesem Sinne nach der Krieg bildet. Der Friede ist hier also eine Epoche, in der Waffen für kürzere oder längere Zeit schweigen, ohne dass man einen Augenblick vergessen kann, dass in einer früheren oder späteren Zukunft die Kanonen und Bajonette berufen sein werden, irgend einen internationalen Zwiespalt zu entscheiden.
In den letzten Jahren hat sich jedoch innerhalb dieser militaristischen Anschauungen vom Kriege ein eigentümlicher Z w i e s p a l t entwickelt, der die Vorbereitung zu einer vielverheissenden Wendung zu sein scheint. Es treten innerhalb dieser Anschauungen zwei Richtungen hervor, die eigentlich einander aufheben. Die eine Richtung betrachtet den Krieg als etwas Heiliges und die Menschheit Beglückendes, als ein „Element der göttlichen Weltordnung”. Sie kann sich nicht genug darin tun, den Krieg als den Erhalter des Menschengeschlechts, den Erzeuger alles Grossen und Edlen, den Beleber von Handel und Wandel, von Kunst und Wissenschaft zu preisen. Die andere militaristische Richtung sieht den Krieg jedoch als ein Unglück an, das unter allen Umständen und, soweit es nur angängig ist, vermieden werden muss. Wir hören gerade von militärischer Seite alltäglich bei jeder sich nur darbietenden offiziellen Gelegenheit, nicht nur in Deutschland, auch in allen andern europäischen Militärländern, das Lob des Friedens preisen. Es gibt keine Gelegenheit, bei der die Regierenden nicht ihre Sorge um die Erhaltung des Friedens betonen; bei der sie nicht mit freudiger Genugtuung jeden Schritt, der dazu dienen könnte, einen Krieg vermeidbar zu machen, triumphierend verkünden. Ja, dieser ganze ungeheure Kriegsapparat selbst, die ganze Institution der Armee, wird in allen Ländern mit dem Hinweis auf die Friedensliebe, mit dem dringenden Wunsch, den Krieg zu verhüten, begründet. (…)
Die Militaristen, die auf der einen Seite noch immer den Krieg als etwas Gutes betrachten zu müssen glauben, bezweifeln bereits auf der andern Seite die regenerierende Kraft des Krieges, da sie ihn ja zu verhüten suchen. Sie finden einen Ausweg aus diesem Dilemma lediglich in ihrer Theorie, dass d e r K r i e g w i e e i n N a t u r e r e i g n i s unvermeidbar sei, und dass man nur dahin trachten könne, ihn solange als möglich hintan zu halten. Sie werden ferner von der, wie nachgewiesen, irrigen Anschauung geleitet, als sei der Krieg die einzige Kampfform zwischen souveränen Staaten, und könnten Streitigkeiten ernsterer Natur auf keinem anderen Wege gelöst werden als durch physische Gewalt.
Aus dieser Anschauung über das Wesen des Krieges ergibt sich der grundlegende Unterschied zwischen dem durch das gleiche Wort „Frieden” gedeckten militaristischen und pazifistischen Friedensbegriff.
Die militaristische Weltanschauung betrachtet den Frieden als einen Zeitraum, in welchem ernstere Konflikte zwischen den Staaten gerade nicht gewaltsam zu lösen sind. Ihr Friedensstreben geht nur dahin, solche Konflikte möglichst zu vermeiden, oder deren Lösung möglichst hinauszuschieben, sie jedoch in latentem Zustande zu belassen.
D e r p a z i f i s t i s c h e F r i e d e n s b e g r i f f will hingegen das Zusammenleben der Kulturvölker auf Grund der gemeinsamen Interessen und durch vernünftige Gegenseitigkeit organisieren, alle dennoch auftauchenden Streitigkeiten durch Rechtsnormen geregelt und durch darauf begründete Entscheidungen eines Völkertribunals gelöst wissen; er will die gewaltsame Entscheidung aus den Beziehungen der Völker ebenso ausscheiden, wie sie im Inneren des staatlichen Lebens bereits ausgeschieden ist, und erstrebt ein freies Vertragsverhältnis der Staaten untereinander. Man sieht, der Friede der Pazifisten ist im wesentlichen ein ganz anderer, als der „Friede” der Militaristen, und es ist unrichtig, zu behaupten, dass beide Teile das gleiche Ziel erstreben und nur in den Mitteln, mit denen es erreicht werden soll, auseinandergehen. Im gewissen Sinne ist eine Kongruenz der Absichten wohl vorhanden, nämlich das Streben zur Vermeidung des Krieges; hier unterscheiden sich aber die beiden Weltanschauungen durch die Mittel, die sie empfehlen. Die Ziele beider, der e r h a l t e n e W a f f e n s t i l l s t a n d und der g e s i c h e r t e i n t e r n a t i o n a l e R e c h t s z u s t a n d, sind weit verschieden. Die Verwechslung ist nur durch die Gleichheit der die beiden Ziele bezeichnenden Wörter und durch die äussere Aehnlichkeit des Effekts von Waffenstillstand und Rechtsfrieden möglich.
So leben wir also jetzt im Sinne der Friedensbewegung nicht im Frieden, denn wir befinden uns noch immer in einem Zustand, in dem es an einer festgefügten, internationalen Rechtsgrundlage mangelt und der Krieg als endgültige Entscheidung staatlicher Streitigkeiten noch in Betracht kommt. lm Sinne der militaristischen Auffassung dagegen leben wir im Frieden, d. h. in einem Zustande, in welchem gerade keiner der bestehenden Streitpunkte so weit entwickelt ist, dass er durch einen Krieg gelöst werden muss. In der Tat werden wir aber erst wirklich im Frieden leben, wenn das gesetzte Recht als Grundprinzip im internationalen Verkehr gelten und der Krieg als Rechtsmittel im Staatenverkehr ebenso zur äusserst seltenen Ausnahme geworden sein wird, wie die Gewalt im Verkehr der Bürger eines Staates untereinander, oder im Verkehr der einzelnen Staaten eines Staatenbundes.
Alfred H. Fried: Handbuch der Friedensbewegung. Wien und Leipzig 1905, S. 14-15 und S. 17-18.
Erscheint in:
Frieden; Fried, Alfred Hermann
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