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Heinrich Christian Boie: Briefe aus Berlin 1769/70

Der deutsche Schriftsteller Heinrich Christian Boie gehörte zu den Mitbegründern des Göttinger Hains, einer Gruppe junger Dichter, die in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts einen wichtigen Beitrag zur literarischen Strömung des Sturm und Drang leistete. Er trat vor allem als Herausgeber der Zeitschriften Göttinger Musenalmanach und Deutsches Museum hervor. In dem ausgewählten Briefausschnitt berichtet Boie seiner Schwester von einem Besuch bei Friedrich Nicolai in Berlin.

Heinrich Christian Boie: Briefe aus Berlin 1769/70

Du hast sehr recht, beste Schwester, daß Du Dir vornimmst nur wenig zu lesen. Gelehrt ist nicht der liebenswürdigste Titel eines Frauenzimmers; ohne Geschmack und Kenntniß wird sie bei vernünftigen Männern wenig Eindruck machen, aber eben die wollen nicht zu viel Belesenheit bei einem Mädchen wissen. Unvernünftige um sich zu rächen, daß sie zu viel versteht, sprechen ihr die dem Frauenzimmer nöthigen Kenntnisse deste mehr ab, je mehr sie von den angenehmen besitzt. – Von unsern Schlittenfahrten, die wir hier beinahe vier Wochen gehabt haben, habe ich noch kein Wort gesagt. Der Hof hat einigemal des Abends mit Fackeln und Musick und einmal sehr wild gefahren. Der König hat ihnen aber ein Compliment gemacht, daß sie nicht Lust hatten mehr zu fahren. Die angenehmste Fahrt ist nach Charlottenburg, wohin eine grade, beinahe eine Meile lange, Allee vom Schloß ab führt. – Von den Berlinischen Frauenzimmern kann ich nicht viel sagen. Ich bin durch meine Lage gehindert, des Abends oft in Gesellschaft zu sein und da sieht man sie nur. Mit zwölf sehr angenehmen und zum Theil sehr hübschen Damen war ich am Sonntage in Gesellschaft bei Herrn Nicolai und wir hatten einen sehr vergnügten Abend. Es wurde gespielt, aber nachläßig und ohne ein mürrisches denkendes Gesicht dabei zu machen. Bei Tisch ward erzählt gelacht und gesungen. Wenn alle vermischten Gesellschaften hier so angenehm sind, so halte ich es mit den berlinischen. Man könnte das allenthalben haben, die Freude braucht kein Gold. Aber warum sind die meisten Gesellschaften so schwerfällig, so wenig unterhaltend? – Es fehlt eine Kleinigkeit – Geist. Spielen wie die Spieler – heißt nicht spielen sondern arbeiten.

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Ich komme auf das Blättchen meiner Schwester Ernestine, über welches ich nicht viel zu sagen haben werde, da fast schon alles beantwortet ist. Ihr Neujahrswunsch ist so, daß ich mir selbst nichts beßeres wünsche. Den Regen, worüber Du Dich beklagst, haben wir hier nicht gehabt, sondern bis zum 16 Januar anhaltend schönes Wetter. Wir pflegten so gerne im Mondschein zu gehen. Wie hätten wir hier gehen können, wo die Straßen so geräumig eben und angenehm sind. Aber es ist hier nicht so sicher des Abends zu gehen als in Flensburg. Ich bin noch nie ohne Degen gegangen. – Was Du sonst von Deinem Bruder wissen willst, meine Liebe, das nimm aus diesen Blättern; sie gehören Dir sowohl als unsern andern Geschwistern. (…)

Heinrich Christian Boie: Briefe aus Berlin 1769/70. Hildesheim 1970, S. 21f.

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Göttinger Hain; Boie, Heinrich Christian

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