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Die Verwendung von Fremdwörtern und Anglizismen ist für manche Menschen Zeichen eines kreativen Sprachgebrauchs. Andere sehen darin vielmehr den Ausverkauf der deutschen Muttersprache. In ihrem 2001 in Encarta Online veröffentlichten Essay Do you speak Denglisch? – das Neudeutsche auf Siegeskurs, ging Claudia Fink verschiedenen Aspekten der Sprachbeeinflussung nach.
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Auch bei Encarta |
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Und was ist, wenn ich nur eine ganz banale Handcreme will? Dann zeige ich, dass ich keine Ahnung vom aktuellen Stand der Kosmetik habe, bzw. oute mich in den Augen der anderen als hoffnungslos veraltete Person. Na gut, was kümmert mich Kosmetik und all der Schnickschnack, wende ich mich den wichtigen Dingen des Lebens zu. Hat mein Computer eine Aufrüstung nicht bitter nötig? Ein neuer Monitor wäre schon fällig mit – wie hießen die Dinger doch gleich – LC-Display? Schon wieder Englisch. Und wenn die Gebrauchsanleitung außer der Überschrift in Deutsch eine Mischung aus Japanisch, Englisch und Computerchinesisch enthält, rufe ich gleich das Call-Center oder die Hotline an. Und am besten lege ich dann gleich mein Englisch-Wörterbuch neben das Telefon.
„Wir sind mehrsprachig in allen Regenbogenfarben des soziokulturellen Spektrums. Unsere Sprachen sind keine Monosysteme. Jede Sprache ist eigentlich ein Konglomerat von Sprachen.”
(Mario Wandruszka, Interlinguistik: Umrisse einer neuen Sprachwissenschaft)
Wo man sich auch hinwendet, ob ins Reisebüro, um den nächsten Flug zu buchen, oder in die nächste Bank, um mal nach seinem Kontostand zu sehen, es werden einem englische Termini um die Ohren gehauen. Nicht mal mehr sterben kann man auf Deutsch. Dann steckt einen nämlich – wie man in der Süddeutschen Zeitung lesen konnte – der „Funeralmaster” in die „peace box”. Friede sei mit ihm. Klagen über die zunehmende Beeinflussung durch fremde Sprachen gibt’s nicht erst seit heute. Schon im 18. Jahrhundert sahen sich Sprachschützer genötigt, gegen die Vormachtstellung der französischen Sprache bei Hofe vorzugehen. Heute sind es zwar eher die Anglizismen, die uns überschütten, aber es zeigt: Die Beeinflussung einer Sprache durch eine andere ist nichts Neues, wenn auch die Beschäftigung damit seit dem 2. Weltkrieg erheblich zugenommen hat. Anglizismen in der Wirtschaftssprache, in der Reklame, im Gegenwartsdeutsch – kaum ein Bereich ist nicht wissenschaftlich untersucht worden. Der Siegeszug des Englischen wurde dadurch keineswegs gebremst und manche Bestrebungen, sich dem entgegenzustellen, wirken schon recht grotesk. Gerade in der DDR war man bemüht, dem Klassenfeind nicht schon sprachliches Terrain zu überlassen. Und so wurde aus dem DJ, den es sehr wohl gab, der Schallplattenunterhalter bzw. der Disco-Sprecher. Ob man bei dieser Unterhaltung dann noch tanzen wollte, sei dahingestellt. Auch konnte man die Cruise Missiles nicht einfach so hinnehmen. Nicht aus pazifistischen Gründen, sondern aus der Bemühung heraus, sich auch von der BRD abzugrenzen wurde daraus eben nicht wie in der Bundesrepublik der Marschflugkörper, sondern die Flügelrakete. Man kann sich schon fast nicht dagegen wehren, bei diesem Begriff an Engel zu denken – aber auch die waren verpönt, wenn auch aus anderen Gründen, und fristeten als Jahresendzeitfigur ein recht tristes Dasein. So ganz konsequent war man dann aber doch nicht, denn den Dispatcher und den Broiler gabs in der Form wohl nur in der DDR. Engländer und Amerikaner würden jedenfalls keine chicken wings vermuten, wenn ihnen jemand einen Broiler anbieten würde.
„Ce qui n’est pas clair n’est pas français, ce qui n’est pas clair est encore anglais, italien, grec ou latin.”
(Rivarol: Discours sur l’universalité de la langue français)
Andere Länder fühlen sich auch bedroht und treiben es sogar noch ärger mit dem Schutz der eigenen Sprache. Frankreich ist hier besonders anfällig. Bildete man sich doch lange Zeit sehr viel ein auf die „clarté et universalité de la langue française”, bis man schließlich mit Entsetzen feststellte, dass man in der überaus starken Regulierungsbemühung im 18. Jahrhundert die Möglichkeit für Neuschöpfungen extrem einschränkte. Da die Fachsprachen aber dennoch Begriffe benötigten, um einen Austausch der Forschung auch weiterhin zu ermöglichen, bediente man sich eben des Englischen, um dann irgendwann die Frage zu stellen: „Parlez-vous Franglais?” Aber es gab auch hier sehr viele Bemühungen, entsprechende französische Begriffe für einen englischen Ausdruck zu finden. So haben sich in Frankreich beispielsweise der „Baladeur” für den Walkman und der „Ordinateur” für den Computer durchgesetzt. Ob es tatsächliche Einsicht oder Zwang war, ist allerdings nicht genau auszumachen. In Frankreich wird nämlich durchaus mit Geldbußen geahndet, wenn eine Firma mit englischen Ausdrücken wirbt. Und auch die staatlichen Rundfunk- und Fernsehprogramme sind gehalten, einen bestimmten Anteil ihrer Sendezeit ausschließlich französischen Produktionen zu widmen, was besonders im Bereich der Musik sehr schwierig ist, denn Britney Spears oder Madonna singen nun mal auf Englisch. In Dänemark hat man auch festgestellt, dass die Anglizismen zunehmen, aber man fühlt sich eigentlich nicht bedroht. Man reagierte allerdings mit der Gründung einer besonderen Institution. Bei Zweifeln in Sprachfragen, insbesondere der Orthographie, kann man einfach den telefonischen Antwortdienst anrufen und erhält dann Hilfe.
Natürlich gibt es auch in Deutschland Institutionen, die sich mit Sprache beschäftigen, an prominenter Stelle ist sicher die Dudenredaktion zu nennen, auch wenn sie schon längst nicht mehr allein maßgeblich in Sachen Rechtschreibung ist und selbst einige Anglizismen in ihren Kanon aufgenommen hat. Natürlich steht hier der ewige Konflikt zwischen einer normativen oder deskriptiven Sprachregelung im Hintergrund. Will man vorschreiben, was guter Gebrauch ist oder will man einfach beschreiben, was tatsächlich gebraucht wird – und dann muss man eben einige Anglizismen aufnehmen. Auch der Verein Deutsche Sprache sorgt sich um den Fortbestand derselben (http://vds-ev.de/index.php) und krönt jedes Jahr den Sprachpanscher des Jahres wegen besonders misslungener Wortschöpfungen. Im Jahr 2001 wurde der Chef des Bestatterverbandes gekürt, der auf den oben erwähnten Begriff des „Funeralmasters” verfiel. Den Titel durften aber auch schon Ron Sommer, Franz Beckenbauer und Jil Sander tragen. Ganz konkrete Sprachberatung kann man auch bekommen, etwa bei der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden (http://www.gfds.de/) oder diversen „Grammatischen Telefonen” etwa der Uni Potsdam oder der TU Aachen. Vielleicht werden dann besonders fragwürdige Entlehnungen wie die so genannten Scheinentlehnungen reduziert. Besonders merkwürdig mutet es schon an, wenn im Deutschen Wörter gebraucht werden, die ein Engländer oder Amerikaner gar nicht verstehen würde. Beim Ausdruck „Handy” würde er nur verständnislos den Kopf schütteln und erst bei „Mobile” zu seinem klingelnden Gerät greifen. Auch „Showmaster” dürften Engländer nur mit Mühe verstehen. Er wurde in Analogie zum „Quizmaster” gebildet. Aber warum gibt es keinen deutschen Ausdruck dafür? Beim „Slip” kann es dann schon peinlich werden. Hat er hierzulande doch eine extreme Bedeutungsreduzierung hin zur Unterwäsche erfahren, die mit den englischen Bedeutungen: Gleitbahn, Rutschen, Versehen nicht mehr allzu viel zu tun hat.
„Take it easy”
Bei Fachsprachen wie etwa in der Computerbranche liegt es nahe, auf das Englische zurückzugreifen. Amerikaner haben schlicht und ergreifend die Vorreiterrolle in der Entwicklung von Soft- und Hardware übernommen. Kein Wunder, dass sie die Produkte dann mit ihrer Terminologie bezeichnen. Um dann weltweit zu kommunizieren, benutzt man einfach diesen Wortschatz, der zumindest von den Angehörigen des Fachgebiets verstanden wird. Häufig umgibt sich außerdem ein bestimmter Begriff mit einem eigenen Kontext, der dann auch zu übersetzen wäre. Übersetzungen liefern aber nie eine identische Bedeutung. Es könnten sogar Missverständnisse vorkommen. So belässt man es lieber beim englischen Begriff. In Gebrauchsanweisungen würde es allerdings nicht schaden, sich in die Lage des Anwenders zu versetzen und mehr auf Gemeinverständlichkeit zu achten. Bei Werbebotschaften kommt sicher noch ein anderer Aspekt hinzu. Das Englische wird bei uns immer noch als dynamische, jugendliche, moderne Sprache assoziiert. Und da man keineswegs altmodisch erscheinen möchte, verwendet man eben diese Sprache, die zudem häufig kürzere und griffigere Ausdrücke besitzt. Allerdings kann es dann zu merkwürdigen Erscheinungen kommen, wenn man als hilfloser Sprecher genötigt ist, die Anglizismen dem Grundgerüst der deutschen Grammatik anzupassen. Heißt es, ich habe das Programm upgedatet, oder wurde es geupdatet, oder hat man schlicht ein update gemacht? Man kann natürlich die Meinung vertreten, ist doch egal, wie es heißt, Hauptsache, man versteht es. Ähnlich reagieren ja auch manche Zeitungen und Zeitschriften, die sich den Korrektor einsparen. Man ist halt etwas lockerer eingestellt, wenn es um Sprache und Rechtschreibung geht. Es ist ja auch legitim, nicht gleich mit dem erhobenen Zeigefinger und dem Regelwerk zu kommen. Aber geht dabei nicht auch das Bewusstsein für Sprache, die Bedeutung eines Wortes, seine Herkunft und seine Verwendung verloren? Ich meine schon, und das finde ich schade.
Claudia Fink
Aus Encarta Online.
Erscheint in:
Deutsche Sprache
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