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John Keegan untersucht in seinem 2000 erschienenen Buch Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie die eigentliche Kriegsführung sowie Kampfpläne und deren Durchführung im Ersten Weltkrieg aus der Sicht eines Militärhistorikers. Ulrich Klenner stellte das Werk im Dezember 2001 bei Encarta Online im Rahmen eines Buchtipps vor.
„Der Erste Weltkrieg war ein tragischer und unnötiger Konflikt.” Der erste Satz des Buches ist bereits Programm: John Keegan versucht nämlich, den Nachweis zu führen, dass die Kette der Ereignisse, die den besagten „Konflikt” auslösten, unterbrochen hätte werden können, dass die Entwicklung der Dinge ab einem gewissen Punkt jedoch unaufhaltsam in eine Katastrophe mündete – in eine Tragödie, die nicht nur zehn Millionen Tote zur Folge hatte, sondern auch die Grundlage für eine noch größere Katastrophe bildete. „Der Zweite Weltkrieg”, so Keegans Fazit, „war die Fortsetzung des Ersten.”
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John Keegan unterrichtete viele Jahre Militärgeschichte an der britischen Militärakademie in Sandhurst. Mit den beiden Werken Die Kultur des Krieges und Die Maske des Feldherrn hat er zwei viel beachtete Bücher vorgelegt. Heute ist er Redakteur des Daily Telegraph. Sein jüngstes Werk – Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie – ist eine akribisch recherchierte, minutiös und aus der Perspektive des Militärhistorikers rekonstruierte Dokumentation des Ersten Weltkrieges. Die soziokulturellen Hintergründe, den übersteigerten Nationalismus und den alle Lebensbereiche durchdringenden Militarismus handelt Keegan nur summarisch ab. Sein eigentliches Interesse gilt dem Ablauf der Kampfhandlungen, von der Erstellung abstrakter Kriegspläne über die kurze Phase der beweglichen Kriegsführung bis hin zum Stellungskrieg.
Besonders eindrucksvoll ist Keegans Darstellung der Mechanismen, die das Ende der Diplomatie einläuteten und den Militärs die Handlungsvollmacht übertrugen. Daraufhin entstand wiederum der von den jeweiligen Aufmarschplänen diktierte Automatismus, der zu den mörderischen Schlachten an der Marne und der Somme, bei Ypern und vor Verdun führte. Für das deutsche Heer war der Schlieffenplan das Maß aller Dinge. Aber auch in Frankreich und Russland waren es die strategischen Vorgaben, die Soldaten zu Menschenmaterial und Manövriermasse degradierten.
Keegan führt das ganze entsetzliche Ausmaß des „sinnlosen, wechselseitigen Gemetzels” vor Augen. Gleichzeitig analysiert er die Motive der Generalität beider Seiten, der Alliierten und der Mittelmächte. Seine Wertschätzung soldatischer Tugenden geht einher mit der Geringschätzung des militärischen wie des zivilen Ungehorsams, beispielsweise der Meutereien im französischen Heer 1917 oder auch der Novemberrevolution in Deutschland 1918. Ansonsten aber fällt er keine pauschalen Urteile. Er ist um Objektivität bemüht und macht aus der eigenen Erschütterung angesichts dieser „europäischen Tragödie” auch keinen Hehl. Trotz der ungeheuren Materialfülle, die er in seinem Buch ausbreitet, kommt Keegan letztlich zu dem Schluss, dass der Erste Weltkrieg, seine Ursachen und sein Verlauf, ein Rätsel sind und bleiben.
John Keegan: Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie. Kindler Verlag, 2000. Deutsch von Karl und Heidi Nicolai. 638 Seiten, 52 s/w-Abb., gebunden, 68 DM.
Ulrich Klenner
Aus Encarta Online.
Erscheint in:
Schlieffenplan; Schlacht um Verdun; Erster Weltkrieg
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