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Jedes siebte Kind in Deutschland lebt unterhalb der Armutsgrenze. Als Ursache für Armut wird dabei oft die zusätzliche finanzielle Belastung gesehen, die einer Familie oder allein Erziehenden durch ein Kind entsteht. Hält diese Einschätzung einer genaueren Betrachtung stand? Der Artikel Arm durch Kinder? von Otmar Jacobs erschien im Juli 2001 bei Encarta Online in der Rubrik Themen für Eltern.
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Endlich ist sie da, die nationale Armutsberichterstattung über eines der reichsten Länder der Erde. Die kaum verblüffende Erkenntnis: Die Unterschiede in der Verteilung der Vermögen in Deutschland sind beträchtlich: „Das Geld ist höchst ungleich verteilt.” Jeder Elfte lebt demnach an der Armutsgrenze, vor allem Kinder und allein Erziehende. Kinder sind nicht nur „das größte Armutsrisiko”, sie stellen mit 1,1 Millionen auch die größte Gruppe der drei Millionen Sozialhilfeempfänger. „Keine guten Nachrichten, skandalös, dramatisch”, so schallte es unisono aus dem deutschen Blätterwald (Focus, Spiegel, Stern, Süddeutsche Zeitung). Wer will da noch Kinder?
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Auch bei Encarta |
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Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und der Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV) hatten im Oktober 2000 zum zweiten Mal nach 1994 einen 600-seitigen Armutsbericht mit dem Titel „Armut und Ungleichheit in Deutschland” vorgestellt. Er zeigte, dass das Netz der Sozialhilfe Armut nicht beseitigen kann. Ein halbes Jahr später, Ende April 2001, präsentierte die Bundesregierung ihren 300-seitigen Armuts- und Reichtumsreport „Lebenslagen in Deutschland”. Die Bestandsaufnahme macht für fast alle Lebensbereiche deutlich, dass soziale Ausgrenzung zugenommen und Verteilungsgerechtigkeit abgenommen hat. Die rotgrüne Regierung bekräftigt in ihrem Report ihre „Entschlossenheit, für eine sozial ausgleichende Politik und gegen ein weiteres Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich einzutreten”. Beide Studien lassen also darauf schließen, dass Armut und Reichtum erhalten bleiben.
In Deutschland leben 14 Prozent der Kinder unterhalb der Armutsgrenze. Insgesamt wächst knapp die Hälfte der Kinder bis 14 Jahre in Deutschland unter so genannten prekären Wohlstandsbedingungen auf: in Haushalten mit einem Einkommen, das weniger als 75 Prozent des Durchschnittseinkommens beträgt. Vor allem viele allein Erziehende sind hilfsbedürftig, ebenso gelten Paare mit drei oder mehr Kindern als Risikogruppe. „Kinder sind in der Bundesrepublik ein, wenn nicht das Armutsrisiko. Daran werden die jüngsten Entscheidungen der rot-grünen Regierung – Steuerreform und Anhebung des Kindergeldes – grundsätzlich nichts ändern”, so die Süddeutsche Zeitung am 5. Oktober 2000.
Natürlich gilt das nicht für einen Arzt-, einen Lehrer- oder einen Unternehmerhaushalt. Außerdem weiß jeder: Kinder bringen nicht die Armut der Eltern hervor, auch ein Armutsrisiko erzeugen sie nicht. Offenbar werden allzu leicht Ursache und Folge verwechselt. Denn: Weil Erziehende kein ausreichendes Einkommen haben, wird die Versorgung der Kinder zum Problem. Schon das durchschnittliche Einkommen einer Vollzeitarbeitskraft reicht kaum, um den eigenen Unterhalt zu bestreiten. Abhilfe ist auch von den staatlichen Sozialkassen nicht zu erwarten: „Durch den bestehenden Kinderlastenausgleich werden die zusätzlichen Lasten für Haushalte mit Niedrigeinkommen nicht ausreichend kompensiert.” Armut und ihre „soziale Abfederung” fängt demnach schon bei der Vollerwerbstätigkeit an, von der neu entdeckten Armut trotz Erwerbstätigkeit (Scheinselbständige, Heim- und Telearbeiter, befristet Beschäftigte) und der Armut bei Erwerbslosigkeit ganz zu schweigen. Allen Formen der Armut ist gemein, dass Krankheit, Alter, Ehe oder Kinder den sozialen Abstieg beschleunigen können.
Man kann Armut in Heller und Pfennig (oder Euro) ausrechnen. Als einkommensarm gilt – so die Festlegung der relativen Armutsgrenze durch die Europäische Kommission von 1981 –, wer weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens zur Verfügung hat. Dieser Armutsgrenzwert lag 1998 in den alten Bundesländern bei 1 038 DM, in den neuen bei 855 DM. Auch wenn man Kindergeld und Wohngeld zu diesem Einkommen hinzurechnet, stellt jede etwas größere Anschaffung für das Kind ein finanzielles Problem dar.
Staatliche und private Institutionen bemühen sich je nach Konjunktur, den „Faktor Kind” zu würdigen. Doch im Dschungel der Sozialleistungen wie Erziehungs- und Kindergeld, steuerlichen Entlastungen, Kinderfreibeträge, Kinderanrechnungen auf Rentenansprüche – gestaffelt nach Familien, Singles, allein Erziehenden – scheint sich niemand auszukennen. Dabei helfen auch wohlgemeinte Artikel zu diesem Thema wie in Eltern (Heft 6/2001) nicht weiter. Unter dem Titel „Keine Almosen für Familien!” wird hervorgehoben, dass Eltern auf vernünftige Gesetze, umfassende Förderung vom Staat und die Unterstützung durch Mitmenschen angewiesen sind. Der Appell an Politiker, die Sozialversicherungsbeiträge und Steuerlasten für Familien zu senken und für „familiengerechte” geringere Beiträge zu sorgen sowie an den Mehrwert- und Ökosteuern für Familien zu werkeln, also für ein „insgesamt gerechteres Steuersystem” zu sorgen, ist selbstverständlich konsequent. Aber Hilfe aus dem Dilemma staatlicher Förderungen für Familien, allein Erziehende oder Paare bieten Artikel wie dieser wohl kaum. Doch vielleicht muss nicht der Ebbe in den Kassen der Leistungsempfänger, sondern in den sozialstaatlichen Kassen auf den Grund gegangen werden:
Kinder, heißt es, sind kein Privatvergnügen: „Nur wenn es genug Nachwuchs mit Schaffens- und Innovationskraft gibt, bleibt unsere Wirtschaft wettbewerbsfähig und die steigende Zahl der Alten verkraftbar”. Die Geburtenraten sinken, und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Zahl der ausländischen Kinder ständig steigt. Aber: „Zuwanderung allein wird nicht reichen. Es muss jungen Leuten wieder Mut gemacht werden, ein Baby zu bekommen.” Und manche alternativen Empfehlungen in Bezug auf Sparmöglichkeiten für den Staat kommen uns allzu bekannt vor: „Wieso kann ein Vorruheständler nicht in die Schule gehen und von seinem Beruf erzählen? Warum kann eine allein erziehende Mutter, die Sozialhilfe bezieht, nicht für das Kind einer berufstätigen Mutter mit kochen?”
Ein gut verdienender Stern-Redakteur entwickelte das Horrorszenario einer vergreisten Gesellschaft: „Im Jahre 2050 werden 2 000 000 Über-Hundertjährige in Deutschland vor sich hin mümmeln” (Stern 19/2001). Sein Credo lautete daher: „Kinder sind keine Bilanzposten. Kinder sind keine Ware. Kinder sind kein Gut. Kinder sind gut.” Kinder sind also ein unhinterfragbarer Wert. Wenn Eltern ihrem Kind auf dem Rummel keine Zuckerwatte kaufen oder keine Karussellfahrt zahlen können, dann wird die ideelle Wertschätzung des Kindes dessen Tränen kaum verhindern.
Otmar Jacobs
Aus Encarta Online.
Erscheint in:
Armut; Sozialhilfe; Familie (Soziologie)
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