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Die Zahl der allein erziehenden Mütter oder Väter nimmt stetig zu. Worin liegen die Ursachen für diese immer öfter freiwillig gewählte Rolle – welche Begleiterscheinungen gehen einher? Der Artikel Besser allein erziehend? von Richard Rathgeber erschien 2001 bei Encarta Online in der Rubrik Themen für Eltern.
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Auf diese Frage wäre vor noch gar nicht so langer Zeit niemand gekommen, sie hätte auch gar nicht gestellt werden dürfen. Ledige Mütter galten als „gefallene Mädchen”, die das christliche Keuschheitsgebot und den Rat der Mutter, vor der Ehe „nicht zu weit zu gehen”, missachtet hatten und mit ihrem „Bankert” Schande über die Familie brachten. Erzogen wurden die diskriminierten Kinder keineswegs allein von ihren ledigen Müttern, denen die moralische Befähigung dazu abgestritten wurde, sondern von den Großeltern oder anderen Verwandten, in Pflegefamilien oder Heimen. Auch verlassene Ehefrauen und ihre Kinder fanden sich nach der Scheidung im sozialen Abseits wieder, wo sie von ihrer gesellschaftlichen Umgebung bestenfalls Mitleid, aber kaum Unterstützung zu erwarten hatten.
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Auch bei Encarta |
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Idealvorstellungen darüber, was eine „anständige” Familie sein soll, gibt es auch heute noch. Doch die Moral hat sich etwas gewandelt und lässt nun – zumal in Zeiten sinkender Geburtenraten und staatlicher Nachwuchssorgen – auch andere Modelle der Kindererziehung gelten. Die allein Erziehenden erfreuen sich sogar einiger sozialpolitischen und wissenschaftlichen Aufmerksamkeit, auch wenn dies noch lange keine angemessene Unterstützung garantiert. Immerhin werden in der modernen demokratischen Bevölkerungsstatistik die allein Erziehenden gezählt, und die Soziologen betrachten heute die „Ein-Eltern-Familie” als eine der verschiedenen, gleichberechtigten Familienformen.
Die 2,9 Millionen allein Erziehenden in Deutschland – darunter eine halbe Million Männer – haben sich bei der Geburt ihrer Kinder wohl kaum die Frage „besser allein erziehend?” gestellt. Die meisten allein Erziehenden hatten früher einmal geplant, mit ihrem Lebenspartner gemeinsam Kinder großzuziehen, und diese Hoffnung ist irgendwann gescheitert: Sie sind zum größten Teil geschieden (38 Prozent), verheiratet, aber getrennt lebend (13 Prozent) oder verwitwet (23 Prozent); ein Viertel der allein Erziehenden ist ledig.
Bei den Trennungen und Scheidungen geht es meist auch um die Frage, ob es angesichts der bisher gelebten Art von Partnerschaft nicht sinnvoller wäre, die Kinder in Zukunft alleine zu erziehen – zumindest ohne den bisherigen Partner. Viele derjenigen Mütter und Väter, die gar nicht erst geheiratet haben, wollten entweder eine nichteheliche Lebensgemeinschaft führen, oder sie machten schon vor der ursprünglich geplanten Hochzeit abschreckende Erfahrungen mit dem in Aussicht stehenden Partner und trennten sich rechtzeitig.
Vielleicht hat sich aber auch ein kleiner Teil der ledigen Mütter von Anfang an ganz bewusst für die Mutterschaft ohne Ehepartner als eine alternative Lebensform entschieden? Ja, es soll sie geben, die planmäßig ledigen Mütter, zumindest in den USA, wo sie nest-builders genannt werden und von der Sozialwissenschaftlerin Betty Eiduson erforscht wurden: Sie suchen sich gezielt den künftigen Vater ihres Kindes aus und setzen die Anti-Baby-Pille ab. Manchmal ist es ihnen auch weniger wichtig, von wem sie ihr Kind bekommen, als wann. Den Kontakt mit dem Erzeuger ihres Kindes brechen sie entweder ab oder führen ihn freundschaftlich distanziert weiter, ohne ihm väterliche Erziehungsrechte einzuräumen. Sie sind ja fest entschlossen, ihr Kind nur nach den eigenen Vorstellungen zu erziehen. Die meisten dieser Frauen haben eine höhere Bildung genossen und sind in akademischen Berufen tätig. Sie verfügen entweder von vorneherein über ausreichende Einkünfte oder sie setzen auf Finanzierungsquellen, die sich nach der Geburt ihres Kindes erschließen lassen. In Deutschland allerdings konnte nach einer Untersuchung der Familienforscherin Rosemarie Nave-Herz die Verbreitung der ledigen Mutterschaft als neue „alternative Lebensform” nicht bestätigt werden. Sie fand bei ihrer Befragung keine einzige Frau, die von Anfang an ihr Kind allein erziehen wollte. Das bedeutet nicht, dass es in Deutschland überhaupt keine nest-builders gibt, aber die wenigen haben statistisch sehr geringe Chancen, bei den üblichen Befragungen in die Zufallsauswahl der Interviewer zu gelangen.
Für die meisten allein Erziehenden lässt sich die Frage „besser allein erziehend?” erst im Nachhinein beantworten, nach einigen Jahren Erfahrung damit. Die Frauen- und Familienforscherin Anita Heiliger am Deutschen Jugendinstitut in München hat nach einer Befragung allein erziehender Frauen die von diesen genannten Vorteile herausgearbeitet:
- • Belastende Auseinandersetzungen mit dem Partner entfallen, auch das Kind bleibt davon verschont;
- • Die Erziehung wird nicht durch widersprüchliche Vorstellungen erschwert, eine klare, kontinuierliche Erziehungslinie wird möglich;
- • Die Versorgung des Mannes mit regelmäßigen Mahlzeiten, die Pflege seiner Kleidung und die Gestaltung der Freizeit nach seinen Erwartungen, wodurch der Hausfrauenalltag gewöhnlich festgelegt ist, entfallen, so dass die Mutter sich auf ihre eigenen Bedürfnisse und die des Kindes konzentrieren kann;
- • Die finanziellen Mittel können von den Frauen vollständig kontrolliert werden, sie sind unabhängig von einem Hauptverdiener, der sowieso das meiste Geld für sich und seine Interessen beansprucht;
- • Die Frauen können sich ihre sozialen Beziehungen selbst auswählen und sind nicht gezwungen, auf die Verwandtschaft des (Ehe-)Mannes Rücksicht zu nehmen, die häufig eine starke Kontrollfunktion ausübt;
- • Die Kinder erleben ihre Mütter als selbständige Frauen, die das gesamte Familienmanagement schaffen, und nicht als so etwas Ähnliches wie eine Hausangestellte des Familienoberhaupts.
Bedauerlicherweise hat noch niemand die derzeit 4,1 Millionen Kinder von allein Stehenden – ein Fünftel aller Kinder in Deutschland – nach ihren Erfahrungen und Einschätzungen dieser Vorteile befragt.
Über die Nachteile berichtet die Familienforscherin Hanna Permien (Deutsches Jugendinstitut): Ein großer Teil der allein erziehenden Mütter lebt an der Armutsgrenze. Die Unterhaltszahlungen der Väter tragen meist nur einen kleinen Teil zur Existenzsicherung von Mutter und Kind bei, oft beschränken sie sich auf einen Zuschuss zum Unterhalt des Kindes. Das Einkommen der meisten Väter reicht nicht für zwei getrennte Haushalte. Die Hälfte der Väter entzieht sich ganz oder teilweise ihren Zahlungsverpflichtungen für eine Familie, von der sie nichts mehr haben. Dieser bleiben dann nur die Wohltaten, die „Vater Staat” für seine Ärmsten übrig hat: Unterhaltsvorschuss, Sozialhilfe und zeitlich befristetes Erziehungsgeld. Im Übrigen wird generell eine „zumutbare” Erwerbsarbeit der Mutter vorausgesetzt. Doch Teilzeitarbeitsplätze, die mit der Betreuung der Kinder vereinbar sind, finden sich selten auf einem Markt, auf dem Arbeitsplätze nur angeboten werden, soweit sie für den Arbeitgeber profitabel sind; und dies sind sie nur, wenn sie möglichst gering entlohnt werden. Oft geraten Mütter in die Zwickmühle, dass sie ohne Arbeits- keinen Betreuungsplatz, und ohne diesen keinen Arbeitsplatz bekommen. Doch selbst wenn Mütter Arbeits- und Betreuungsplätze gefunden haben, treten in den Schulferien und bei Erkrankungen der Kinder zwangsläufig Betreuungslücken auf, die nur mit Hilfe eines guten sozialen Netzwerks aus Freundinnen, Verwandten und Nachbarn geschlossen werden können.
Viele allein Erziehende sehen es als einen guten Ausweg aus ihrem finanziellen und sozialen Dilemma, sich mit einem neuen Partner zusammenzutun – ohne zu heiraten. Mehr als 300 000 ledige Mütter in Deutschland sind in der Statistik unter „nichtehelichen Lebensgemeinschaften” verzeichnet; über 80 Prozent dieser Frauen leben mit einem ebenfalls ledigen Mann zusammen.
Hat also damit ein Siebtel der ledigen Mütter die Frage „besser allein erziehend?” für sich ganz praktisch mit „nein” beantwortet? Kommt ganz darauf an, ob sie ihre Partner miterziehen lassen oder nicht. Die große Mehrheit der allein erziehenden Frauen bleibt dabei: „Kein Herr im Haus!”
Richard Rathgeber
Aus Encarta Online.
Erscheint in:
Familie (Soziologie); Armut
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