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Ernährungswissenschaftler konstatieren eine Zunahme von Fehlernährungen bei Jugendlichen. Eine Heilung kann oft nur durch die Kombination einer ärztlichen mit einer psychotherapeutischen Behandlung erfolgen. Ein Artikel von Barbara Rusch, erschienen 2001 bei Encarta Online unter dem Titel Die fehlernährte Jugend in der Rubrik Themen für Eltern.
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Deutschland ist wie alle anderen westlichen Industrieländer ein Land mit einer Ernährungslage, die die Menschheit bislang nicht – oder nur selten – kannte. Der Stellenwert von Nahrungsmitteln als „Lebens-Mittel” bzw. „Überlebens-Mittel” hat sich verändert, denn für jeden ist genug und gesundes Essen vorhanden. Der Tisch ist reichlich und vielfältig gedeckt, Nahrung ist eine Ware geworden, die überall, immer, in reichlichem Maß und unabhängig von Jahreszeiten, Wetterlage oder Ernteausgang vorhanden ist. Essen, Trinken und das damit verbundene gesunde Wohlgefühl sollten eigentlich kein Problem darstellen – besonders nicht für Kinder und Jugendliche, deren Bedürfnisse zwar besonders sind, doch auf jede erdenkliche Art befriedigt werden könnten. Und doch sprechen die Statistik und die Erfahrungen der Experten eine andere Sprache: Deutsche Kinder und Jugendliche haben Ernährungsprobleme, sind zu einem hohen Prozentsatz übergewichtig, untergewichtig oder weisen gar tief greifende Essstörungen auf – mit erheblichen, bisweilen sogar tödlichen Folgen.
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Die Ernährung dient dazu, den Körper mit allen Nährstoffen so zu versorgen, dass es nicht zu Mangelerscheinungen kommt. Darüber hinaus soll sie Krankheiten, die auch ernährungsmitbedingt sind, vorbeugen. Werden diese Kriterien nicht erfüllt, spricht man von Fehlernährung. Auffälligste Folgen sind Übergewicht oder Untergewicht. Gerade in jungen Jahren spielt die Ernährung eine überaus wichtige Rolle, da in dieser Periode auch die Weichen für mögliche Erkrankungen im Alter gestellt werden, so etwa Diabetes mellitus. Aufgrund einer einseitigen und zu fettreichen Ernährung können sich Ablagerungen in den Gefäßen bilden, die in späteren Jahren zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Und die unzureichende Knochendichte bei Osteoporose wiederum wird durch eine nicht genügende Kalziumaufnahme in den ersten drei Lebensjahrzehnten gelegt.
Angesichts des steten Überflusses nimmt es nicht wunder, dass die häufigste Folge der Fehlernährung bei Kindern und Jugendlichen Übergewicht ist – mit steigender Tendenz, wie die Statistiken der Fachleute aufzeigen. So sind etwa laut Prof. Berthold Koletzko von der Universitäts-Kinderpoliklinik in München in der Millionenstadt über 12 Prozent der Kinder zwischen sieben und zehn Jahren sowie fast 16 Prozent der Jugendlichen massiv übergewichtig. Das heißt, sie weisen über 120 Prozent des so genannten Längensollgewichtes auf. Die herausgefütterten „Wonneproppen” haben kein leichtes Leben, sondern leiden unter erheblichen negativen Folgen. Sie sind anfälliger für Kinder- aber auch Erkältungskrankheiten, haben Probleme bei Bewegungsspielen und beim Sport, werden sozial oft nicht akzeptiert. Häufig werden sie die schon früh erworbenen Polster nie mehr los und stellen somit aussichtsreiche Kandidaten für Gicht, Diabetes, Bluthochdruck, Skelettabnutzungen, Bandscheiben- und Gelenkschäden sowie Venenerkrankungen im Erwachsenenalter dar.
Übergewicht ist ein Phänomen, das jedem auffällt und negativ bzw. als gesundheitsschädlich bewertet wird. Doch in Zeiten des schlanken Körperkults wird die Kehrseite der Medaille, Untergewicht, allzu oft nicht als Problem angesehen. Häufig werden die „Spargeltarzans” sogar bestärkt oder gar beneidet – schließlich wären 56 Prozent der 13- bis 14-jährigen Mädchen gerne dünner. Und in der Gruppe der 11- bis 15-Jährigen haben 11 Prozent der Jungen und 17 Prozent der Mädchen schon Erfahrung mit Diäten gemacht. Immerhin 8 Prozent der Mädchen und Jungen zwischen 6 und 17 Jahren haben laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) Untergewicht, das auch nicht gesünder als Übergewicht ist und Mangelerscheinungen nach sich ziehen kann. Eine auffällige Magerkeit weist zudem auf eine möglicherweise vorhandene tief greifende Essstörung hin: Anorexia nervosa, im Volksmund als „Magersucht” bekannt. Diese psychische Störung, bei der die Nahrungsaufnahme als regelrechte Bedrohung empfunden wird, manifestiert sich besonders bei Mädchen und jungen Frauen, aber immer häufiger auch bei Männern. Zurzeit ist in Deutschland etwa 1 Prozent der Mädchen zwischen 14 und 22 Jahren an Magersucht erkrankt – mit bisweilen schrecklichen Auswirkungen. Für etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen endet die Krankheit tödlich.
Fachleute sind sich einig, dass gesunde Kinder im Allgemeinen so viel essen, wie sie brauchen – wenn sie weder zum Essen gezwungen werden noch ihnen Nahrung vorenthalten wird. Abhängig von Faktoren wie etwa Bewegung kann dabei der Hunger unterschiedlich ausfallen. Völlig einsichtig, sollte man meinen, dennoch scheint in unserer modernen Konsumgesellschaft im Bereich der Ernährung etwas schiefzulaufen. Vorsichtig ausgedrückt, ist die Nährstoffzufuhr deutscher Kinder und Jugendlicher nicht optimal. Im Klartext heißt das: Sie nehmen zu viel Fett und ungesättigte Fettsäuren, Cholesterin, tierisches Eiweiß und Zucker zu sich. Auf der Strecke bleiben Stärke und Ballaststoffe. Und vor allem jugendliche Mädchen sind mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen unterversorgt.
Die Ursachen für das Phänomen „dickes Kind” sind vielfältig: Bewegungsmangel, vor allem bedingt durch die moderne Lebens- und Wohnsituation der Kinder, psychische Belastungen und die Essgewohnheiten in der Familie stehen an erster Stelle. Die gerne vorgeschobene Schilddrüsenunterfunktion rangiert in der Ursachenliste jedoch nur auf den hinteren Plätzen. Sie ist gerade mal für etwa 1 Prozent der Fälle verantwortlich. Psychische Probleme sind auch die wichtigsten Gründe für Untergewicht – aber auch das in unserer Gesellschaft propagierte Schönheitsideal trägt selbstverständlich das Seine dazu bei. Neben genetischen, psychischen, emotionalen und anderen Faktoren steht es auch auf der Ursachenliste für Magersucht.
Wenn Ihr Kind an einer Essstörung erkrankt ist, reicht eine reine Ernährungsberatung auf keinem Fall aus. Eine Heilung kann in der Regel nur in Kombination mit einer ärztlichen und psychotherapeutischen Behandlung erfolgen. Weist Ihr Kind eine Fehlernährung auf, gehen Sie der Ursache auf den Grund, informieren Sie sich in Publikationen und bei Institutionen über gesunde Ernährung, lassen Sie sich gegebenenfalls von Ernährungsexperten, Ärzten oder Psychotherapeuten beraten.
Doch ganz egal, ob Ihr Kind zu dünn ist, gegen Polster ankämpft oder ein normales Körpergewicht hat: Gesunde Ernährung ist für alle gleich wichtig und kann im Endeffekt am besten erreicht werden, wenn die Umgebung – Elternhaus, Schule, Kindertagesstätte, aber auch die lieben Verwandten mit den Schokoriegeln – mitspielen. Grundsätzlich erlernen Kinder Nahrungspräferenzen – schmackhafte Speisenangebote werden beliebt, wenn sie auch regelmäßig auf den Tisch kommen. Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei, welches Vorbild die Eltern geben. Wer selbst ein Fastfood-Junkie ist, kann nicht davon ausgehen, dass der Nachwuchs Vollkornprodukte goutiert.
Überdenken Sie Ihre Ernährungserziehung, und gehen Sie immer davon aus, dass Kinder mit allen Sinnen essen. Experten raten, Kinder beim Essen zur Selbständigkeit zu erziehen, d. h. ihr Hunger- und Sättigungsgefühl zu akzeptieren. Lassen Sie also Ihr Kind nur so viel essen, wie es will, und achten Sie darauf, dass es die Größe seiner Portionen selbst bestimmt. Vermeiden Sie den Appetit verderbende Zwischenhäppchen, und sorgen Sie dafür, dass es genügend trinkt. Vermitteln Sie ihm Freude an der Vielfalt und der Zubereitung von Speisen, lassen Sie es am Einkauf und beim Kochen teilhaben. Und wenn Teenager sich auf stur stellen: Probieren Sie es über die Schönheitsschiene! Mit entsprechender Nahrung kann man Pickeln, Blässe, spröden Nägeln und Haaren vorbeugen. Doch vor allem: Essen Sie sooft wie möglich gemeinsam in entspannter Atmosphäre – so erreichen Sie Lust zum und am schmackhaften und gesunden Essen.
Barbara Rusch
Aus Encarta Online.
Erscheint in:
Jugend; Lebensmittelallergie und -unverträglichkeit; Ernährung des Menschen
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