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Verschreckt durch unpersönliche Behandlungsmethoden und hohe Behandlungskosten kehren viele Menschen der Schulmedizin den Rücken. Alternative Heilmethoden wie die Traditionelle Chinesische Medizin können manche offenen Fragen beantworten. In ihrem 2001 bei Encarta Online erschienenen Feature-Artikel Chinesische Medizin – ernst zu nehmende Heilmethode oder Quacksalberei? geht Barbara Rusch dieser Entwicklung nach.
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Immer mehr Menschen wenden sich so genannten alternativen Heilmethoden zu. Ursachen für diese Entwicklung sind die wogende Wellness-Welle, die zunehmende Verdrossenheit vieler (vor allem chronisch) Erkrankter über die westliche Schulmedizin und die Tatsache, dass Krankenkassen Kuren nur noch im Rahmen von Rehabilitationsmaßnahmen nach schweren Erkrankungen oder Operationen zahlen. Alternative Heilmethoden werden von verschiedensten Vertretern von Heil- und sonstigen Berufen angeboten, sei es ambulant, in Spezialkliniken oder Wellness-Einrichtungen. Für den Laien ist der lukrative Gesundheits- und Wohlfühlmarkt oft unüberschaubar, und sein Weg auf der Suche nach der passenden und wirksamen Therapie führt durch ein scheinbar undurchdringliches Dickicht aus Angeboten von Ayurveda bis Feldenkrais, Edelstein- und Aromatherapie, Hildegard und Kneipp, Shiatsu und Astromedizin. Die Unterscheidung zwischen reiner Kosmetik, purer Quacksalberei und ernst zu nehmender alternativer Heilmethode ist für den Einzelnen häufig kaum möglich.
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Auch bei Encarta |
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Dabei ist das Interesse an der so genannten alternativen Medizin nicht neu: In den westlichen Industrieländern hat es seit den siebziger Jahren erheblich zugenommen, und schätzungsweise die Hälfte aller europäischen Erwachsenen hat sich schon einmal einer alternativen Behandlung unterzogen. In diesem Zusammenhang scheint es vor allem der ganzheitliche Ansatz der alternativen Methoden zu sein, der diese Heilformen für viele Menschen so attraktiv macht. Dieser Ansatz bezieht den ganzen Menschen und seine spezielle Lebenssituation in die Behandlung von Störungen ein, und es besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen Therapeut und Patient, wobei die aktive Teilnahme des Patienten am Heilungsprozess gefordert ist. Dies geht einher mit einem gewissen Vertrauensverlust gegenüber der einst scheinbar allmächtigen wissenschaftlichen Medizin, deren unbestrittene Erfolge häufig aber von schwer wiegenden Nebenwirkungen begleitet werden. Zudem fühlen sich Patienten von dieser Medizin oftmals in ihrem Menschsein nicht ernst genommen, und sie muss noch häufig, beispielsweise im Bereich der chronischen Erkrankungen, die Waffen strecken. Der „Halbgott in Weiß” hat für viele inzwischen einen Graustich bekommen. Ganz besondere Aufmerksamkeit erfährt in diesem Zusammenhang seit den letzten Jahren die so genannte Traditionelle Chinesische Medizin, kurz TCM. Laut Branchenkennern durchlebt diese weltweit derzeit einen regelrechten Boom, und sowohl Ärzte als auch Heilkräuter sind für das Reich der Mitte zu einem wahren Exportschlager geworden – Fachblätter sprechen gar von einer „Globalisierung der TCM”. Doch was genau ist unter den als TCM zusammengefassten Therapieformen zu verstehen? Und inwieweit stellen sie einen Fortschritt im Vergleich zur westlichen Schulmedizin dar?
Als Traditionelle Chinesische Medizin im engeren Sinn bezeichnet man ein über Jahrtausende entwickeltes Heilkundesystem, das sich aus verschiedenen Therapieformen zusammensetzt. Das äußerst differenzierte System basiert sowohl auf klinischer Erfahrung als auch auf den komplementären Prinzipien von Yin und Yang und setzt in einer ganzheitlichen Sicht Krankheit, innere und äußere Kräfte, Organe und Substanzen, Körperoberfläche und Außenwelt in Beziehung. Gemäß der Lehre der TCM erzeugt das Zusammenspiel von Yin, das für Kälte, Feuchtigkeit, Dunkelheit, Passivität und Zusammenziehen steht, und Yang, das für Hitze, Trockenheit, Helligkeit, Aktivität und Ausdehnung steht, die unsichtbare „Lebensenergie” Qi. Diese zirkuliert im Körper in Leitbahnen, den so genannten Yin- und Yang-Meridianen. Der gesunde Fluss und die Balance des Qi können durch Umweltfaktoren und übermäßige oder fehlende Emotionen behindert und beeinträchtigt werden, was zu Erkrankungen führt. Zu den Auslösern zählen sechs klimatische äußere Übel (Wind, Kälte, Hitze, Feuer, Feuchtigkeit und Trockenheit) und sieben emotionale innere Übel (Zorn, Freude, Sorge, übermäßiges Denken, Trauer, Angst und Schock), aber auch schlechte Ernährung und physische Über- bzw. Unterbelastung.
Die bedeutendste Therapiemethode der Traditionellen Chinesischen Medizin ist die Pharmakologie: Über 2 800 vor allem pflanzliche Substanzen kennt die chinesische Arzneimittellehre. Verwendet werden aber auch aus Tieren und Mineralien gewonnene Stoffe. Zu den weiteren Anwendungen zählen die im Westen populäre Akupunktur, die Moxibustion, bei der glimmendes Moxakraut (Beifuß) bestimmte Akupunkturpunkte erwärmt, und das Schröpfen. Hinzu kommen Massagen und Chiropraxis sowie ein äußerst differenziertes System der Diätetik, das im Westen erst langsam bekannt wird. Integraler Bestandteil der TCM sind Bewegungs- und Atemübungen und Meditationstechniken, die zur körperlichen Ertüchtigung und als präventive Maßnahme dienen. Hierzu zählen Qigong und Tai.Für das wachsende Interesse an diesen fernöstlichen Heilmethoden und ihre steigende Bedeutung spricht, dass einzelne Therapieformen inzwischen auch an deutschen Universitäten gelehrt werden. So versucht man an der Universität Oldenburg, westliche und östliche Medizin im berufsbegleitenden Kontaktstudium Qigong zu vereinen. Ärzte, Psychotherapeuten, Krankengymnasten und Logopäden lernen hier chinesische Atmungs- und Bewegungsübungen – als ein Heilverfahren, das keine Wunder wirken, aber das Wohlbefinden steigern, körpereigene Abwehrkräfte stärken, den Blutdruck senken und Stress abbauen kann. Darüber hinaus sind zahlreiche Interessengemeinschaften entstanden, wie etwa die Arbeitsgemeinschaft für Klassische Akupunktur und Traditionelle Medizin oder der Förderverein für Traditionelle Chinesische Medizin. Und in Berlin entsteht derzeit ein Zentrum für chinesische Medizin, deren traditionelle Heilverfahren an der Charité erforscht werden. Hier konzentriert man sich vor allem auf die Phytotherapie und chinesische Pharmakotherapie sowie die Schmerztherapie und Suchttherapie mit Hilfe von Akupunktur.
Gerade diese Forschungsarbeiten sind zu begrüßen, sollen die jahrtausendealten Heilverfahren endlich von den sie umgebenden Mythen und Vorurteilen befreit werden und ihre Effekte so untersucht werden, dass die Resultate auch westlichen wissenschaftlichen Standards genügen. Denn auch wenn die TCM vor allem bei der Behandlung von psychosomatischen Störungen, chronischen Erkrankungen und Schmerzen Ergebnisse zeigt, so sind doch immer noch viele Fragen zu ihrer Wirksamkeit offen. Und Fachleute befürchten, dass sich in der „Marktlücke TCM” viele Behandler einnisten, deren Qualifikation eher als mangelhaft zu bezeichnen ist. Hier besteht Gefahr für Patienten, wenn etwa aufgrund mangelhafter Diagnosefähigkeiten schwerwiegende Störungen nicht erkannt und nicht angemessen behandelt werden. Aber auch schon eine durch einen unqualifizierten Therapeuten falsch ausgeführte Akupunktur kann erhebliche Risiken bergen und etwa Bewusstlosigkeit, Lungenpunktierung, Krämpfe, lokale Infektionen und Nervenschäden zur Folge haben.
In der Kritik steht beispielsweise die chinesische Pharmakotherapie, in der ja nicht nur pflanzliche, sondern auch tierische Substanzen Verwendung finden. Diese werden häufig ohne Rücksicht auf Verluste von Tieren gewonnen, die akut vom Aussterben bedroht sind – etwa von Panzernashörnern, Moschustieren oder Tigern. Und bis dato konnte auch die Reinheit der importierten Stoffe nicht immer gewährleistet werden, was durchaus schwerwiegende Folgen nach sich ziehen könnte.
Unkritisch sollte man auch die Ergebnisse der Akupunktur nicht betrachten. Dieses Heilverfahren wird laut der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur und TCM u. a. zur Linderung von chronischen und akuten Schmerzen, gynäkologischen und urologischen Beschwerden, Allergien und verschiedensten anderen Störungen eingesetzt – aber der Verband betont: Akupunktur kann nur heilen, was gestört ist, nicht jedoch, was zerstört ist. Und Kritiker führen an, dass sich die Beweise für die Wirksamkeit der Therapie bislang im Wesentlichen auf die Beobachtungen der Akupunkteure selbst und auf oberflächliche Studien stützen. So beständen die meisten über Akupunktur veröffentlichten Schriften aus Fallbeispielen, Fallreihen oder Interventionsstudien, die eine Beurteilung der Wirksamkeit von Akupunktur nicht zuließen. Qualitativ hochwertige Tests, welche die Wirksamkeit der Methode bestätigten, seien dagegen Mangelware. Hinzu kommt, dass noch nicht geklärt ist, wie Akupunktur Schmerzen lindert und dass sie als Anästhesiemethode auch in China nicht so weit verbreitet ist, wie man oft annimmt. So wird sie nicht in der Notfallchirurgie verwendet und oft mit modernen Pharmazeutika kombiniert oder durch diese ersetzt. Verschiedene Studien aus den neunziger Jahren haben zudem ergeben, dass die Wirksamkeit von Akupunktur in der Schmerztherapie möglicherweise nur temporär ist und darüber hinaus den Ergebnissen von Placebo-Behandlungen gleichkommt.
Also alles nur Humbug? Ganz gewiss nicht. Man sollte jedoch nicht dem blinden Glauben an „Wundermittel” frönen, sondern zum Wohl der Patienten jahrtausendealte Erfahrungen mit moderner Wissenschaft kombinieren. Wenn die alternative Medizin endlich „erwachsen” werden soll, dann muss sie sich konstruktiver Kritik unterziehen, Wissen muss ausgetauscht und es muss zusammengearbeitet werden. Im Bereich der TCM sind hierfür die ersten Schritte getan.
Barbara Rusch
Aus Encarta Online.
Erscheint in:
Arzneimittel; Traditionelle Chinesische Medizin; Alternative Medizin
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