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Encarta Online: BSE & Co. – Verdienen unsere Lebensmittel noch den Namen „Lebens-mittel”?

Die sich über ganz Europa ausbreitende Rinderseuche BSE verunsicherte die Bevölkerung. Ganze Industriezweige standen vor dem Ruin. Von einem landwirtschaftlichen Neuanfang und verbesserten Gesundheitskontrollen war die Rede. Ein Feature-Artikel von Barbara Rusch, erschienen im Februar 2001 bei Encarta Online unter dem Titel BSE & Co. – Verdienen unsere Lebensmittel noch den Namen „Lebens-mittel”?

Encarta Online: BSE & Co. – Verdienen unsere Lebensmittel noch den Namen „Lebens-mittel”?

Man schrieb den 24. November 2000, als die Deutschen das große Grausen überkam. An diesem Tag wurde erstmals bei einer heimischen Kuh aus Schleswig-Holstein BSE diagnostiziert. Die „splendid BSE-isolation” Deutschlands hatte somit ein jähes Ende gefunden, Ministerköpfe rollten. Und dies, obwohl man noch am 15. November 2000 im Veterinärausschuss der EU flächendeckende BSE-Schnelltests abgelehnt hatte, da das Bundesgebiet von der Seuche frei sei. Seitdem ist der inländische Rindfleischkonsum um rund 80 Prozent zurückgegangen, etwa ein Viertel der Deutschen hat dem geliebten Steak oder dem bevorzugten Sauerbraten vorerst gänzlich abgeschworen. Und angesichts der neuen Skandale um illegal verabreichte Hormone, Antibiotika und Impfstoffe in Bayern und Österreich ist wohl auch die Renaissance von verseuchtem Schweinefleisch nur von kurzer Dauer gewesen. Man kann es darüber hinaus bestimmt abwarten, dass auch das Federvieh, dem es jetzt in verstärktem Maß an den geschundenen Kragen geht, mit angeekeltem Blick vom Teller der Konsumenten bugsiert wird. Schließlich werden unsere Hähnchen bevorzugt mit Tiermehl und anderen Leckereien aus der Agrar-Hexenküche gemästet.

Wie viel Verantwortung tragen die Verbraucher?

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Die Reaktionen der verunsicherten und verärgerten Verbraucher sind einsichtig und nachvollziehbar – und sie zwingen die Fleischindustrie zu erheblichen Konsequenzen. Eine hausgemachte wirtschaftliche Katastrophe bahnt sich in der Branche bereits an. Doch tragen wir Verbraucher nicht auch selbst Schuld an dieser Krise? Haben wir nicht allzu lange Lebensmittelskandale ohne weit reichende Konsequenzen „geschluckt”? Schon weit entfernt erscheint uns der Olivenölskandal in Spanien von 1981. Hunderte Menschen starben damals, rund 20 000 wurden vergiftet. Auch das Glykol im Wein unserer österreichischen Nachbarn 1985 und der italienische Rotweinskandal 1986 haben uns nicht besonders beunruhigt. Nur zur Erinnerung: Der zur Profitsteigerung mit Methylalkohol versetzte Wein verursachte damals 20 Todesfälle. Stärker betrafen uns dann doch die ekligen Rundwürmer (Nematoden) im Fisch 1987 und der Hormonskandal in der Kälbermast 1988. Zumindest kurzfristig mussten die Produzenten Umsatzeinbußen hinnehmen.

Erheblich sensibler, doch auch nicht mit letzter Konsequenz reagierten wir 1994 auf die Rückstände des Pestizids Lindan in der Babynahrung, auf die mit dem Desinfektionsmittel Virkon-S und Nikotinsulfat verseuchten Eier sowie auf den belgischen Dioxinskandal 1999. Durch Altöl im Viehfutter gelangte in unserem westlichen Anrainerstaat die hochgiftige Substanz ins Fleisch und auf die Teller der Verbraucher. Doch die Liste der Skandale jenseits von BSE reißt nicht ab. Wie kürzlich bekannt wurde, wussten die Landesregierungen von Bayern und Baden-Württemberg schon seit 1995, dass angeblich naturreiner Honig vom Bodensee dummerweise häufig mit dem Antibiotikum Streptomycin (Handelsname „Plantomycin”), das gerne als Spritzmittel verwendet wird, verunreinigt ist. Peinlich berührtes Stillschweigen herrschte darüber bis dato im Süden der Republik.

Drinck Water und starff

„Drink Wasser und stirb”, so lautete ein deutscher Spruch im 17. Jahrhundert. Kein Wunder, dass man damals gerne zum Alkohol griff. In Babylonien regelte bereits vor über 3 500 Jahren der Kodex Hammurapi u. a. die Qualität von Lebensmitteln und Getränken. So fragt man sich angesichts der langen Chronik der Lebensmittelskandale erstaunt, wie wir beispielsweise so lange hatten glauben können, dass die tödliche Rinderseuche an unseren Grenzen halt hätte machen können. Seit wann lesen Prionen Verbotsschilder der Sorte „Rinderwahn verboten”? Tatsächlich haben wir alle viel zu lange unsere Augen verschlossen vor den Auswüchsen einer Agrarindustrie, die Nahrungsmittel im wahrsten Sinne des Wortes am Fließband produziert. Wir haben uns viel zu wenig über die Billigstangebote in den Supermärkten gewundert, durch die das einstige hochwertige Lebensmittel Fleisch zu Tiefstpreisen als Massenware verschleudert wurde. Zu lange wollten wir nicht wissen, auf welche Weise die Agrarproduzenten angesichts des mörderischen Preiskampfes auf dem deutschen Lebensmittelmarkt noch Profit machen. Denn eines war klar: Mit artgerechter, gesunder Aufzucht in musterhaften landwirtschaftlichen Betrieben konnte dieses niedrige Preisniveau weder erreicht noch über Jahre hinweg gehalten werden. Glückliche Kühe geben nun mal kein preiswertes Fleisch.

Angesichts dieser Überlegungen nimmt es denn auch nicht wunder, dass der Verbraucherschutzkommissar der EU, David Byrne, eindringlich vor weiteren Lebensmittelskandalen warnt. Seiner Aussage zufolge geben vor allem der hohe Dioxingehalt, der sich in vielen Nahrungsmitteln findet, sowie der nachlässige Umgang mit Bakterien erheblichen Anlass zur Sorge. Wie dieses Problem gelöst werden kann, steht jedoch noch völlig in den Sternen. Denn bis dato existiert beispielsweise kein EU-weit gültiger Dioxin-Grenzwert für Nahrungsmittel und Grundstoffe – und Widerstand gegen eine weit reichende Verordnung besteht innerhalb der Europäischen Union, die vor allem in Hinsicht ihrer völlig veralteten, der Überschussproduktion um jeden Preis verhafteten Agrarpolitik dringend modernisiert werden muss, ausreichend.

Die Zukunft liegt in der Öko-Produktion

Angesichts des Drucks der Verbraucher, die schlicht den Konsum verweigern, scheint sich dennoch ein längst überfälliges Umdenken einzustellen. Auch den Hardlinern unter den Agrarlobbyisten ist klar, dass die goldenen Zeiten der industrialisierten Landwirtschaft und der nicht enden wollenden Subventionen möglicherweise langsam ihrem Ende zugehen. Das heißt nicht, dass die deutsche Agrarbranche mit Bausch und Bogen untergehen muss. Schließlich besagen Umfrageergebnisse, dass die Mehrheit der Deutschen durchaus bereit ist, bis zu einem gewissen Grad einen höheren Prozentsatz ihres Einkommens für Nahrungsmittel auszugeben – wenn diese von solcher Qualität sind, dass sie den Namen Lebens-Mittel denn auch verdienten. Ein Schritt in diese Richtung ist das von der neuen Ministerin Renate Künast in Auftrag gegebene Öko-Siegel, das für mehr Transparenz an der Ladentheke sorgen soll. Auf diese Weise kann die von vielen als dümmlich-romantisch verlachte ökologische Landwirtschaft, die bislang in Deutschland ein Schattendasein fristete, erheblichen Aufschwung nehmen. Und: Je größer der Bio-Markt, desto günstiger werden wiederum die ökologisch erzeugten Produkte, die im Gehalt und im – ja, auch das ist ein Kriterium – Geschmack eher echten Lebens-Mitteln entsprechen als blasse Tomaten und wässrige Schnitzel. Gute Beispiele hierfür sind unsere Nachbarn Österreich und Schweiz, auch wenn deren Landwirtschaften durchaus nicht von Krisen und Skandalen frei sind. Dort werden rund 10 bzw. 7,3 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen nach den festgesetzten Regeln des ökologischen Landbaus bewirtschaftet. In Deutschland sind es nur magere 2,6 Prozent. Nach Expertenmeinungen wäre eine Steigerung der biologischen Landwirtschaft in Deutschland auf 30 Prozent in den nächsten 20 Jahren durchaus machbar. Es liegt an uns, durch unseren Protest und unser konsequentes Kaufverhalten einen seit langem fälligen Veränderungsprozess in der Agrarindustrie zu bewirken.

Barbara Rusch

Aus Encarta Online.

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Bovine Spongiforme Enzephalopathie; Lebensmittel­allergie und -unverträglich­keit; Landwirtschaft

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