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Encarta Online: Als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg – Erinnerungen eines Zeitzeugen

Mit dem Spanischen Bürgerkrieg wurde 1936 ein Stellvertreterkrieg für den drei Jahre später ausbrechenden Zweiten Weltkrieg geführt. Hans Landauer nahm auf Seiten der Internationalen Brigaden an diesem Krieg teil und überlebte später vier Jahre im Konzentrationslager Dachau. Seine Erinnerungen erschienen 2001 bei Encarta Online unter dem Titel Als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg – Erinnerungen eines Zeitzeugen.

Encarta Online: Als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg – Erinnerungen eines Zeitzeugen

Freiwillig in den Krieg

Immer wieder wurde ich im Laufe meines Lebens gefragt, warum ein 16-Jähriger, der ich 1937 war, in ein fernes Land gehen kann, um dort freiwillig an einem Krieg teilzunehmen. Noch dazu, wo ich in einer Geisteshaltung erzogen worden war, für die Kurt Tucholskys Drei Minuten Gehör, mit den Schlußworten „Nie wieder Krieg”, zu einem fast religiösen Glaubensbekenntnis gehörte. Wieso tat ich das?

Die Lage in Österreich und Spanien

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Meine beiden Großväter waren nach dem 1. Weltkrieg die ersten gewählten sozialdemokratischen Bürgermeister in kleinen, agrarisch geprägten Landgemeinden südlich von Wien. Ihre Arbeit in den Gemeindestuben erledigten sie in den Abendstunden, unbezahlt und nach einem meist schweren Arbeitstag hinter dem Pflug.

Mit ’Dollfuß Staatsstreich in Österreich, der sich u. a. auf die Heimwehren stützte, hatten wir den „hausgemachten, klerikalen Austrofaschismus”. Der Wahlsieg der linken Volksfront in Spanien, am 11. Februar 1936, erfüllte uns mit Freude. Umso mehr traf uns, nur ein halbes Jahr später, der Putsch Francos, mit dem der Spanische Bürgerkrieg begann.

So war in Österreich und Spanien der Grundsatz der österreichischen Sozialdemokraten, dass die Macht im Staate nur mit dem Stimmzettel, also demokratisch, errungen werden könne und dürfe, ad absurdum geführt. Aus der illegalen Arbeiterpresse, die während des Austrofaschismus in großen Mengen im Lande zirkulierte, konnte man erfahren, dass schon Ende 1936, bei der Verteidigung Madrids, damals noch Sitz der Regierung, österreichische Freiwillige dabei waren.

Der Entschluss reift

Diese Presse hatten wir nicht nur in unserer Familie, sie kursierte auch in der örtlichen Baumwollweberei in Ober-Waltersdorf, in der ich seit Sommer 1935 als Blattbindergehilfe arbeitete. Sie bekam für mich eine besondere Bedeutung. Es war nicht schwer, über das Verteilernetz Kontakt zu Personen zu finden, die nicht nur wussten, wie man in das Republikanische Spanien gelangen konnte, sondern auch mit finanzieller und logistischer Unterstützung den potentiellen Freiwilligen halfen.

Anfang 1937 war es bei mir so weit. Letztes auslösendes Moment war der Besuch eines Freundes meines Großvaters namens Leopold Cech, der, einen Brief schwenkend, ins Haus kam. „Der Haiderer Franz hat mir aus Spanien geschrieben. Er kämpft auf Seiten der Regierungstruppen, in einer Artillerieeinheit”, verkündete er lauthals. Am 18. Juni 1937 bekam ich im Nachbarort Traiskirchen eine Anlaufadresse in Paris, das Café Grison in der Rue d’Alsace, sowie 150 Schilling für eine Fahrkarte und Reisegeld. Da ich einen Reisepass hatte – 1935 war ich mit dem Fahrrad in den Dolomiten gewesen – gab es an der Grenze für mich keine Probleme. Ein solches hatte ich erst am 20. Juni 1937 im Hinterzimmer besagten Pariser Cafes, als ich meinem Kontaktmann meinen Pass vorzeigte. „Bist deppert, wir schicken doch keine Kinder nach Spanien. Du musst wieder nach Hause”, waren seine niederschmetternden Worte. Erst die Lüge, dass dies nicht mein Reisepass, sondern der eines nicht existierenden Cousins, ich nicht 16, sondern bereits 18 Jahre alt wäre und der weitere Hinweis, dass infolge meiner Heimfahrt und nachherigen Befragung durch die österreichische Polizei das in der Heimat existierende „Transportnetz” auffliegen könnte, ließ ihn seine Meinung ändern. Ich durfte unter dem Namen Operschall, dem Mädchennamen meiner Mutter, weiterreisen. So wurde ich, vier Wochen später, nach einer zweiwöchigen Infanterieausbildung in Madrigueras, einem Marktflecken in der Heimat Don Quijotes, jüngster Angehöriger des österreichischen Bataillons „12. Februar 1934”, welches kurz vorher aufgestellt worden war.

Im Bürgerkriegsspanien

Es befanden sich bereits 30 Prozent Spanier in allen Bataillonen unserer, der deutschsprachigen 11. Internationalen Brigade. Ein Prozentsatz, der bis September 1938, dem Zeitpunkt der Demobilisierung und des Rückzugs der Internationalen auf Seiten der Regierungstruppen, bis auf 75 Prozent ansteigen sollte.

Ich selbst hatte als junger, wissbegieriger und unvoreingenommener Mensch keinerlei Probleme mit unseren spanischen Kameraden. Ganz im Gegenteil. Ich bemühte mich, so rasch wie möglich ihre Sprache zu erlernen. Noch heute, nach mehr als 60 Jahren, habe ich Kontakt mit Nachkommen von Einwohnern des Dorfes Marsa in der Provinz Tarragona, mit denen ich im Jahr 1938 Freundschaft schloss.

Damals interessierte mich mein Gastgeber besonders, nachdem ich festgestellt hatte, dass er zwei wunderschöne Töchter, Maria-Teresa und Juana, hatte, und so verbrachte ich jeden freien Tag in Marsa.

Diese Idylle hatte jedoch im Juni ein Ende. In der Nacht vom 25. auf 26. Juni 1938 überquerte das Volksheer der Spanischen Republik den Rio Ebro. In den folgenden vier Monaten sollte es hier zu den blutigsten Kämpfen des Spanischen Bürgerkrieges kommen. Die Übermacht der Franco-Streitkräfte zu Lande und zu Luft ließ auch den letzten Versuch scheitern, die Republik zu retten. Die Legion Condor, Hitlers Luftwaffe, mit ihren damals modernsten Maschinen wie Me 109, Stukas, den Bombern Heinkel 111 und Dornier 217, zerpflügte förmlich den Boden und fegte die Behelfsbrücken, über die der Nachschub kam, hinweg. Der Krieg war dank Hitlers und Mussolinis Einsatz und der Feigheit Englands und Frankreichs entschieden.

Im KZ Dachau

Nicht gerade die leichteste Zeit meines Lebens waren die vier Jahre im KZ Dachau. Auch sie waren eng mit Spaniern verbunden. So wie die meisten österreichischen Spanienkämpfer waren sie nach der militärischen Niederlage Frankreichs im Jahre 1940 in die Fänge Nazi-Deutschlands geraten. Wenn sie in ein Kriegsgefangenenlager gekommen waren, wurden sie auf Grund eines Erlasses aus diesem entlassen und dem KZ Mauthausen überstellt. Dort trugen sie die Hauptlast beim Aufbau des Lagers und starben in Massen. Einige von ihnen kamen, bis zum Skelett abgemagert, mit Invalidentransporten nach Dachau. Ihnen und den aus Frankreich direkt nach Dachau eingelieferten „Rotspaniern” – einige von ihnen waren bei der Flucht vor Franco noch Schulkinder – galt unsere Solidarität. Da fast keiner die deutsche Sprache beherrschte, war die Einführung in die oft tödlichen Tücken des Lagerlebens überlebensnotwendig. Die Unterbringung in Arbeitskommandos, in denen das Sprachdefizit keine negativen Folgen nach sich zog, war von gleicher Wichtigkeit. Dass ich bei dieser Solidaritätsarbeit mit meinen Sprachkenntnissen mitwirken konnte, verschafft mir heute noch Genugtuung.

Heute

Bei meinem ersten Besuch Spaniens nach dem Tod Francos war ich natürlich auch in Marsa. Hierbei erfuhr ich, dass Maria-Teresa einen Argentinier, ehemaligen Angehörigen der Internationalen Brigaden, geheiratet hatte und je ein halbes Jahr in Spanien und Argentinien lebte.

Im Nachbarhaus ließ ich meine Adresse zurück. Im Herbst desselben Jahres hatte ich einen Brief aus Buenos Aires in meinen Händen: „Lieber Hans, wir haben gehört, dass du uns gesucht hast. Wir treffen uns im nächsten Jahr in Spanien.” Und so geschah es. Ich schäme mich nicht der Tränen, die ich – wie auch die Freunde – beim Wiedersehen vergossen habe. Diese Zusammenkünfte wiederholten sich Jahr für Jahr, bis zum plötzlichen, allzu frühen Tod Maria-Teresas und kurze Zeit später ihres Gatten Fernando.

Nach der Wiedererrichtung meiner Heimat Österreich wurde ich Kriminalbeamter in der Sicherheitsdirektion für das Bundesland Niederösterreich. Die ersten Arbeiten dieser Behörde befassten sich mit der Aufklärung der Verbrechen, die in den letzten Kriegswochen entlang der österreichisch-ungarischen Grenze, beim so genannten „Ostwall-Bau”, begangen worden waren.

Seit meiner Pensionierung (1983) befasse ich mich im Rahmen des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes mit der Erstellung eines Archivs, welches die Tätigkeit der österreichischen Freiwilligen auf Seiten der Spanischen Republik zum Inhalt hat. Dasselbe Thema behandeln meine in den letzten Jahren entstandenen Artikel und Vorträge als Zeitzeuge in österreichischen und spanischen Schulen und Universitäten bzw. Printmedien.

Hans Landauer

Aus Encarta Online.

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Spanien; Legion Condor; Spanischer Bürgerkrieg

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