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Statistiken zufolge sieht der Durchschnittsdeutsche täglich über drei Stunden fern – doppelt so viel wie noch Mitte der achtziger Jahre. Barbara Rusch wirft in ihrem im August 2001 bei Encarta Online erschienenen Essay Die Sucht nach Bildern: Droge Fernsehen einen Blick auf Ursachen und Wirkung des zunehmenden Fernsehkonsums.
Es waren wieder einmal alarmierende Zahlen, die der Fachverband Sucht am Weltdrogentag am 26. Juni 2001 veröffentlichte. Millionen Deutsche sind demnach von Drogen abhängig – sei es von Alkohol, Tabak, Medikamenten oder anderem. Sucht, also im weitesten Sinn das zwanghafte Verlangen nach und die physische/psychische Abhängigkeit von einer Droge, ist dieser Tage wieder zum Thema geworden.
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Auch bei Encarta |
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Der Weltdrogentag gibt aber auch Grund genug, sich einmal mit ganz anderen Süchten auseinanderzusetzen. Denn diese äußern sich nicht nur in der Abhängigkeit von bestimmten Substanzen, sondern auch in so genannten stoffungebundenen Formen. Dabei – wie es Experten beschreiben – „entgleist” eine bestimmte Aktivität – so etwa Essen, Spielen, Einkaufen oder Arbeiten. Auch wenn bei diesen Abhängigkeiten graduelle Unterschiede in der Intensität des Erlebens bestehen und Stärke und Geschwindigkeit der physischen und psychischen Schädigungen in der Regel geringer sind als bei „normalen” Drogensüchten, so sind sie dennoch für die Betroffenen durchaus gefährlich.
Bekannteste Beispiele für stoffungebundene Suchtformen sind Essstörungen wie Anorexia nervosa (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Aber auch der „Workaholic” frönt seiner Arbeits-Sucht und mancher Zocker seiner Spiel-Sucht. Doch wie steht es mit dem Suchtpotential, das einer uns allen vertrauten Tätigkeit innewohnt: nämlich der Mediennutzung, dabei allem voran dem Fernsehen.
Wenden wir uns doch als Erstes der Frage nach der Dosis zu, in diesem Fall dem Umfang unseres TV-Genusses. Tatsache ist, dass elektronische Medien mehr und mehr unser Leben bestimmen – sei es in der Arbeitswelt oder im Bereich der Freizeitgestaltung. Gerade für die Generation der 14- bis 29-Jährigen ist der Umgang mit elektronischen Medien zur Selbstverständlichkeit geworden, wobei neben dem TV- und Radiokonsum auch die Nutzung anderer Medien in der Hitliste der Freizeitbeschäftigungen ganz oben steht. Dennoch ist es trotz Internet und Computerspielen immer noch die Flimmerkiste, die uns quer durch die Generationen in unserer freien Zeit am meisten beschäftigt; eine Ausnahme bilden lediglich die geschätzten rund 1,5 Millionen TV-Abstinenzler, die keinen Fernseher besitzen.
Über drei Sunden täglich, nämlich 185 Minuten, sahen die Deutschen 1999 durchschnittlich fern. Für die Erwachsenen bedeutet das ein doppelt so langes Fläzen vor der Mattscheibe wie noch Mitte der achtziger Jahre. Von der Wiege bis zur Bahre verbringt der bundesdeutsche Durchschnittsbürger rund zehn Jahre seines Lebens als Couch potato. Und für ältere Menschen wird das Fernsehgerät zum wichtigsten Tor zur Welt: 93 Prozent der Senioren ab 70 nutzen es im Schnitt bis zu vier Stunden täglich als Hauptinformationsquelle.
Die technologischen Entwicklungen wie Kabel und Satellit gestatten eine Berieselung rund um die Uhr – die klassische Dachantenne ist mittlerweile (fast) überall auf dem Müll gelandet. Darüber hinaus haben in den letzten Jahren Spezialangebote wie etwa Sport- und Nachrichtensender oder Musikkanäle den Markt für neue Zielgruppen geöffnet.
Dabei ist der tägliche Fernsehkonsum erheblichen Schwankungen unterworfen, die vor allem äußeren Umwelteinflüssen zuzuschreiben sind. So hat eine wirtschaftswissenschaftliche Studie der Universität Dortmund ergeben, dass – na, wer hätte es gedacht? – das Wetter und die Jahreszeiten den TV-Konsum vor allem bei den 14- bis 49-Jährigen mehr beeinflussen als das jeweilige Fernsehprogramm. Ausnahmen bilden lediglich Großereignisse wie etwa die Fußballweltmeisterschaft. Darüber hinaus ist festzustellen, dass der seit 1984 mit Einführung des Privatfernsehens stetig anwachsende TV-Konsum seit einigen Jahren stagniert – wahrscheinlich deshalb, weil bei den meisten zeitmäßig der „Kanal bereits voll ist”.
Relativ genau untersucht ist das Medienverhalten von Kindern. So hat etwa die Studie „Kinder und Medien 1999” des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest ergeben, dass bei 6- bis 13-Jährigen das Fernsehen an Platz zwei der liebsten Freizeitbeschäftigungen steht. Auch moderne Medien-Kids treffen in ihrer Freizeit am liebsten Freunde. Doch trotz dieser eigentlich beruhigenden Erkenntnis sind die Zahlen über den TV-Konsum alarmierend: 99 Minuten sitzen Kinder im Schnitt täglich vor dem TV-Gerät – mit steigender Tendenz. Und 20 Prozent der deutschen Schulkinder verbringen sogar 40 Stunden pro Woche vor der Mattscheibe. Erhebungen zeigen, dass etwa US-amerikanische Kids bei Schuleintritt bereits 7 000 bis 8 000 Stunden TV-Konsum hinter sich haben. Damit haben sie bereits mehr Zeit vor dem Fernseher verbracht, als sie in der gesamten Pflichtschulzeit die Schulbank drücken werden. Und deutsche Kinder haben nach zehn Schuljahren etwa 15 000 Schulstunden, aber im Schnitt 18 000 Fernsehstunden hinter sich. Bis zum 18. Lebensjahr haben sie dabei rund 200 000 Gewalttaten verfolgt und circa 40 000 Mal das Gesicht eines sterbenden Menschen gesehen.
Die Zahlen alleine haben noch keine besondere Aussagekraft, da sie Durchschnittswerte angeben und die Spitzenzeiten der so genannten Vielseher, deren Fernsehkonsum bereits eine Form von Sucht angenommen hat, nicht berücksichtigen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, welche Auswirkungen das Fernsehen auf uns hat. Auch hier sind besonders die Effekte auf Kinder erforscht – vor allem auf diejenigen, die als Vielseher täglich über drei Stunden fernsehen. Die Folgen sind enorm und erfüllen durchaus eines der vier Kriterien, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 1957 als Kennzeichen von Sucht – wohlgemerkt nach süchtig machenden Substanzen – aufgestellt hat: Die Schädlichkeit für den Einzelnen und/oder die Gesellschaft.
Erfahrene Kinderärzte warnen immer wieder davor, dass zu häufiges Fernsehen Verhaltensstörungen bewirken kann. Zu den häufigsten Symptomen zählen Aggressionen, Konzentrationsstörungen und das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Extrem viel sehende Kinder entwickeln aber auch Teilleistungsschwächen wie Rechen-, Schreib-, Lese-, Sprach- und Sprechstörungen. Auch an der Existenz TV-induzierter epileptischer Anfälle und Halluzinationen gibt es keinen Zweifel.
Dramatisch sind die psychosozialen Auswirkungen zu nennen, die ein übermäßiger, unkontrollierter TV-Konsum nach sich zieht. Gerade im Fernsehen erzeugter „Nervenkitzel” zieht eine lange Liste von psychischen Erscheinungen nach sich. So berichten Ärzte von Kindern mit permanenten Angstzuständen, die sich in Aggression oder Regression zeigen oder gar zu depressiven Verstimmungen oder psychogenen Schmerzzuständen führen können, zu Hyperventilation oder Störungen des Wach-Schlafrhythmus. Und regelrechte „TV-Kater” äußern sich in Symptomen wie Müdigkeit, Traumverlorenheit und Absenzen. Fazit der Experten ist, dass übermäßiges Fernsehen aggressives und antisoziales Verhalten fördert.
Eine Studie der Forschungsgruppe Psychophysiologie der Universität Freiburg im Jahr 2000 hat etwa ergeben, dass ein hoher Fernsehkonsum bei Kindern nicht nur die schulischen Leistungen – vor allem im Fach Deutsch – mindert, sondern auch das emotionale Empfinden schwächt. Der Kontakt zu den Mitmenschen – Freunden und Familienangehörigen – ist bei Vielsehern reduziert.
Diese Kinder sind weniger kreativ, musizieren etwa seltener als andere, essen häufig unkontrolliert vor dem Gerät und bewegen sich weniger. Letzteres führt in einen Teufelskreis von Essstörungen, Übergewicht, Bewegungsmangel und verminderte motorische Fähigkeiten. Viel sehende Kinder führen weniger Gespräche; als Folge entwickelt sich geradezu eine „Sprachlosigkeit” in den Familien. Darüber hinaus üben sich diese Kinder nicht ausreichend in zwischenmenschlichen Beziehungen und haben Probleme, sich in Gruppen einzufügen. „Glotzer-Kids” sind häufiger alleine und schlechter Laune, ihr kindlicher Gefühlshaushalt gerät aus den Fugen und ihre Umweltwahrnehmung wird verändert.
Das Fernsehen führt in ein verführerisches und im Endeffekt gefährliches Stimmungshoch, was schließlich in eine „Fernsehsucht” münden kann. Dabei werden Schule und Sozialkontakte als weniger schön erlebt als das Fernsehen. Die damit einhergehende emotionale Abstumpfung sowie eine hohe Aggressivität bestätigt auch eine Studie der Stanford Universität in Kalifornien. Eine Testreihe in Kalifornien, ausgeführt vom Stanford Center of Adolescence ergab jedoch auch, dass das erhöhte Aggressionspotential durch anhaltenden TV-Konsum zwar genährt wird, setzt man die Betroffenen – in diesem Fall Acht- bis Neunjährige – jedoch einem Entzug aus, sprich, lässt man sie weniger vor dem Bildschirm versauern, nimmt es wieder ab.
Die Gründe für den bisweilen exzessiven TV-Konsum, dem Erwachsene und Kinder frönen, sind vielfältig und bedürften einer eigenen Untersuchung. Ganz sicher befriedigt das Fernsehen unsere persönliche Neugier, unser Bedürfnis nach Informationen und Wissenserweiterung, und natürlich liefert es auch – oder vor allem? – Zerstreuung und Unterhaltung. Es bringt uns Genuss, der noch dazu auf einfachste Weise, nämlich per Knopfdruck, jederzeit zugänglich ist.
Diese ohne weiteren Aufwand allgegenwärtige Verfügbarkeit ist es wohl auch, die das Fernsehen im Vergleich zu anderen Freizeittätigkeiten so verführerisch macht – als allzeit bereites Hilfsmittel, um sich vom Alltagsstress zu erholen, Probleme zu vergessen, Konflikten aus dem Weg zu gehen und um sich vor einer zunehmend komplexeren und anstrengenderen Arbeitswelt zu erholen. Fernsehen wird auch zum diffusen „Zeitvertreiber” in einer zunehmend von Vereinsamung geprägten Gesellschaft, wie etwa das Beispiel der viel sehenden Senioren zeigt. Und die Existenz der „Glotzer-Kids” steht auch in enger Verbindung mit der Lebenssituation moderner Kinder. Denn die Vielseher finden sich häufig in Familien mit nur einem Elternteil oder mit mehr als zwei Kindern. Fehlende Freizeitmöglichkeiten, Überforderung der Eltern in ihrer spezifischen Lebenssituation und mangelnde Betreuungsangebote „zwingen” manche Familien regelrecht, den „Babysitter” TV in weitaus größerem Maß zu nutzen, als es gut und richtig wäre.
Auch wenn Fernsehen an sich beileibe nichts Schlechtes ist, so zeigen wissenschaftliche Ergebnisse doch, dass der Volksmund mit dem Schlagwort „Droge Fernsehen” durchaus Recht hat. Grund genug, nicht nur das Fernsehverhalten unserer Kinder, sondern auch unser eigenes einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen. Denn die Sucht nach dem „Leben aus zweiter Hand” ist in allen Altersstufen verbreitet.
Barbara Rusch
Aus Encarta Online.
Erscheint in:
Arbeitsgesellschaft; Freizeit; Fernsehen
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