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Carl Weyprecht: Gefangen im Packeis

Die Expeditionen der Polarforscher Carl Weyprecht und Julius Ritter von Payer brachten wichtige Erkenntnisse über die nördlichen Polarregionen. Im Rahmen der österreichisch-ungarischen Arktisexpedition (1872-1874) gelangten sie zu einer Inselgruppe, der sie den Namen Franz-Josef-Land gaben. Ihr Schiff, die Tegetthoff, wurde im Verlauf der Reise von Packeis eingeschlossen. Weyprecht beschrieb in seinem Werk Die Metamorphosen des Polareises auch die kritische Phase, in der das Schiff seine Fahrt nicht fortsetzen konnte.

Carl Weyprecht: Gefangen im Packeis

Plötzlich wankte das Eis unter unseren Füssen, die durchschnittlich 4 Fuss dicke, scheinbar so spröde Eisdecke, die ursprüngliche Scholle, an welcher das Schiff verankert worden war, wand und bog sich einen Augenblick und stieg blasenartig empor, dann ging unsere Flarde in Stücke.

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Das jenseitige Feld hatte gesiegt und nun drängte es heran gegen das Schiff, und wie wenn sein Endzweck die Vernichtung des schwachen Baues aus Holz gewesen wäre, schob es die Trümmer des unterlegenen Gegners, der das Schiff schützend umgeben hatte, gegen dasselbe los. Unsere ganze Umgebung befand sich in wildester Aufregung und Confusion, jedes Stück presste gegen den Nachbar, jeder Block suchte über den anderen hinwegzuschreiten. Hier wurde eine mächtige Eistafel senkrecht in die Höhe geschoben und fiel krachend über den Vordermann hinüber, dort ward eine andere hinabgedrückt und kam nicht mehr zum Vorschein. Gross und klein, junges und altes Eis, von 2 bis 12 Fuss Dicke, die ganze wildbewegte Masse presste und drängte unter dem jenseitigen Druck heran gegen das arme Schiff, das hülflos ihrer Wuth preisgegeben war.

Jede Planke ächzte und stöhnte und das Deck, auf dem wir standen, zitterte uns unter den Füssen. Wir fühlten wie es sich hob, die Deckbalken bogen sich und die Masten begannen sich zu lockern, schussartige Schläge ertönten im ganzen Inneren und das Holzwerk krachte und jammerte nachgebend von vorne bis achter. Wie in Wuth über den unerwarteten Widerstand kletterte das Eis auf beiden Seiten in die Höhe und ragte in der Mitte schon weit über die Bordwand empor. Da und dort drohte ein Eiscoloss auf Deck herabzustürzen und so die scheinbar unvermeidliche Katastrophe zu beschleunigen.

Auf Steuerbord beim Grossmaste presste eine mächtigere Scholle gegen die Schiffswand; sie war derart eingeklemmt, dass sie nicht hinabzutauchen und nicht emporzusteigen vermochte. Von ihr hing das Schicksal des Schiffes ab. Mit aller Gewalt suchte sie sich einzubohren, fester und fester presste sich der Schraubstock aus Eis zusammen, in dem wir eingeklemmt lagen, es schien nicht möglich, dass das Schiff länger widerstehe.

Da, im Augenblick als wir das Krachen des berstenden Holzwerkes zu hören glaubten, ging die eingeklemmte Scholle in Stücke, die Trümmermasse schob sich hinab und das Schiff mit seiner vollen Ladung stieg langsam empor und legte sich nach Backbord über, hinauf gehoben von der untergedrückten Eismasse. Das Eis der Umgebung trieb sein Unwesen noch weiter, allein mit dem Widerstande war auch die Kraft der Pressung gebrochen. Die jenseitige schwere Flarde hatte sich bis dicht zum Schiffe herangezwängt, die um und unter uns aufgehäufte und fest zusammengepresste, gewaltige Trümmermasse diente uns aber als Schutz gegen dieselbe.

Durch vier Tage kam unsere Umgebung nicht zur Ruhe, das Schiff jammerte und stöhnte ununterbrochen, bald sank es etwas ein, bald wurde es wieder höher emporgehoben. Von aussen kratzte und pochte das Eis an der Bordwand, als begehre es drohend Einlass in das Innere.

Karl Weyprecht: Die Metamorphosen des Polareises. Wien 1879, S. 31-33.

Erscheint in:

Franz-Josef-Land; Weyprecht, Carl; Payer, Julius Ritter von

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