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Der deutsche Afrikaforscher Hermann von Wissmann bereiste nach 1880 mehrfach zentrale Regionen Afrikas. Dabei gelang ihm auch eine West-Ost-Durchquerung Äquatorialafrikas. Im folgenden Abschnitt schildert er seine Eindrücke von der ansässigen Bevölkerung am Kasai (Kassai), dessen Verlauf er erforschte.
Unbehelligt legten wir gegen Mittag an einer nahe am Ufer gelegenen Insel an. 500 m vom Lager entfernt lag ein Dorf, dessen Bewohner sich zwar scheu, aber nicht feindlich gegen uns benahmen. Wir traten mit ihnen in Verkehr und machten ihnen verständlich, daß wir Lebensmittel eintauschen wollten, doch stellte sich bald heraus, daß sie nichts besaßen. Das Dorf war fast verlassen, nur wenige Krieger und einige Frauen waren zurückgeblieben. Zwischen den Hütten liefen viele Schweine umher.
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Die Eingeborenen nannten sich Batoba und gehörten ebenfalls zu den Bassongo-Mino. Sie hatten nur die obern Schneidezähne spitz gefeilt. Wir wurden von ihnen mit besonderm Mistrauen beobachtet und erfuhren schließlich, daß sie von dem gestrigen Gefecht bereits gehört hätten und von ihren Stammesgenossen aufgefordert worden seien, sich mit ihnen heute an einem zweiten Angriff auf uns zu betheiligen. Jedoch sei diese Aufforderung von ihnen zurückgewiesen und deshalb der ganze Plan aufgegeben.
Auf unserm Lagerplatze befanden sich zahlreiche Flußpferdpfade. Um 9 Uhr abends fanden sich auch zwei Thiere ein und musterten schnaubend unsere Kanoes, bis sie von einigen Leuten mit Steinwürfen fortgetrieben wurden.
Die feurige Sonnenkugel war längst am Horizont versunken, nur der matte Lichtschimmer des gestirnten Himmels spiegelte sich auf der dunkeln Wasserfläche wieder. Da tauchten oberhalb die dunkeln Umrisse eines Gegenstandes auf der Wasserebene auf, welcher sich geräuschlos und langsam dem Lager näherte. „Kiá, Kiá!” der Ruf, wodurch die Baluba ihr höchstes Erstaunen ausdrücken, alarmirte das ganze Lager, und eine unbeschreibliche Aufregung, wie sie nur durch die nervenangreifenden Ereignisse der letzten Tage entstehen konnte, bemächtigte sich unserer Leute. Mit schußbereiter Waffe stürzten sie wild und sinnlos nach dem Ufer, sahen hier die dunkle Masse und sandten ihr einen Hagel von Geschossen entgegen; von dort aber erfolgte keine Antwort, kein Feind regte sich; unbeirrt und unheimlich rückte das vermeintliche mächtige Kanoe näher. Jetzt befand es sich nur wenige Meter vor uns – da hörte das Schießen der Leute plötzlich auf, und ein schallendes Gelächter erleichterte die geängstigten Gemüther: der vermuthete Feind entpuppte sich als eine schwimmende Insel, welche nun von Bleikugeln durchbohrt schwerfällig stromabwärts zog.
Am andern Morgen rief uns das Signal frühzeitig in die Fahrzeuge, und die Reise nahm ihren Fortgang. Der Fluß zeigte dasselbe Landschaftsbild wie gestern. Ueberall zwangen Inseln und Sandbänke den Strom, seine Gewässer zu theilen, und nur selten sah man die gesammte Wassermasse vereinigt. Urwald und Palmen folgten dem Fluß an den Böschungen der Ufererhebungen, stellenweise setzte die Bedeckung aber vollkommen aus. An einer solchen Blöße bemerkten wir seit dem Verlassen von Malange den ersten verkümmerten Baobabbaum, dessen Anblick von unsern Angola jubelnd begrüßt wurde, da sie glaubten, daß wir uns nun ihrer Heimat näherten und die beschwerliche Fahrt bald beendet sein würde.
Hermann Wissmann, Ludwig Wolf, Curt von Francois, Hans Mueller: Im Innern Afrikas. Leipzig 1888, S. 368f.
Erscheint in:
Kasai; Wissmann, Hermann von
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